Für 145 Jahre ist sie verschüttgegangen: die allererste Oper „Der Trompeter von Säkkingen“ mit der Musik von Bernhard Scholz. Nach der Uraufführung 1877 in Wiesbaden ist sie sang- und klanglos vom Spielplan verschwunden. Und man fragt sich heute: Was hat das Publikum daran gestört? War die Musik nicht zündend oder das Libretto zu schwach? Warum war ihr nicht der gleiche Erfolg vergönnt wie der späteren romantischen Oper Victor von Neßlers?

Bernd Crössmann, Vorsitzender der Scheffel-Freunde Bad Säckingen, hat diese Fragen nicht losgelassen. Aus damaligen Premierenkritiken hat er den Schluss gezogen: „Die Musik hat gefallen und wurde mit viel Beifall aufgenommen. Der Komponist wurde gefeiert, kam sogar auf die Bühne heraus, aber das Libretto ist durchgefallen“. Victor von Scheffel, der Dichter des Trompeter-Epos, wird zu der freien Benutzung seiner Dichtung durch den Berliner Librettisten Theobald Rehbaum wohl gute Miene zum bösen Spiel gemacht haben.

Crössmann, der die Noten in der Staatsbibliothek Berlin entdeckt hat, meint zu dem Reinfall der Oper: Den Leuten habe wohl nicht gefallen, dass der nicht adelige Jüngling, der mit einer Trompete durch die Lande zieht, ein „charmanter Taugenichts“, einen gestandenen Freiherrn (den von Schloss Schönau) retten soll. Auch wie die aufständischen Bauern, die zum Schloss vorrücken, dargestellt wurden, habe den damaligen Zeitgenossen offenbar nicht behagt.

In den dieses Jahr herausgekommenen Scheffeltexten Heft 5, die sich der vergessenen Oper widmen, geht Herausgeber Bernd Crössmann auf die politischen Hintergründe ein, die in Rehbaums Trompeter-Bearbeitung wiederzufinden sind: siegreiche Preußen, verräterische Österreicher, ein Liebeshändel, ein Bauernaufstand, ein Hinterhalt, sentimentale Parallelhandlungen und eine Tochter im Loyalitätskonflikt zwischen ihrem preußischen Geliebten und ihrem österreichischen Vater.

Und dann kommt Werner, der Trompeter von Säckingen, und kann den Spieß umdrehen – eine tolle Story. Diese Veränderungen des Librettos führten wohl dazu, dass das Publikum im Königlichen Hoftheater zu Wiesbaden, dem Sitz der Provenzialregierung – garantiert ein gehobenes Publikum – in diesem Fall nicht das richtige für den Operntext war. Sie konnten sich in diesem Libretto wahrscheinlich nicht recht wiederfinden.

Sogar Intrigen im Hintergrund vermutet

Auch gibt es Hinweise darauf, dass der Generalintendant der Königlichen Schauspiele Berlin, Botho von Hülsen, ein raubeiniger Typ, ehemaliger Offizier, der von Musik anscheinend keinen blassen Schimmer und etwas gegen den Komponisten hatte, das Stück absetzte, weil es nicht gleich Gefallen fand. Hinter den Kulissen könnten sogar Intrigen gelaufen sein.

Immerhin wurde die Musik beklatscht – leider nicht bis heute. Aber das soll sich ändern, wenn nun zum Abschluss der 75. Bad Säckinger Kammermusik-Abende im glorreichen Jubiläumszyklus eine Aufführung „im Taschenformat“ über die Kursaal-Bühne gehen soll. Die Sopranistin Sophie-Louise Stengel, der Bariton Eric Fergusson und der Pianist Paul Sturm werden die von dem Musikwissenschaftler Jochen Müller-Brincken rekonstruierte und bearbeitete Fassung für zwei Gesangsstimmen, Klavier und einen Sprecher aufführen. Da das Aufführungsmaterial verschollen ist, bietet der einzige erhaltene, von Crössmann aufgestöberte Klavierauszug die Grundlage für die musikalische Bearbeitung.

Der beliebte Moderator und Tausendsassa Juri Tetzlaff hat die Handlung entstaubt, einen eigenen Text verfasst und erzählt als Sprecher die Geschichte in heutiger Sprache nach. Freuen dürfen sich die Besucher also auf die Musik, vor allem auf die eingängige Trompetenmelodie, deren Signalthema ideal für die Trompeterstadt ist, auf das Liebesduett zwischen Werner und Margarethe und auf das Lied des Trompeters „Alt Heidelberg“, das damals der Hit war.