Sich eingestehen, dass man süchtig ist. Erkennen, was die Sucht kaputt machen und dass der Weg aus der Sucht nur mit professioneller Hilfe funktionieren kann. „Ich kam mit 15 Jahren zum Alkohol“, erzählt Felix (Name von der Redaktion geändert). „Überall gab es was zu trinken.“ Dass die Alkoholmengen im Laufe der Zeit immer größer wurden, hat er zunächst nicht gemerkt. Irgendwann war es der Alkohol, der bei Felix den Alltag bestimmt hat. „Es war mir alles egal“, sagt er. „Ich hatte nur ein Ziel: so schnell wie möglich an meinen Alkohol zu kommen.“

Alle haben es mitbekommen

Die Probleme wurden immer deutlicher: „Irgendwann bekam ich Probleme mit der Gesundheit und auch bei der Arbeit“, erzählt er weiter. Dem Arbeitgeber und der Familie sind die Veränderungen bei Felix nicht entgangen. „Alle haben mitbekommen, dass es so nicht weitergehen kann.“ Gemeinsam mit den Angehörigen hat er die Entscheidung getroffen, sich Hilfe zu holen.

Hilfe erhielt Felix in der Psychiatrischen Tagesklinik in Bad Säckingen beim Gesundheitscampus. Insgesamt 20 teilstationäre Behandlungsplätze gibt es im Haus der psychiatrisch wohnortnahen Versorgung für die Region Hochrhein. Sie sind nicht nur für die suchtkranken Menschen da, sondern auch für deren ratsuchende Angehörige. Die Tagesklinik gehört zum Zentrum für Psychiatrie Reichenau und arbeitet mit dem Psychiatrischen Behandlungszentrum Waldshut-Tiengen zusammen. Vor fünf Jahren kam die Einrichtung nach Bad Säckingen, wo sie eng mit dem Spital zusammengearbeitet hat. „Es kam vor, dass Menschen wegen einem Beinbruchs in das Spital eingeliefert worden sind und im Laufe der Behandlung wurde die Sucht erkennbar“, erklärt Claudia Vallentin, die ärztliche Direktorin Psychiatrie und Psychotherapie Waldshut und Chefärztin in der Bad Säckinger Tagesklinik.

In Deutschland nimmt der Alkoholkonsum bei Männern den fünften Platz ein. Jeder Einwohner über 15 Jahre nimmt im Durchschnitt elf Liter reinen Alkohol pro Jahr zu sich und nach den Richtwerten der WHO konsumieren 18,1 Prozent der deutschen Erwachsenen Alkohol in riskanten Mengen. 2,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung erfüllen die Kriterien für schädlichen Alkoholkonsum und 3,1 Prozent für eine Alkoholabhängigkeit. Seit 1968 wird die Alkoholabhängigkeit auch juristisch als Krankheit anerkannt.

„Ich bin immer fahriger
geworden“

Bei Alexander (Name von der Redaktion geändert) war es der Alkohol, gepaart mit dem Konsum von Cannabis. „Ich habe gemerkt, dass ich immer fahriger geworden bin, besonders bei der Arbeit“, sagt er. Oft waren es Depressionen, der ihn wieder zur Flasche oder zu einem Joint greifen ließen. „Ich habe gemerkt, ich habe ein Problem, wollte es mir aber nicht eingestehen.“ Irgendwann hat auch seine Partnerin gespürt: „So kann es nicht mehr weitergehen.“

Felix und Alexander hatten zuerst eine stationäre Behandlung begonnen. „Ich wollte es unbedingt, aber die drei Monate auf der Station waren einfach nichts für mich“, erzählt Felix. Er verließ die Klinik und der nächste Absturz ließ nicht lange auf sich warten, wie er berichtet. Erfahrungen, die auch Alexander gemacht hat.

„Es gibt Patienten, die benötigen ihre vertraute Umgebung“, bestätigt die Chefärztin. Das heißt, sie sind tagsüber in der Klinik und abends wieder zu Hause. Doch kann auch das Gegenteil der Fall sein und für den Klienten sind die Erfolgsaussichten höher, wenn er stationär untergebracht wird. In der Tagesklinik lernen die Klienten, wieder Struktur in ihren Alltag zu bringen und den Blick wieder auf andere Dinge zu wenden. „Manche wissen gar nicht mehr, wie schön ein Spaziergang sein kann“, erklärt Gesundheits- und Krankenpfleger Thomas Bergheim. In der Tagesklinik finden Gruppensitzungen statt. Aber auch Komplementärtherapien wie Ergo-, Arbeits- oder Kunsttherapie, Musiktherapie und körperorientierte Therapien. „Niemals hätte ich gedacht, dass ich mal ein Bild zeichne“, sagt Felix. Die beiden Männer fühlen sich wohl in der Einrichtung. „Die schöne Umgebung oder die vertrauten Gesichter“, zählt er auf. Das hat den beiden nach ihrem Rückfall geholfen, sich schneller als beim ersten Mal Hilfe zu holen. Inzwischen haben sich die Klienten angefreundet, was ihnen im Alltag weiteren Halt gibt. „Denn wir haben alle unsere Geschichte“, sagt Alexander. Über die Klinik hat er auch eine neue Arbeitsstelle gefunden. „Man lernt, sich endlich wieder anders zu beschäftigen“, sagt er. Die Sucht gerate so immer mehr in den Hintergrund.

Sie sind füreinander da

„Wir haben sogar eine WhatsApp-Gruppe und morgens melden wir uns gegenseitig und fragen wie es geht“, ist Anne (Name von der Redaktion geändert) begeistert. Sie hat vor fünf Jahren damit begonnen, übermäßig Alkohol zu trinken. „Mein Mann war Alkoholiker“, erzählt sie. Die dadurch entstehenden Probleme in der Beziehung ertränkte Anne ebenfalls mit Alkohol. „Als mein Mann dann vor drei Jahren starb, war ich körperlich und psychisch am Ende“, sagt sie. Aber da waren auch noch ihre beiden minderjährigen Kinder. „Ich wusste, ich muss mir helfen lassen.“ Über einen Arzt hat sie dann die Adresse für die Tagesklinik erhalten. Inzwischen ist Anne seit zweieinhalb Jahren „trocken“ auch Felix und Alexander machen einen großen Bogen um die Drogen und den Alkohol. Doch als geheilt bezeichnet sich keiner der Drei. Nur inzwischen wissen sie, wo sie Hilfe bekommen und vor allem, wann sie sich Hilfe holen müssen.

Die Psychiatrische Tagesklinik

  • Die Fachgebiete: In Verbindung mit einer Sucht können Depressionen oder andere psychische Erkrankungen auftreten. Darum sind in der Psychiatrischen Tagesklinik die Fachgebiete Allgemeine Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Depressionsbehandlung, Suchtmedizin, Alterspsychiatrie, Forensische Psychiatrie, Arbeiten und Wohnen sowie Angehörige untergebracht. Sie ist für Klienten aus dem Kreis Waldshut zuständig. Dort werden alle Formen der Sucht behandelt. Das betrifft etwa Drogen-, Alkohol-, Tabletten- oder Spielsucht.
  • Der Ablauf: In der Regel kommen die Klienten zur Entgiftung in stationäre Behandlung, zur weiteren Stabilität in eine teilstationäre Behandlung. Ist der Klient stabil, kann er in einer Selbsthilfegruppe untergebracht werden. Die individuelle Angebote finden in kleinen Gruppen statt. „Damit gelingt der Blick auf den Einzelnen besser“, erklärt Chefärztin Claudia Vallentin.
  • Die Zahlen: Allein in Deutschland sterben täglich rund 200 Menschen an zu hohem Alkoholkonsum. Das sind jährlich rund 74.000 Todesfälle. Seit 1968 ist die Alkoholabhängigkeit juristisch als Krankheit anerkannt. Der hohe Alkoholkonsum kann zahlreiche somatische Erkrankungen auslösen. Laut WHO bis zu 200 verschiedene. Alkohol ist für sechs Prozent aller und für mehr als 25 Prozent der Todesfälle in der Altersgruppe 20 bis 39 Jahre verantwortlich. 29 Prozent der Männer und neun Prozent der Frauen werden wegen einer somatischen Erkrankung in ein Krankenhaus eingewiesen. Im Zusammenhang mit Alkohol können psychische Störungen auftreten, Schizophrenie, Depressionen, Angststörungen, Bipolare Störungen, posttraumatische Belastungsstörung, Persönlichkeitsstörung und vieles mehr. (ska)