Am Rande des Überlinger Sees gab es einstmals eine Gütertrennung innerhalb einer Ritterfamilie und aus einer Burg wurden zwei. Die eine davon gibt es noch immer, die andere ist so gut wie verschwunden.

Der Burghof

Er ist ein beliebtes Ausflugsziel, eher unter den Einheimischen als bei den touristischen Massen, der Burghof bei Wallhausen, und die Gründe sind leicht erkennbar. Die Lage auf dem nördlichen Rand des Bodanrücks, an der Steilküste des Überlinger Sees, die noch naturbelassen und ohne Bebauung ist, garantiert eine erholsame Ruhe. Erreichbar ist der Burghof zudem nur vom Wanderparkplatz an der Straße nach Dettingen aus, sprich zu Fuß oder mit dem Fahrrad, auch dies bürgt für Stille. Läuft man auf das Gebäude zu, lugt schon von Weitem der Staffelgiebel des altertümlichen Gebäudes über den Bäumen hervor. Heute ist dort eine Gartenwirtschaft untergebracht, auch die Möglichkeit zur Übernachtung wird an- geboten.

Benedikt Grimmler: Lost & Dark Places Bodensee – 33 vergessene, verlassene und unheimliche Orte, ISBN: 978-3-7343-2152-8
Benedikt Grimmler: Lost & Dark Places Bodensee – 33 vergessene, verlassene und unheimliche Orte, ISBN: 978-3-7343-2152-8 Bild: Bruckmann-Verlag

Ganz so friedlich war das gut versteckte Dasein im Wald allerdings nicht immer. „Burghof“ ist genau genommen nur die umgangssprachliche Bezeichnung, allerdings wird man wohl nur auf verstörte Blicke treffen, sollte man sich vor Ort nach dem Weg zur Burg Neu-Dettingen erkunden. Der lokale Kleinadel der von Tettingen, ursprünglich nur Ministerialen, also Dienstmänner der Abtei Reichenau, ließ um 1150 am Hang des Überlinger Sees eine Burg errichten, damals zwar ebenfalls etwas abgelegen, aber sicher nicht so unscheinbar im Wald verborgen.Die Tettinger erlebten einen gewissen Aufstieg, konnten sich aus dem Abhängigkeitsverhältnis von der Reichenau lösen und einige Güter auf dem Bodanrück und im Hegau erwerben.

Aus eins wird zwei

Um 1320 allerdings spaltete sich die Familie auf. Es entstand eine jüngere und eine ältere Linie. Eine Burg reichte nun nicht mehr für die verdoppelten Tettinger. Die Lösung war recht einfach: Die ältere Linie verblieb auf der Stammburg, die jüngere zog über den Halsgraben hinweg in die Vorburg und baute diese zu einer neuen Anlage aus. Man wurde also zu direkten Nachbarn – hinten Alt-Dettingen, vorne Neu-Dettingen. Für die Neuen lief es jedoch besser: Während diese sogar die mächtige Festung Mägdeberg im Hegau in ihren Besitz bringen konnten, ging es mit der alten Familienheimstatt rapide bergab. Schon im Jahr 1357 wurde sie als „Burgstall“ bezeichnet, sprich als aufgegebener, nicht mehr bewohnter Ansitz. Bei den Neu-Dettingern lief es bald allerdings ebenfalls nicht mehr rund, zwar verfiel ihre Burg nicht, aber schon 1362 musste sie an den Deutschen Orden, der seinen Sitz auf der Mainau hatte, verkauft werden.

Die Stammhäuser waren nun also beide weg, die Familie der von Tettingen, an die heute hauptsächlich noch der Name des Nachbarortes erinnert, starb um 1440 vollends aus. Der Deutsche Orden, dem große Teile des nördlichen Bodanrücks untertan waren, kaufte schließlich auch das ruinöse Alt-Dettingen, ohne es jedoch herrichten zu lassen. Ihm reichte die vordere Burg als Stützpunkt an der westlichen Territoriumsgrenze und als ökonomische Basis. 1570 wurden deshalb die Wirtschaftsgebäude erneuert.

Zwei Zustände

1642 wurde Neu-Dettingen im Dreißigjährigen Krieg zerstört, das Schicksal ihrer nun schon dreihundert Jahre vor sich hin modernden Nachbarin blieb ihr aber erspart, der Orden baute das Gebäude auf den vorhandenen Grundmauern in der Form, wie sie heute noch besteht, wieder auf.

Nach Auflösung der Ordensherrschaft ging Neu-Dettingen, nun besser als Burghof bekannt, an den Staat über, in dessen Besitz sie verblieb. Die Anlage aus den zwei sichtbar getrennten Teilen, vorne der Wohnbereich mit Erker im Norden und dem schönen Rittersaal im Inneren, daran angebaut die Ökonomiegebäude, ist heute Gastwirtschaft mit gemütlichem Garten. Das ganze Ensemble hat großen Charme und wird, wie erwähnt, gern aufgesucht.

Nur die wenigsten Gäste allerdings werden den Weg rechts um den Burghof herum gehen, hinten wieder links hoch, durch den deutlich sichtbaren alten Graben auf das Hügelchen von Alt-Dettingen. Die kärglichen Mauerreste, überwachsen, manchmal kaum von natürlichem Geröll zu unterscheiden, liegen und – in wenigen Fällen – stehen recht vergessen in der Landschaft. Zugegeben, dies seit inzwischen über 650 Jahren, aber der Kontrast zum gut frequentierten Burghof gleich nebenan, dessen Schatten buchstäblich auf die Steinhaufen seiner Vorgängerin fällt, ist enorm. Manchem Gast, der dort drüben gerade sein kühles Bier genießt, wird kaum bewusst sein, dass nur wenige Meter weiter einst eine stattliche Anlage aus der Stauferzeit stand.

Das besondere Erlebnis

Im neuen und trotzdem alten Burghof kann man im Inneren oder im Biergarten gemütlich und in stiller Umgebung rasten, es werden kalte und warme Mahlzeiten angeboten. Auch Übernachtungsmöglichkeiten sind, wie erwähnt, vorhanden (Infos: www.burghof-wallhausen.de). Der sehr schöne Weg weiter zur Marienschlucht ist, wie diese selbst, durch Hangrutsche und ähnliches leider meistens gesperrt – hier sollte man sich vorher informieren. Als Schicksalsgefährtin der Alt-Dettingen trifft man dort auf die Ruine Kargegg, die im Bauernkrieg 1525 endgültig zerstört wurde. Von ihr ist etwas mehr erhalten, die imposante Südwand ragt noch hoch auf, ihr Zustand gibt aber ähnlich Anlass zu Bedenken.