Es ist Donnerstagmorgen sieben Uhr: Im fernen China steht die Entscheidung beim Freestyle Ski Cross der Damen an. Mit dabei auch Daniela Maier aus Furtwangen. Neben hunderttausenden Fernsehzuschauern aus der ganzen Nation, schauen sich 50 Fans aus ihrem Skiclub in Urach den Krimi beim Public Viewing im heimischen Gemeindehaus an, natürlich entsprechend ausgerüstet mit Bollenhüten, Schals und Fahnen und in bester Stimmung, die im Verlaufe der Rennen immer besser wurde – und mitten drin die Eltern Bruni und Thomas Maier.

Freut sich riesig über Bronze: Daniela Maier aus Furtwangen.
Freut sich riesig über Bronze: Daniela Maier aus Furtwangen. Bild: Hahne, Joachim

Was Mutter und Vater, sowie die anwesenden Skiclubmitglieder dann live erlebten, werden sie nie mehr in ihrem Leben vergessen. Das Viertelfinale: Daniela hat, wie üblich, nach dem Start Probleme mit den ersten Wellen und fährt lange hinterher. Nach einer tollen Aufholjagd mit Körperkontakt kämpft sie sich nach vorne und überfährt die Ziellinie als Zweite – und ist mit einem Urschrei im Semifinale. „Wahnsinn“, meinte ARD-Sprecher Tobi Barnerssoi. Der ehemalige Skirennläufer war ganz aus dem Häuschen: „Ihre Fans zuhause beim Public Viewing werden durchdrehen.“

Und es kam noch besser beim Halbfinale: Dani ist nach dem Start wieder hinten. Sie lässt sich nicht abschütteln, braucht aber lange, bis sie den beiden führenden Kanadierinnen beim Zielsprung im Nacken sitzt und die drei gemeinsam ins Ziel rasen. Das Photo Finish musste her, spannender geht‘s nimmer: Daniela hat sprichwörtlich die Nase vorne und steht im Finale – Jubel brandet auf und keinen hält es mehr auf den Sitzen. Jetzt ist alle möglich.

Das Finale: Dani geht es erneut „langsam“ an und positioniert sich auf dem dritten Platz. Diesen verliert sie nach einem technischen Fehler in einer Kurve kurz vor dem Ende noch an die Schweizerin Fanny Smith. Auf der Zielgeraden greift die Deutsche noch einmal an, verkantet den Ski und fährt als Vierte ins Ziel. Aus der Traum von einer Medaille – dachten alle. Bitter enttäuscht will Daniela den Zielraum verlassen, wird aber von den Offiziellen zurück beordert. Was war geschehen? Kurz vor dem Ziel gab es einen Kontakt mit der Schweizerin, die neben ihr fuhr. Der Schwarzwälderin verriss es den Ski und sie konnte gerade noch einen Sturz verhindern. Mit einem Videobeweis wollte die Jury prüfen, ob hier alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Nach gut zehn Minuten, eine kleine Ewigkeit für die Rennläuferinnen im Ziel und für die Fans zuhause, erschien auf der Anzeigetafel der Name Daniela Maier auf dem dritten Platz – die erste Bronzemedaille bei Olympia für eine deutsche Ski Crosserin in der Geschichte dieses Wettbewerbs. Sportlich fair tröstete sie die disqualifizierte Schweizerin und schüttelte immer wieder den Kopf.

Jetzt brachen alle Dämme – und es fließen Tränen. Tränen bei den rund 50 Fans und dicke Tränen auch bei Daniela – bei der anschließenden Flower-Zermonie und bei den anschließenden Interviews. So richtig genießen konnte sie den Erfolg erst nach der Siegerehrung – und mit der Bronzemedaille in der Hand. Mittlerweile strahlt sie und behält die Medaille gerne. „So sind die Regeln, das ist Ski Cross. Ich werde noch ein paar Stunden brauchen, bis ich das realisiert habe“, meinte die sympathische Schwarzwälderin direkt nach der Siegerehrung und schickte liebe Grüße in die Heimat.

Einfach nur genial

„Wir sind nur stolz“, meinte Manfred Kienzler, Vorsitzender des Skiclub Urach. „Was sie geleistet hat ist phänomenal. Vier Läufe so konzentriert runter bringen ist grandios und sie hat riesig gekämpft – und das alles nach zwei schweren Verletzungen. Die Entscheidung der Jury war richtig, Daniela war eindeutig schneller und hat es absolut verdient. Toll finde ich auch, dass die Eltern Bruni und Thomas bei uns im Gemeindesaal in Urach live dabei waren. Natürlich werden wir unserem Schwarzwald-Maidle, zusammen mit den Städten Vöhrenbach und Furtwangen, einen würdigen Empfang bereiten.“

„Wir sind mega Stolz auf Daniela“, so Vater Thomas. „Nicht nur wegen ihres Erfolges. Die Tatsache, dass sie der disqualifizierten Fanny Smith die Bronzemedaille gegönnt hätte, zeigt wie fair sie ist.“ Und Mutter Bruni ergänzt: „Danielas Leistung ist einfach nur stark. Ich muss zugeben, den Kampfgeist und das Durchhaltevermögen hat sie von ihrem Vater.“ Auch Urachs Ortsvorsteher Martin Schneider war überwältigt: Für den Ort und den Skiclub ist es ein Tag, der in die Geschichte von Urach eingehen wird.“

Auch für den Skiverband Schwarzwald war es die erste Medaille bei den Olympischen Spielen 2022. Entsprechend begeistert war Präsident Manfred Kuner: „Neben ihrem fantastischen sportlichen Triumph fand ich es überragend, welche Fairness sie gezeigt hat.“