Sandra Wollersheim hat die Flutkatastrophe im Ahrtal im Juli 2021 mit ihrem Sohn auf dem Speicher überlebt. 15 Stunden haben sie dort ausgeharrt, bis sie von der Feuerwehr mit einem Boot gerettet werden konnten. Ihr Haus ist heute noch unbewohnbar. Sie und ihre Familie werdend nun mit dem Benefiz-Event Dunker-bewegt unterstützt (Siehe Seite 1).

Frau Wollersheim, wie geht es Ihnen heute ein Jahr nach der Flutkatastrophe?

Uns geht es gesundheitlich gut. Wir haben aber großes Heimweh. Die Aufräumarbeiten gehen zäh voran, wir müssen noch ganz lange Geduld haben.

Wie sehr ist ihre Familie von den Schäden betroffen?

Meine Familie, Eltern und Geschwister, leben alle in Dernau. Leider hat das Hochwasser uns alle getroffen. Das Elternhaus war der Ahr am nächsten und hatte mit fast sechs Metern Wasserhöhe im Haus den schlimmsten Schaden. Meine Mutter und mein Vater konnten sich im Obergeschoss retten. Ich bewohnte mit meinem Sohn das Haus meiner verstorbenen Großmutter, auch hier hat das Hochwasser einen Totalschaden bis ins Obergeschoß angerichtet. Meine beiden Brüder mit Familien sind ebenso betroffen. Besonders traurig sind wir natürlich um all ganz persönlichen Dinge, die man nicht mehr kaufen kann. Die Fotoalben und gesammelten Werke – auch noch von den Großeltern – bekommt man nie wieder, genauso wie besondere Spielzeuge aus Kindertagen, die sorgsam aufbewahrt worden waren. Alles andere wie Schuhe, Kleidung, Einrichtung, Autos, Werkzeuge, Spielsachen und so weiter, kaufen wir neu.

Was wiegt besonders schwer, wenn Sie heute eine Zwischenbilanz ziehen?

Heute fühle ich mich oft überfordert mit der Aufgabe des Wiederaufbaus, niedergeschlagen, traurig und kraftlos. Der Alltag geht ja ‚nebenher‘ weiter. Ich habe eine Arbeit, mein Sohn geht in die zweite Klasse. Für die Häuser und die Einrichtung waren weder meine Eltern noch ich versichert, so dass wir auf das Angebot der Wiederaufbauhilfe durch den Staat angewiesen sind. Die Pauschale für die Wiederbeschaffung von Hausrat und Einrichtung war schnell und unkompliziert abwickelbar.

Das Antragsverfahren für die Unterstützung der Gebäudewiederherstellung ist hingegen sehr komplex. Zuerst muss ein Schadengutachten erstellt und eine Fülle an Nachweisen und Unterlagen zusammengestellt werden. Alleine die Zusammenstellung der erforderlichen Dokumente ist eine Herausforderung, denn alle persönlichen Sachen sind ja dem Hochwasser zum Opfer gefallen. Und auch die entsprechenden Behörden in Ahrweiler, wie Kreisverwaltung, Finanzamt, oder auch die Sparkasse, waren stark betroffen durch das Hochwasser. Aber ich möchte nicht schlecht sprechen. Die Wiederaufbauhilfe ist ein großartiges Angebot. Und aus diesem Grund fühle ich mich genauso oft voller Tatendrang und Vorfreude und optimistisch!

Würden Sie denn sagen, Sie hatten Glück im Unglück?

Ja, wir hatten Glück! Meine Familie und auch meine Freunde und Nachbarn haben alle überlebt, das ist schon ein Glück. Denn alleine in Dernau gab es elf Todesopfer. Das ist schrecklich.

Was ist bereits getan worden und was muss noch alles getan werden, in ihrem Haus und im Haus Ihrer Eltern und Ihrer Brüder?

Die Häuser sind in den letzten Monaten in einen Rohbauzustand versetzt worden. Das Mauerwerk muss aufwendig getrocknet werden – trocknet immernoch – und teilweise müssen Heizöl getränkte Wände abgerissen und neu gebaut werden, da die Geruchsbelastung gesundheitsschädlich ist. Die Flut bestand ja nicht aus klarem Wasser, sondern aus einer Schlammbrühe gemischt mit Heizöl und Fäkalien. Um mit den Aufbauarbeiten zu beginnen, muss geklärt werden, wie eine Finanzierung funktionieren kann. Die Schäden sind sonst nicht bezahlbar. Eine weitere Schwierigkeit besteht in der Bezifferung des Schadens. Materialkosten und Arbeitslöhne sind derzeit überall schwer zu kalkulieren. Handwerker sind rar, ortsansässige, die man gerne beauftragen würde, sind selbst betroffen und können sich vor Aufträgen nicht retten. Das ist wie ein Hamsterrad.

Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung?

Meine Wahrnehmung in Dernau, also in Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft ist, dass der Optimismus und die Vorfreude, irgendwann wieder Zuhause wohnen zu dürfen und „sein altes Leben wieder zu haben“, alle antreibt. In meinem direkten Umfeld gibt es niemanden, der Dernau den Rücken kehrt. Im Gegenteil. Waren wir schon immer sehr verliebt in unser Dorf und ich glaube, jetzt ist uns noch viel bewusster, wie wunderschön unsere Heimat ist. Der Anblick der Zerstörung durch die Flut ist nach wie vor unerträglich, aber wir bauen es wieder auf. Nie wieder wird es wie es war, aber es wird wieder schön.

Fragen: Gudrun Deinzer