In einer Zeit, in der wir auf der Bank null Zinsen bekommen, müssen wir uns intensiv mit dem Thema Börse auseinandersetzen, finden Jonathan Ziener, Benedikt Gerber und Lukas Freudenthal von der Investment Group Konstanz. Gar nicht so einfach, wenn man bislang keinerlei Berührungspunkte mit dem Thema hatte. Doch genau hier setzt der studentische Börsenverein an und bietet allen Interessierten eine Plattform, sich finanziell weiterzubilden. Im Gespräch geben die drei Vereinsvorstände Antworten auf die wichtigsten Fragen für den Einstieg an der Börse.

Welche Chancen bietet mir die Börse als Privatperson?

Jonathan Ziener: Geld in Zeiten einer Nullzinspolitik sicher anzulegen, ist schwierig. Die Börse bietet gerade in solchen Zeiten die Möglichkeit, bessere Renditen zu erwirtschaften als das momentane Tagesgeld oder Sparkonto.

Jonathan Ziener.
Jonathan Ziener. Bild: Investment Group Konstanz e.V.

Lohnt es sich auch mit wenig Geld an der Börse zu starten?

Lukas Freudenthal: Grundsätzlich lohnt es sich immer, Geld in Wertpapiere anzulegen. Bei geringen Beträgen bewährt sich oft ein monatlicher Sparplan. Dabei wird jeden Monat eine gewisse Summe in Wertpapiere angelegt bzw. in diesen gespart. Bei vielen Banken ist ein Sparplan bereits ab 25 Euro monatlicher Einzahlung möglich. Allerdings ist es bei geringen Beträgen noch wichtiger als bei größeren Summen, die Transaktionskosten im Auge zu behalten, da viele Broker pro Kauf/Verkauf Gebühren verlangen.

Lukas Freudenthal.
Lukas Freudenthal. Bild: Investment Group Konstanz e.V.

Ist es gefährlich mein Erspartes zu investieren?

Benedikt Gerber: Bei jeder Anlage besteht ein mehr oder weniger großes Risiko, dass ich Geld verliere. Je nachdem, zu welchem Zeitpunkt ich über mein Geld verfügen möchte (ob in zwei Tagen oder 30 Jahren), sollte die richtige Anlageform gewählt werden. Generell gilt aber: Man sollte nur Geld investieren, das man übrig hat und nicht für laufende oder eventuell anfallende Kosten, wie Reparaturen, braucht.

Benedikt Gerber.
Benedikt Gerber. Bild: Investment Group Konstanz e.V.

Was ist ein Depot und wo eröffne ich es?

Jonathan Ziener: Das Wort „depot“ stammt aus dem Französischen und bedeutet soviel wie „Lager“. Ein Depot ist also ein Lagerort all meiner Aktien bzw. Wertpapiere (Anleihen, Optionsscheine, etc.). Ein Depot sollte entweder bei einer Bank oder bei einem Broker eröffnet werden. Wichtig dabei ist, dass das Depot gut zu meiner persönlichen Anlagestrategie passt. Folgende Punkte sollten bei der Depot-Eröffnung beachtet werden: die Kosten (Höhe der Depot-Führungsgebühren bzw. Kosten für Transaktionen), die Verfügbarkeit (Wie schnell werden mir Rendite ausgezahlt?), die Seriosität des Brokers und das Angebot.

Soll ich lieber in ein paar wenige Aktien oder gleich mehrere verschiedene investieren?

Lukas Freudenthal: Alles auf ein Pferd zu setzen ist natürlich riskant. Deshalb ist Diversifikation bei der Investition in Aktien bzw. Wertpapiere enorm wichtig. Man sollte also soweit wie möglich streuen. Schließlich gibt es in jeder Branche mal bessere und mal schlechtere Zeiten. Gleichzeitig sollte jedoch nicht „blind“ diversifiziert werden. Oft bietet es sich an, den Fokus auf bestimmte Bereiche zu legen, in denen man selbst „Experte“ ist und deshalb zukünftige Entwicklungen sehr gut abschätzen kann.

Wie finde ich die richtigen Wertpapiere für mich?

Benedikt Gerber: Am Anfang ist vom Kauf einzelner Wertpapiere abzuraten. Wichtig ist zunächst, ein Gefühl und grundlegendes Verständnis für den Finanzmarkt und seine Komplexität zu entwickeln. Zu Beginn empfehlen wir deshalb, sogenannte „ETFs“ (exchange traded funds) zu erwerben. ETFs sind Fonds, die Aktienlisten (also Indizes wie den DAX, MDAX, S&P 500 o.a.) nachbilden. So besteht die Möglichkeit, auch nur mit kleinen Geldmengen breit gestreut zu investieren. Zu einem späteren Zeitpunkt kann dann darüber nachgedacht werden, Wertpapiere gezielt zu erwerben. Dabei sollte man an Unternehmen beteiligt sein, welche man kennt bzw. in deren Branche man sich gut auskennt.

Ist die Anlage in Aktien nicht sehr riskant?

Jonathan Ziener: Die Anlage in Aktien kann riskant sein, da das Unternehmen pleite gehen kann. Dieses Risiko ist zwar gering, kann jedoch vorkommen, wie der Fall „wirecard“ zeigt. Deshalb gilt auch hier wieder das Stichwort: Diversifikation. Durch die Investition in unterschiedliche Qualitätsunternehmen kann das Risiko eines Totalverlustes an der Börse minimiert werden. Ein Unternehmen wie bspw. Apple wird es in drei Jahren mit Sicherheit noch geben. Darüber hinaus muss man sich dem Marktrisiko bewusst sein, das heißt, dass jegliche Unternehmen gleichermaßen von negativen Faktoren betroffen sein können. Dies war letztes Jahr gerade zu Beginn der Corona-Pandemie beobachtbar. Letztendlich hängt allerdings viel von dem Zeithorizont ab, mit dem investiert werden soll. Kurzfristige Anlagen können sehr riskant sein. Langfristige Anlagen tragen kein besonders hohes Risiko.

Warum tragen langfristige Anlagen weniger Risiken als kurzfristige?

Jonathan Ziener: Kurzfristig gibt es zwar meist Kursschwankungen, doch über einen Zeitraum von beispielsweise 30 Jahren insgesamt trotzdem oft eine Wertsteigerung.

Wie reagiere ich richtig bei fallenden Kursen?

Lukas Freudenthal: In einem solchen Fall heißt es: Nerven bewahren und die eigene Investmentthese überprüfen. Anleger sollten sich folgende Frage stellen: Bin ich immer noch von dem Unternehmen überzeugt oder zerstört der Absturz mein Vertrauen in das Unternehmen? Falls diese Frage mit „Ja“ beantwortet werden kann, die Investmentthese also intakt ist, kann darüber nachgedacht werden, zusätzliche Wertpapiere nachzukaufen. Lautet die Antwort „Nein“ und ein Risiko für weitere Verluste besteht, sollte ein Verkauf in Betracht gezogen werden.

Beim Nachkaufen von Aktien sollte allerdings folgende Börsenweisheit beachtet werden: „Wer in ein fallendes Messer greift, schneidet sich in den Finger“. Im übertragenen Sinne bedeutet das, dass Anleger nach einem kräftigen Kursrückgang ein Schnäppchen wittern, die Kurse dann aber noch viel weiter fallen. Hier einen Mittelweg zu finden ist nicht leicht.

Wie gut muss ich die Firmen kennen, in die ich investiere?

Benedikt Gerber: Grundsätzlich „muss“ man an der Börse nichts. Am Ende legt man sein eigenes Geld an und muss jederzeit mit dem Gedanken leben können, alles zu verlieren. Je besser man sich im Vorfeld über seine Investments informiert, desto höher bleibt die Wahrscheinlichkeit dieses Szenario zu vermeiden. Wer die Branche eines Unternehmens und potenzielle Entwicklungen in der Branche gut kennt, kann das für sich nutzen, um Überrendite zu erzielen.

Die hohe Wertsteigerung von Bitcoins ist gerade in aller Munde. Lohnt es sich jetzt Bitcoins zu kaufen?

Lukas Freudenthal: Nur wenn man wirklich etwas davon versteht. Andernfalls sollte man die Finger davon lassen. Grundsätzlich sind Bitcoins zwar eine interessante Anlageoption, die Kryptowährung birgt aber auch hohe Risiken.

Die Fragen stellte Sarah Steen

Hinweis: Die gegebenen Antworten sind keine Anlageempfehlung!