Auf einen Kaffee mit einem verurteilten Drogendealer? Oder zum Hausbesuch bei einem ehemals Gewalttätigen? Klingt nicht gerade verlockend. Johannes Laible macht es trotzdem. Und zwar freiwillig. Denn als ehrenamtlicher Bewährungshelfer nimmt er sich Menschen an, die meist für Vergehen dieser Art verurteilt wurden – auf Bewährung. Was bedeutet, dass die Richter ihnen eine zweite Chance gegeben haben, statt sie hinter Gitter zu schicken. Dafür, dass sie diese Chance auch nutzen und nicht wieder straffällig werden, wollen Menschen wie Johannes Laible sorgen. Das gelingt jedoch nicht immer. Das Ehrenamt hat viele Gesichter. Und nicht immer findet das freiwillige Engagement dort statt, wo man es vermutet.

Zwei Teams aus ehrenamtlichen Bewährungshelfern gibt es derzeit in Konstanz. „Allerdings sind beide nicht mehr voll besetzt“, erklärt die hauptamtliche Bewährungshelferin Cornelia Göpfert. „Einige Ehrenamtliche mussten aus persönlichen Gründen aufhören.“ Nun suchen die Teams Verstärkung. Etwa weil der Bedarf gestiegen ist? Nein. „Entgegen aller Gerüchte geht die Kriminalität ja eher zurück“, entgegnet Johannes Laible. Stattdessen würden mit dem ehrenamtlichen Engagement die hauptamtlichen Kollegen entlastet, erklärt Cornelia Göpfert. Und vor allem sei wichtig: „Resozialisierung fängt in der Gesellschaft an“, so die Teamleiterin der ehrenamtlichen Kollegen.

„Resozialisierung fängt in der Gesellschaft an.“
Cornelia Göpfert, hauptamtliche Bewährungshelferin

Kontrolle und Unterstützung sind die Aufgaben der Bewährungshilfe, erklärt Göpfert. Kontrolle von Auflagen und Weisungen, wie zum Beispiel gemeinnützige Arbeitsstunden, Schadenswiedergutmachungen oder auch der Besuch einer Suchtberatung und Unterstützung bei jeglichem Hilfebedarf, zum Beispiel bei den Themen Wohnen oder Finanzen.

Damit das funktioniert, müsse man als erstes ein Vertrauensverhältnis zum Klienten aufbauen. Nicht immer einfach, schließlich kommen die Klienten anfangs nicht freiwillig zu den Treffen, weiß Laible. „Aber erfreulich ist, wenn man mit der Zeit merkt, dass auch der Klient die regelmäßigen Treffen zu schätzen weiß.“ Und die seien sehr viel weniger abenteuerlich, als man es aus Film und Fernsehen kennt.

Die Aufgaben eines Bewährungshelfers

Offenes Ohr, Gesprächspartner, Anlaufstelle – so beschreiben Laible und Göpfert ihre Arbeit in der Bewährungshilfe. „Auch die Tataufarbeitung ist natürlich immer ein Thema“, so Laible. Einmal im Monat trifft sich der ehrenamtliche Bewährungshelfer mit seinen Klienten. Entweder in der Einrichtung oder auch bei einem Hausbesuch. Manche seiner Kollegen gehen mit den Klienten auch spazieren oder treffen sie irgendwo in der Gastronomie.

Durchschnittlich zwei oder drei Fälle betreut ein ehrenamtlicher Bewährungshelfer zeitgleich, erklärt Laible. Rund drei Stunden in der Woche sollte man sich für das freiwillige Engagement schon einplanen. Zwar sei die Arbeit sehr individuell, es gebe aber auch „klare Leitplanken“ – zum Beispiel, was das Berichtswesen und die Dokumentation angeht. Zum Vergleich: die hauptamtlichen Kollegen betreuen in Vollzeit zwischen 70 und 80 Fälle. „Die Stärke des Ehrenamts ist ja auch, dass man sich vielleicht mehr Zeit nehmen kann für einen Klienten“, sagt Laible.

Welche Fälle können ehrenamtlich betreut werden?

Ein neuer Klient wird auf Herz und Nieren geprüft, muss detaillierte Fragen beantworten und wird einer Betreuungsstufe zugeordnet, erklärt Göpfert. Ein Indiz dafür, ob er für die ehrenamtliche Bewährungshilfe geeignet ist. Denn es gibt Ausschlusskriterien, wie Göpfert beschriebt: Sexualstraftäter oder intensive Gewaltstraftäter von denen ein Gefährdungspotenzial ausgeht, werden nicht von Ehrenamtlichen betreut.

Beim monatlichen Teamabend mit der Teamleiterin werden neue Fälle vorgestellt, erzählt Laible, aber auch über die laufenden Fälle gesprochen und Organisatorisches geregelt. Die eigentliche Arbeit ist wiederum sehr individuell. Genauso individuell, wie die Menschen dahinter. Denn im Team der Ehrenamtlichen seien sowohl Juristen und Menschen mit einem sozialen Hintergrund vertreten, als auch Arzthelfer und Handwerker. Gerade das mache die Stärke des Ehrenamts aus, sind sich Göpfert und Laible, der selbst in der Verlagsbranche tätig ist, einig.

Ob er dabei manchmal an seine Grenzen kommt? Schon, aber wenn dann meistens fachlich, erklärt Laible. Dann wendet er sich an die hauptamtlichen Kollegen. „Die Teamleiter sind quasi nur die Fachaufsicht“, sagt Göpfert. „Wir haben hochqualifizierte Ehrenamtliche hier, die betreuen auch eigenverantwortlich die Fälle.“

„Das sind wirklich alles ganz nette Leute.“
Johannes Laible, ehrenamtlicher Bewährungshelfer

Vor zehn Jahren stieß Laible auf einen Aufruf der ehrenamtlichen Bewährungshilfe und meldete sich. „Ich fand es spannend mit einem Klientel zu tun zu haben, das mir sonst nicht begegnet.“ Begegnet sind ihm in den vergangenen Jahren viele verschiedene Menschen. Oftmals aber jüngere und Heranwachsende, die durch den Handel mit Betäubungsmitteln oder Körperverletzung straffällig wurden. Häufig war Alkohol im Spiel, sagt Laible. Und er sagt über seine Klienten auch: „Das sind wirklich alles ganz nette Leute.“ Oft habe er das Gefühl, er sei der Erste, der diesen jungen Menschen Respekt entgegen bringt. Es sei mit das Wichtigste, ihnen zu zeigen, dass man an sie glaubt. Sicherlich dürfe man die Straftaten nicht verniedlichen. Dennoch seien das ganz normale Menschen, denen sehr wohl bewusst ist, dass sie Fehler gemacht haben. Und meistens hätten auch diese jungen Menschen bereits ihr Päckchen zu tragen.

Dafür dass Straftäter ihr Leben in den Griff bekommen, setzt sich die Bewährungshilfe ein. Auch wenn das nicht immer funktioniert. Zwar könne man Hilfestellungen geben, am Ende seien die Klienten für ihre Entscheidungen aber selbst verantwortlich, sind sich Göpfert und Laible einig.

„Anfangs ging mir manches sehr nahe“, sagt Laible. „Man muss lernen, nicht alles zum eigenen Problem zu machen.“ Dennoch sei es immer wieder schwierig mit anzusehen, wie sich ein Klient ins Unglück stürzt und besonders enttäuschend, wenn er wieder straffällig wird. Aus seiner Arbeit nimmt Laible aber auch einiges mit: „Man lernt viel, hat mit Menschen zu tun, mit denen man sonst nichts zu tun hat, und man lernt, wie bunt diese Gesellschaft ist.“