Am vergangenen Freitag wurden in Peking die 24. Olympischen Winterspiele eröffnet, duellieren aktuell die besten Wintersportler um Gold, Silber und Bronze. Gut drei Wochen später, am 4. März werden in der chinesischen Hauptstadt über 700 der weltbesten paralympischen Athleten zu den Paralympics erwartet. Über zehn Tage hinweg geht es für die Behindertensportler in 78 verschiedenen Wettbewerben in sechs Sportarten ebenfalls um das begehrte Edelmetall.

Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) hat 18 Athletinnen und Athleten für das Team Deutschland nominiert. Ein Großteil von ihnen kommt aus Südbaden, trainiert am Olympiastützpunkt Freiburg-Schwarzwald und am Schwarzwald Nordic Center Notschrei. Das deutsche Paralympic-Team befindet sich um Umbruch, die Verjüngung der Kader ist eingeläutet. „Das Umdenken gab es schon länger, aber es gab nicht die notwendige Anzahl der Kader. Nun haben wir mehr Personal, mehr Trainer und können alles besser aufbauen und betreuen“, erklärt der Nachwuchs-Bundestrainer Michael Huhn.

Das Schießen bei sehbehinderten Biathleten geht über das Gehör.
Das Schießen bei sehbehinderten Biathleten geht über das Gehör. Bild: Joachim Hahne

Mit dabei ist auch Leonie Walter. Die 18-jährige vom SC St. Peter gehört zu den großen Nachwuchshoffnungen des DBS. Die Freude ist natürlich groß bei der sehbehinderten Sportlerin auf die Paralympics-Premiere. „Ich bin froh dabei sein zu dürfen, hoffe viel Spaß zu haben in Peking“, betont Leonie. „Wir haben insgesamt viele junge Athleten, die auch zum Lernen dabei sind. Für die meisten ist es die erste Paralympics-Teilnahme, sie sollen Erfahrung sammeln“, nimmt Michael Huhn den Druck von den Athleten. Andererseits erhofft man sich natürlich auch die ein oder andere Medaille. „Wir haben aber auch die alten und erfahrenen Hasen dabei, wie Anja Wickert, Alexander Ehlert und Martin Fleig, die vorne mitmischen sollen. Aber es muss natürlich im Paket alles zusammen passen. Es wird kein Selbstläufer“, ergänzt der Bundestrainer Nachwuchs.

Video: Joachim Hahne johapress

Wie die Olympischen Spiele, werden auch die Paralympics als die „Corona-Spiele“ in die Geschichtsbücher eingehen. Längst leben die Athletinnen und Athleten, Trainer und Betreuer in der „Blase“, um sich vor dem Saison-Höhepunkt nach Möglichkeit nicht noch mit Corona zu infizieren. Trotz täglicher Tests und der Einhaltung von strengen Hygiene-Richtlinien lässt sich dies aber nicht immer verhindern, was sich gerade auch bei den Olympischen Spielen widerspiegelt.

Ihre Liebe zum Skilanglaufsport hat Leonie Walter schon früh beim Heimatverein SC St. Peter entdeckt. Das große Talent wurde erkannt und auch früh vom Sonderpädagogischen Förderzentrum Sehen in Waldkirch mit der Betreuung weiter gefördert. Die ersten sportlichen Erfolge bei „Jugend trainiert für Paralympics“ und weiteren Wettkämpfen stellten sich ein. Es folgte die Kaderaufnahme in den DBS, seit 2018 tourt die sehbehinderte Wintersportlerin schon erfolgreich durch den Para-Weltcup. Fast selbstredend, dass die selbstbewusste junge Frau mit den markant langen Zöpfen bei den Weltcups und der Schneesport WM in Lillehammer in diesem Winter locker die Norm für die Paralympics schaffte.

Leonie Walter mit Guide Pirmin Strecker.
Leonie Walter mit Guide Pirmin Strecker. Bild: Joachim Hahne

Mit acht bis zehn Trainingseinheiten pro Woche, was einem Zeitaufwand von zwölf bis 18 Stunden entspricht, haben sich die Behindertensportler auf den Saisonhöhepunkt vorbereitet. An drei Tagen wird jeweils zweimal trainiert. Leonie Walter ist mit Guide Pirmin Strecker (SV Kirchzarten) sowohl als Skilangläuferin, wie auch als Biathletin mit von der Partie. Am Schwarzwald-Nordic-Center am Notschrei findet das Duo wie auch die anderen nordischen Athleten beste Trainingsbedingungen vor. Teilweise bis zu zehn Trainingsrunden absolvieren die Skilangläufer und Sitz-Schlittenfahrer an diesem Nachmittag, dazwischen immer wieder Schießtraining auf der Biathlonanlage. Michael Huhn schaut auf der Biathlonanlage genau hin, stoppt die Schießzeiten und wertet mit den Athleten auch das Schießbild aus.

Während bei den Nicht-Sehbehinderten-Biathleten mit dem Kleinkaliber-Gewehr geschossen wird, absolvieren die Sehbehinderten-Sportler ihre Schießeinlagen mit einem Laser-Gewehr. Sitzt der Laserstrahl inmitten der Zielscheibe, wird über den Kopfhörer ein hoher Signalton ausgegeben, der Biathlet löst dann flugs den Abzug am Gewehr aus. Auf der Strecke erhalten die sehbehinderten Sportler vor Kurven, Abfahrten oder auch anderen Besonderheiten vom Guide die Anweisungen über Kopfhörer oder einen mitgeführten Lautsprecher.

Feinschliff für Peking

Nach zahlreichen Trainingseinheiten in heimischen Gefilden ist der Paralympics-Kader am Sonntag zum Trainingslager nach Livigno/Italien aufgebrochen. Bis zum 19. Februar soll dem Team der „Feinschliff“ für Peking verliehen werden. Am 25. Februar erfolgt dann der Abflug ins Reich der Mitte nach Peking.

Ein Flug, der neben der Vorfreude auf den sportlichen Wettstreit bei Athleten wie Trainern mit Blick auf Corona und die politische Haltung des Landes auch für eine nachdenkliche Stimmung sorgt. China, Corona, Menschenrechte. „Natürlich kocht das Thema China immer wieder hoch, wir müssen das Beste draus machen“, versucht sich Leonie Walter auf den Sport zu konzentrieren. „Für die Athleten müssen wir alles so gut wie möglich weghalten. Die Sportler selbst können nichts mehr beeinflussen, die Entscheidung für China ist vor vielen Jahren durch andere Leute gefallen. Künftig sollte man darauf achten, dass die Olympischen Spiele und Paralympics nicht in solche Länder vergeben werden, wo so etwas passiert“, sieht auch Michael Huhn die Entscheidung eherkritisch.