„Winter is coming“ (zu Deutsch: „Der Winter naht“) steht auf der Webseite des Konstanzer Klimacamps. Dabei handelt es sich nicht um den aktuellen Wetterbericht für den Bodensee, sondern um einen Satz aus der Fantasy-Serie „Game of Thrones“, der auch für eine politische Botschaft steht. Denn „Game of Thrones“-Schöpfer George R.R. Martin sieht seine Fantasy-Geschichte durchaus als eine Metapher für die Bedrohung des Klimawandels.

Doch im Dezember 2021 haben die Unterstützer des Klimacamps auch mit den Auswirkungen des „klassischen“ Winters zu kämpfen: Kälte, Nässe und Wind, wie ein Besuch auf dem Münsterhügel zeigt.

Katastrophenschutzzelt ist bestellt

„Wir versuchen unser Bestes“, sagt Eileen Blum (20), Auszubildende in der Pflege. „Unser Küchenpavillon wird winterfest gemacht, ein Katastrophenschutzzelt ist bestellt und wir haben neu einen Bauwagen. Heizung haben wir nicht, nur Strom für Licht.“ So wollen die Klimaaktivisten den anstehenden Winter auf dem Münsterhügel zu Füßen der Mariensäule überstehen. „Wir haben viele Menschen die helfen, suchen aber immer noch Leute, die bereit sind, tagsüber Schichten zu übernehmen“, sagt Manuel Östringer (25), der an der Uni Konstanz Chemie studiert. Wegen der Kälte wurden die Tagesschichten auf ca. 2 Stunden verkürzt. Die Planungen für die Weihnachtsfeiertage laufen.

Das Klimacamp auf dem Münsterhügel wurde vor über vier Monaten gegründet.
Das Klimacamp auf dem Münsterhügel wurde vor über vier Monaten gegründet. Bild: Ralf Baumann

Aufgebaut wurde das Klimacamp von Fridays for Future (FfF) am 1. August 2021 als Zeichen für mehr Klimaschutz. Dass der Konstanzer Gemeinderat am 2. Mai 2019 die Resolution zum Klimanotstand beschloss, war nicht zuletzt eine Reaktion auf die freitäglichen Demonstrationen der jungen FfF-Aktivisten in Konstanz. Bis 2035 will die Stadt klimaneutral werden. Über die entsprechende Klimaschutzstrategie mitsamt Maßnahmenkatalog entscheidet derzeit der Gemeinderat. Erhöhung der Parkgebühren, der Ausbau von Fotovoltaik-Anlagen auf städtischen Dach- und Freiflächen, die Sanierungen städtischer Gebäude und die Einführung einer Klima-Kurtaxe für Touristen sind nur einige Punkte der 176 Seiten starken Klimaschutzstrategie, die das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg für und mit der Stadt Konstanz erarbeitet hat.

„Wir wollen den Menschen nichts wegnehmen und in ihrer Freiheit beschneiden. Eigentlich wollen wir die Welt für alle so gut und lebenswert wie möglich erhalten.“
Eileen und Manuel

Die FfF-Aktivisten hoffen, dass schnell diejenigen Maßnahmen umgesetzt werden, die Geld einbringen, um weitere Maßnahmen umzusetzen. „Die Parkpreises sollten deutlich erhöht werden, damit der ÖPNV ausgebaut werden kann“, so Manuel. Auch sollten klimaneutrale Wärmenetze im Stadtgebiet aufgebaut und auf eine weitere Erdgasleitung, wie von den Stadtwerken geplant, verzichtet werden. „Wir hoffen jetzt, dass die Gelder bewilligt werden, um schnell die Maßnahmen umzusetzen kann, die man schon viel früher hätte umsetzen können“, betont Eileen. Wichtig ist den beiden: „Wir wollen den Menschen nichts wegnehmen und in ihrer Freiheit beschneiden. Eigentlich wollen wir die Welt für alle so gut und lebenswert wie möglich erhalten. Uns geht es nicht um Einschränkungen.“

Doch zurück zum Alltag im Camp. Wie sind die Reaktionen der Bevölkerung? Im Gegensatz zum Sommer kommen im Winter nicht so viele Menschen am etwas abgelegenen Münsterhügel vorbei. „Es gibt viel Zustimmung aber auch Ablehnung. Die Reaktionen sind aber zumeist positiv interessiert“, sagt Manuel. „Von den Anwohnern werden wir ganz gut akzeptiert und unterstützt, wenn wir zum Beispiel Strom für ein Event brauchen. Leute bringen uns auch regelmäßig Gemüse, Brot oder Suppe.“ Es gab einen bedrohlichen Moment, als im Sommer das Camp nachts von zwei Leute angegriffen wurde, die im Camp Feuer legen wollten. Es ging zum Glück glimpflich aus. „Angst haben wir nachts keine“, betont Eileen.

Mahnwache auf städtischem Grund

Rein rechtlich ist das Camp eine Mahnwache auf städtischem Grund. Angemeldet bis 2035. Also noch 14 weitere Jahre Klimacamp? „Wenn das Camp 2035 noch steht, haben wir verloren“, sagt Manuel mit einem bitteren Lachen. „Im Idealfall steht es nicht mehr, weil die Stadt die Maßnahmen ergriffen hat, die wir für nötig halten, um eine lebenswerte Zukunft zu haben.“

Auf Corona haben sich die Aktivisten eingestellt, im Camp gilt ein Hygienekonzept mit 2G+. Andere Klimacamps in Deutschland haben auch während eines Lockdowns weiter gemacht. Aber das Wetter könnte doch noch ein Wörtchen mitreden. „Sollte eine extreme Kältewelle kommen, könnten wir gezwungen sein, das Camp abzubrechen“, sagt Eileen. Unterdessen ist es langsam dunkel und kalt geworden an diesem Dezembernachmittag auf dem Münsterhügel, Zeit für eine warmen Tee: Winter is coming.