Sie stammte aus einer der besten Familien Frankreichs, war die Stieftochter Napoleons und Mutter Napoleons III.. Sie floh aus Frankreich und wählte als Exil den Bodensee. Die Rede ist von Hortense de Beauharnais (1783 – 1837), die über 20 Jahren auf Arenenberg am Untersee lebte und bis heute unvergessen ist. Die Konstanzer Autorin Chris Inken Soppa hat die erste deutschsprachige Romanbiografie über die bewegte Lebensgeschichte einer hochgebildeten Frau und politischen Netzwerkerin vorgelegt.

Frau Soppa, warum ist das Leben von Hortense de Beauharnais fast 200 Jahre nach ihrem Tod erzählenswert?

Chris Inken Soppa: Es war geradezu filmreif. Hortenses früheste Erinnerungen beginnen auf Martinique, Heimat ihrer Mutter, der späteren Kaiserin Joséphine. Zurück in Paris, erlebt Hortense die französische Revolution, den Tod ihres Vaters, die Beziehung ihrer Mutter zu Napoleon Bonaparte. Ihre arrangierte Ehe mit Napoleons Bruder Louis ist alles andere als glücklich. An seiner Seite steigt Hortense zur Königin von Holland auf. Später bekommt sie heimlich ein Kind von ihrem Geliebten Charles de Flahaut. Nach der Verbannung Napoleons wird auch Hortense aus Frankreich vertrieben; sie findet schließlich Zuflucht in der Schweiz. Asyl und Vertreibung, speziell aus Sicht von Frauen sind ja auch heute wieder ein großes Thema.

Autorin Chris Inken Soppa sprach mit dem Konstanzer Anzeiger über ihr neues Werk.
Autorin Chris Inken Soppa sprach mit dem Konstanzer Anzeiger über ihr neues Werk. Bild: Ralf Steiger

Warum haben Sie die Du-Perspektive als Erzählform gewählt?

Zu Hortense de Beauharnais existieren Briefe, Berichte von Zeitzeugen, ihre eigenen sehr anschaulichen Memoiren. Dazu mehrere französische Biografien. Genau das bescherte mir als Autorin ein Problem: die dritte Person Singular war bereits durch die Texte der Historikerinnen besetzt, die erste durch Hortense selbst.

Daher wählte ich die Du-Perspektive. So kann der Text als Anrede an Hortense gelesen werden, oder als ihre eigene Rede mit sich selbst. Und beim Schreiben hat‘s auf Anhieb gepasst; das „Du“ erhob mich quasi in den Rang einer Vertrauten der Protagonistin. Tatsächlich bestand Hortense darauf, sich mit ihren Freundinnen zu duzen, obwohl ihr Ehemann glaubte, das zieme sich einer Königin nicht.

Sind die Gespräche im Roman so überliefert?

Die meisten. Es gibt Dialoge, die Hortense in ihrer Biografie Wort für Wort wiedergibt, etwa Auseinandersetzungen mit ihrem Stiefvater Napoleon, Streit mit Ehemann Louis oder auch eine Diskussion über Pressefreiheit mit der Schriftstellerin Madame de Staël. Solche längeren Unterhaltungen sind kostbares Material, oft habe ich sie Wort für Wort übernehmen können. Zugleich war mir bewusst, dass Hortense sich mit ihren Schilderungen auch selbst ins rechte Licht rücken wollte; bleibt also die Frage, ob alle Gespräche tatsächlich so stattfanden. Bei der Einordnung und Relativierung von Hortenses Memoiren waren mir die Historikerstimmen immer wieder eine große Hilfe.

Hortense de Beauharnais pflegte auf dem Arenenberg ein anspruchsvolles Gesellschaftsleben. In ihren exquisit eingerichteten Salons wie im Zeltsalon empfing sie illustre Geistesgrößen ihrer Zeit. Bildnachweis: Napoleonmuseum
Hortense de Beauharnais pflegte auf dem Arenenberg ein anspruchsvolles Gesellschaftsleben. In ihren exquisit eingerichteten Salons wie im Zeltsalon empfing sie illustre Geistesgrößen ihrer Zeit. Bildnachweis: Napoleonmuseum Bild: Napoleonmuseum

Was hat Sie persönlich an der Figur Hortense fasziniert?

Ihr bewegtes Leben, ihr stetes Ringen um Eigenständigkeit und wie sie in kritischen Situationen immer wieder über sich hinauswuchs. Erstmals habe ich mich bei der Recherche für mein Buch „Über jede Grenze hinweg – Bemerkenswerte Frauen am Bodensee“ genauer mit Hortense de Beauharnais und ihrem Schicksal beschäftigt. Sie war weit mehr als eine liebliche Ex-Königin, die sich auf dem Arenenberg ein schönes Schlösschen gestaltet und dort Hof gehalten hat.

Gespaltenes Verhältnis zu Napoleon

Wie war Hortenses Verhältnis zu Kaiser Napoleon?

Zwiespältig; sie war ganz und gar nicht begeistert, als ihre Mutter ihn heiratete; sie fürchtete ihn ihr Leben lang, suchte dennoch immer wieder bei ihm Schutz. Durch ihn wurde sie Mitglied der Kaiserfamilie, das brachte nicht nur Privilegien, sondern auch Last und Verantwortung.

Über 20 Jahre lebte Hortense im heutigen Napoleonmuseum Schloss Arenenberg. Heute ist das Schloss mit Museum ein beliebtes Ausflugsziel am Bodensee.
Über 20 Jahre lebte Hortense im heutigen Napoleonmuseum Schloss Arenenberg. Heute ist das Schloss mit Museum ein beliebtes Ausflugsziel am Bodensee. Bild: Helmuth Scham

Wollte sie mit ihrer Familie zurück auf den Kaiserthron? Hat sie ihre Söhne auf den Thron vorbereitet?

Auch da schlugen wohl zwei Herzen in ihrer Brust. Einerseits wäre es eine triumphale Gelegenheit für sie gewesen, als Kaisermutter in ihr geliebtes Paris zurückzukehren. Andererseits hatte sie große Angst um ihre Söhne, warnte sie vor Putschen und Aufständen. Tatsächlich habe ich in meinem Buch versucht, Leerstellen offen zu lassen. Es ist ja ein Roman und kein historisches Sachbuch, Leserinnen und Leser können sich selbst eine Meinung bilden.

Jedenfalls war es Hortense nicht vergönnt, den Aufstieg ihres Sohnes Louis zum Kaiser Napoleon III. noch mitzuerleben, sie starb 15 Jahre zu früh, im Jahr 1837.

War Hortense de Beauharnais Akteurin oder Getriebene?

Sie ließ sich oft von Strömungen tragen, seltener stieß sie Dinge selbst an. Doch wann immer es brenzlig wurde, stellte sie Widerstandskraft und Entschlussfähigkeit unter Beweis. Als ihre Söhne 1831 nach der Niederschlagung des Carbonari-Aufstands in Italien in Gefahr gerieten, machte sich Hortense und nicht etwa ihr Ehemann auf den Weg, die jungen Männer in Sicherheit zu bringen. Der ältere Sohn starb an den Masern, den jüngeren schmuggelte Hortense verkleidet und unter falschem Namen durch Italien, Frankreich und England zurück auf den sicheren Arenenberg.

Vom Kaiserhof ins Exil an den Bodensee? Wie kam Hortense damit zurecht?

Oh, Hortense hatte zeitlebens Sehnsucht nach Paris. Dennoch waren ihre Jahre am See wohl ihre glücklichsten. Napoleon starb im Exil, Ehemann Louis und die anderen Bonapartes wohnten weit entfernt in Italien. So konnte Hortense auf Arenenberg mehr oder weniger selbstbestimmt leben. Ihr Schlösschen stattete sie aus, wie es ihr gefiel und schuf damit ein sehr persönliches, berührendes Vermächtnis.

Das Buch ist ab sofort erhältlich.
Das Buch ist ab sofort erhältlich. Bild: Südverlag

Und wie kamen die Menschen am See mit so einer internationalen Top-Prominenten zurecht?

Gut, Hortense war durchaus nahbar. Stets war sie auf der Suche nach interessanter Gesellschaft für ihre Salonabende. Und sie staunte über die Bildung der Bürger von Konstanz; viele sprachen gut Französisch. So hatte Hortense mit der Konstanzer Malerin Marie Ellenrieder, dem Freiherrn von Wessenberg oder der Bankiersfamilie Macaire guten Kontakt. Und die einfacheren Leute waren stolz darauf, eine „Königin“ in ihrer Nachbarschaft zu haben.

War die Schweiz schon damals ein sicherer Hafen für Prominente und Exilanten?

Als sich Hortense de Beauharnais 1817 auf Arenenberg niederlassen wollte, stellte sie fest: „Der Eintritt ins Paradies kann nicht schwieriger sein als der in die Schweiz“. Angehörige der Familie Bonaparte waren dort nicht gelitten. Doch nicht zuletzt die Vermittlung eines Landammanns, der sich in Hortense verliebt hatte, trug dazu bei, dass sie sich im Thurgau niederlassen durfte. Nach ihr kamen weitere Exilfranzosen, die sich rund um Arenenberg niederließen. Hortenses Bruder Eugène baute Schloss Eugensberg, ihre Gesellschafterin Louise Cochelet kaufte Schloss Sandegg. Irgendwann lebte eine kleine französische Gemeinschaft am Südufer des Untersees.

Es gibt viele Porträts von Hortense, sie selbst malte auch. Welche Bedeutung hatte Kunst für sie?

Malen, tanzen und musizieren lernte Hortense in ihrer Jugend, das gehörte zur Erziehung für Mädchen ihres Standes. Sie soll auch eine hervorragende Schauspielerin gewesen sein. In ihrer Kunst fand sie zeitlebens Trost und Ruhe. Und sie selbst ließ sich immer wieder von professionellen Malern porträtieren, auf einem Gemälde trägt sie den Talisman Karls des Großen. Womöglich wollte sie damit den Anspruch ihres Sohnes auf den französischen Kaiserthron herausstreichen.

Hortense lebte mit Unterbrechungen über 20 Jahre auf Arenenberg, was liebte sie am Bodensee?

Licht, Weitblick, Berge, Wasser, Vegetation, die Abgeschiedenheit …

… und was hasste sie?

Nebel und kalte Winterstürme.