Sonntagvormittag, 8.30 Uhr. Am blauen Märzhimmel strahlt die Sonne, während am Boden der Tau noch leicht gefroren ist. Am NABU-Vogelhäusle bei den Entsorgungsbetrieben haben sich 35 Menschen eingefunden, die sich bei Joachim Domnick vom NABU zur Exkursion „Zugvögel zu Gast am Bodensee“ ins Naturschutzgebiet Wollmatinger Ried angemeldet haben.

Domnick (81) war früher Bildungsforscher an der Universität Konstanz und ist seit seiner Kindheit in der Lüneburger Heide begeisterter „Hobbyornithologe“, wie er uns mit einem Schmunzeln erläutert. Sein Motto „Tiere beobachten, ohne sie zu stören“ soll an diesem Sonntagmorgen auch für unsere Gruppe gelten.

Erste Station auf unserer Vogelschau ist der kerzengerade Gottlieber Weg, an dessen Ende der Vorflutkanal der Konstanzer Kläranlage in den Seerhein mündet. Links und rechts des öffentlichen Weges warten bereits die ersten Naturwunder auf uns. In der Ferne, Richtung Konstanz, grast im Morgendunst ein Sprung Rehe. „Leider fressen die Rehe auch seltene Pflanzen“, merkt Joachim Domnick an, während die zwölf Tiere uns aufmerksam beäugen.

Doch Rehe und Wildschweine (gibt es auch im Ried) sind nicht die einzigen Säugetiere, die hier leben. Der Biber ist seit einigen Jahren wieder am Bodensee heimisch. Seine Spuren sind kaum zu übersehen, wie wir im Laufe der Exkursion beobachten werden.

Doch zurück zu den Vögeln: Joachim Domnick macht uns auf das Nest eines Schwarzmilans aufmerksam, als hoch am Himmel sieben große Vögel im Formationsflug auftauchen. „Das sind Kraniche auf dem Weg nach Norden“, erklärt Domnick. „Die Zugzeiten verschieben sich durch den Klimawandel.“ Immer mehr Zugvögel kehren früher in ihre Sommergebiete zurück und machen sich später ins Winterquartier auf. Kaum sind die sieben Durchzügler am Horizont verschwunden, kreist schon ein Rotmilan über uns. Zum ersten Mal schlägt an diesem Sonntag mein Herz etwas höher.

Wir gehen weiter auf dem Gottlieber Weg, wo plötzlich zwei Absperrschranken ein Loch im Boden sichern. Hier hat ein Biber den Weg untergraben, seine Spuren am Kanal sind unübersehbar. Löcher und Rutschen zieren das gegenüberliegende Ufer. Die streng geschützten Tiere vermehren sich anscheinend prächtig, wie die vielen Bissspuren an Bäumen zeigen. Welche Folgen die Baumfällarbeiten des Bibers für das Wollmatinger Ried haben, kann hier in Echtzeit beobachten werden.

Am Ende des Gottlieber Weges dösen am Ufer des Seerheins einige Stockenten in der Sonne. Als wir das abgesperrte Naturschutzgebiet betreten, macht sich hoch im Geäst eine Blaumeise bemerkbar. „Mit ihrem Gesang markiert sie ihr Revier“, erklärt Domnick. Ein einfacher Ruf bedeute dagegen zum Beispiel „Alarm“. Im Gänsemarsch geht es auf einem schmalen Pfad durch die offene Riedlandschaft. Als Pflegemaßnahme wurden vor kurzem die Streuwiesen bis auf das Schilf am Uferbereich gemäht. Dies geschieht regelmäßig, zu manchen Zeiten werden auch Hochlandrinder als Rasenmäher eingesetzt, um die Wiesen frei von Sträuchern zu halten.

Wir dringen immer weiter vor ins Naturschutzgebiet. Am Ufer des Seerheins haben Kormorane auf einer Baumgruppe eine Brutkolonie gegründet. Die schwarzgefiederten Vögel sind seit einigen Jahrzehnten am See heimisch, aber als „Fischerman‘s Feind“ nicht von allen Menschen gern gesehen.

Wir nähern uns dem Ziel unserer Exkursion, der Beobachtungsplattform am Ende des Seerheins. Von hier aus wollen wir die Zugvögel beobachten. Doch die machen sich rar an diesem Sonntagmorgen. Nur Brachvögel lassen sich mit Fernglas beobachten. Hat die Blaumeise etwas ihre gefiederten Kollegen vor uns gewarnt? Oder liegt es an den Greifvögeln im Ried. Unweit der Plattform entdecken wir am Boden viele Federn, die Überreste eines Brachvogels.

„Vom ornithologischen Standpunkt aus gesehen ist die Plattform heute eine Enttäuschung“, erklärt Domnick. Kein Problem für mich, dafür entschädigt uns der wunderbare Panoramablick über den Untersee allemal. Und schließlich sind wir hier in einem Naturschutzgebiet und nicht im Freilandzoo.

Wir machen uns auf den Rückweg und verlassen das Naturschutzgebiet. Am Ufer des Seerheins wartet ein Kormoran auf uns, der sich auf einem Stein sonnt und völlig entspannt vor unseren Kameras posiert. Oder will er nur checken, ob die 35 großen Säugetiere endlich das Ried verlassen? Egal, die Kameras klicken. Jetzt ist Fotosafari angesagt.

Dann kommt plötzlich leise Aufregung in unsere Nachzüglergruppe auf. Am Ufer des Kanals hat sich eine Wasserralle blicken lassen. Der scheue Riedbewohner lebt meist versteckt im Röhricht. Er lässt sich bereitwillig beim Mittagessen fotografieren und stakst auf seinen dünnen Beinchen wieder ins Dickicht. Und ganz nebenbei zaubert der kleine Vogel nicht nur mir ein Lächeln ins Gesicht.

Wir gehen zurück zum NABU-Vogelhäusle. Die Rehe sind immer noch am Waldrand unterwegs, während ein Graureiher stoisch am Wegesrand auf Beute wartet. Die vier Stunden im Ried sind wie im Flug vergangen. Ganz hoch am Himmel taucht plötzlich das größte Passagierflugzeug der Welt auf, ein Airbus A-380. Im Sonnenlicht glänzend gleitet die Flugmaschine lautlos über das Ried, Richtung Zürich. An Bord: 853 Zugvögel in Menschengestalt.