Wer es im Tennis zu etwas bringen will, der muss flexibel sein, denn es gilt bei Turnieren auf allen fünf Kontinenten Weltranglistenpunkte und Siegprämien zu sammeln. Frühes Ausscheiden bei einem Turnier, Flugpläne und Turniertermine studieren und schon geht es weiter zum nächsten Event. Seit 2001 ist Tatjana Maria als Profi durchaus erfolgreich auf Tour, seit April 2021 ist das gemeinsam mit zwei Töchtern sowie ihren Mann Charles, zugleich ihr Trainer, ein echtes Familienunternehmen.

„Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort/ hab mich niemals deswegen beklagt/Hab es selbst so gewählt, nie die Jahre gezählt“, so beschrieb Hannes Wader das Lebensgefühl von jungen Menschen zu Beginn der 70er-Jahre, als Begriffe wie Heimat eher als spießig galten. Vorbei die Zeiten, die 68er sind sesshaft geworden, doch heute könnte Hannes Waders Ballade gut als Hymne für die internationale Tennisszene gelten. Ein Blick auf die Turniere, die Tatjana Maria, die als Tatjana Malek 1987 in Bad Saulgau geboren wurde, in den letzten Monaten spielte: Im September Turniere in der Schweiz, in Karlsruhe, drei Turniere in Portugal, danach ging es im Oktober nach Indian Wells (USA), Lima (Peru), Macon und Austin (USA).

Tatjana Maria bei den Australian Open

In Midland (USA) startete sie in den November, ehe sie eine Pause einlegte, um im Dezember in Frankreich das Jahr ausklingen zu lassen und in Adelaide (Australien) das Jahr 2022 zu beginnen, wo mit den Australian Open in Melbourne auch gleich der erste Saisonhöhepunkt auf dem Programm stand. Danach kam so etwas wie Heimatmosphäre auf, denn es ging es nach Orlando (Florida), nahe ihrem Wohnort Palm Springs. In Rome (Georgia/USA) der erste Höhepunkt des Jahres, der Sieg in einem ITF-Turnier. Danach stand die Rechtshänderin noch in Grenoble im Halbfinale.

Da kommen zwar gehörig Flugmeilen zusammen, aber hat man bei solch einem unsteten Leben überhaupt eine Heimat? „Ja, Palm Beach in Florida ist unser zuhause. Da wohnen wir jetzt schon fast zehn Jahre und unsere beiden Töchter Charlotte und Cecilia kamen auch hier zur Welt.“ Doch jemand, der derart unterwegs ist, hält es nicht an einem Ort. „Aber wir haben auch ein Zuhause in Cannes in Südfrankreich, wo wir auch immer gerne sind!“, ergänzt die 34-jährige zweifache Mutter.

In den Jahren 2010 und 2011 kam zumindest zwischenzeitlich so etwas wie Heimatgefühl auf, denn in diesen Jahren spielte sie überaus erfolgreich beim TC Radolfzell, mit dem sie in beiden Jahren deutsche Mannschaftsmeisterin wurde. Mit im Radolfzeller Team: Angelique Kerber, die im Jahr 2016 die Nummer 1 der Tennis-Weltrangliste wurde. Ein Jahr später, am 6. November 2017, hatte es Tatjana Maria unter die Top50 der Tenniswelt geschafft. „Radolfzell war super! Es hat mir sehr viel Spaß gemacht für diesen Verein zu spielen. Auch weil mein Bruder damals schon in Konstanz gewohnt hat und ich dann immer bei ihm war“, blickt sie auf die Matches und die Besuche am Bodensee zurück.

Tatjana Maria feiert Erfolge mit dem TC Radolfzell

Allerdings hatte die gebürtige Oberschwäbin bis dahin schon zwei längere Wettkampfpausen – eine sehr kritische und eine erfreuliche. Im Jahr 2008 erlitt sie nach einem Bänderriss aufgrund einer Thrombose eine Lungenembolie, schwebte zeitweise sogar in Lebensgefahr. Sie überlebt, doch im gleichen Jahr der nächste Schicksalsschlag, der Tod des Vaters, für die junge Spielerin ein Anker im unruhigen Tenniszirkus. Zwar spielte sie 2009 ihre bis dahin beste Saison, aber mental und körperlich war sie – trotz der Erfolge mit dem TC Radolfzell – leer.

Dann die große Zäsur im Jahr 2012. Mit Charles Maria engagierte sie einen neuen Trainer, der schon bald mehr als ein Trainer für sie war. Schon bald kam Töchterchen Charlotte auf die Welt, aus dem Trainer wurde der Ehemann, die Basis der jungen Familie wurde zwar Palm Beach, aber genau genommen ist nach der ersten Babypause die gesamte Familie auf Tour. Und im April 2021 wuchs die Reisegruppe in Sachen Tennis, Töchterchen Cecilia kam im April auf die Welt, doch am Turnier- und Flugplan änderte sich wenig – außer der Anzahl der Tickets. Daher geht die erfolgreiche Tennisspielerin mit dem Begriff Heimat auch eher vorsichtig um: „Im Allgemeinen ist es für uns eh das Wichtigste, zusammen zu sein – zusammen zu reisen und unsere Kinder aufwachsen zu sehen.“

Von Oberschwaben nach Palm Beach: Tatjana Maria lebt heute in Florida

Zurück nach Oberschwaben – eher unwahrscheinlich: „Ich denke, auch in Zukunft werden wir in Palm Beach bleiben und auch unsere Familien kommen immer wieder gerne zu uns nach Florida!“, so die Profispielerin, die von 2015 bis 2020 nahezu durchgängig unter den Top 100 der Tenniswelt stand. Doch zunächst – siehe ihr stattliches Turnierprogramm der letzten Monate – wird weiter Tennis gespielt. Mit Kindern? Eine Frage, die man dem vierfachen Vater Roger Federer wohl nie stellen würde. Warum also sollte eine Tennisspielerin hier zurückstecken?

Aber wie fühlt sich das an, seit frühen Teenagerjahren weltweit unterwegs zu sein? Überkommt einen da nicht gelegentlich so etwas wie Heimweh? „Dadurch, dass fast immer jemand aus meiner Familie mit mir gereist ist, war es immer einfacher für mich. Deshalb muss ich sagen, dass ich nie Heimweh hatte!“

Und wie spricht man in einer deutsch-französischen Familie, die in den USA wohnt? Mit ihrem Mann, einem Franzosen, spricht Tatjana englisch. „Ich spreche nur Deutsch mit unseren Töchtern, mein Mann nur Französisch. Meine Schwiegermutter ist fast immer bei uns und spricht nur Spanisch mit den Kids, weil sie ursprünglich aus Kolumbien kommt, und die Schule ist auf Englisch – also sprechen wir in der Familie vier Sprachen!“ Eine gute Grundlage für ein globales Reiseleben.