Die Journalistin Manuela Ziegler fragte sich während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020, welche Auswirkung die Pandemie auf die „Risikogruppe Senioren“ hat. Warum nicht die Senioren selbst zu Wort kommen lassen? 20 Konstanzer Senioren aus Privathaushalten und Pflegeheimen waren bereit, über ihre Beziehung zur Stadt zu schrieben und zu erzählen. Eine dieser Geschichten findet sich unten auf dieser Seite.

„Die Lebenswege der Schreibenden und Erzählenden starteten entweder in Konstanz, und/oder mündeten in ihr. Für alle ist sie zu einem Schauplatz ihres Lebens geworden“, schreibt Ziegler im Vorwort des Buches, das im Juni erschien. „Kein wissenschaftlicher Ansatz, sondern journalistische Neugier am Biografischen trieb mich an.“ Ziegler verteilte sechs Schreibaufgaben im vierzehntägigen Rhythmus, drei Erzählaufgaben wurden in den Pflegeheimen aufgrund der Kontaktbeschränkungen vom Pflegepersonal durchgeführt. „Entstanden sind autobiografische Texte, die zeigen, wie verschieden Lebenswege auch innerhalb einer Generation verlaufen.“

Manuela Ziegler.
Manuela Ziegler. Bild: Inka Reiter

Einige der Erzählenden kamen aus beruflichen Gründen an den See. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Konstanz noch Industriebetriebe wie Dura, Herosé und Stromeyer, die wie ein Magnet wirkten.

Es erzählen auch waschechte „Konschdanzer“ ihr Lebensgeschichte, wie jene Seniorin, die als junges Mädchen am Regierungsmäuerle am Bärengraben saß, dem Verkehr auf der Rheinbrücke zuschaute und dort ihren späteren Mann kennenlernte. „Die Erzählungen ermöglichten mir Einblicke in Biografien, die ich sonst nie erhalten hätte. Sie widerspiegeln mir Grundsätzliches für ein Leben: die Wichtigkeit von Arbeit und Zuhausesein, von Orten der Erinnerung, von Freundschaft und Familie und von Liebe“, scheibt Ziegler, die 1994 als Buchhändlerin nach Konstanz kam.

Bei aller Verschiedenartigkeit der Biografien gibt es doch Verbindendes: „Die inneren Landkarten der Erzählenden sind geprägt von wiederkehrenden Besonderheiten wie der Konstanzer Fasnacht, der mittelalterlichen Niederburg, der Schweizer Nachbarschaft und sie sind an ihren Rändern immer wieder vom See gesäumt.“

Und welche Geschichte hat die Geschichtensammlerin am meisten berührt? „Berührend fand ich alle Geschichten in ihren sehr verschiedenen und sehr eigenen Tonarten. Besonders ergriffen haben mich die Erzählungen von Barbara Werner, ein Pseudonym, und Walter Schelle, beide aus Konstanz. Sie haben mich wirtschaftliche Nöte und auch seelische Härten der Kriegsgeneration direkt spüren lassen. Beachtlich fand ich, dass beide ihre leidvollen Erfahrungen im hohen Alter offen ausgesprochen haben.“

„Die Biografien widerspiegeln die Wichtigkeit von Arbeit und Zuhausesein, von Orten der Erinnerung, von Freundschaft und Familie und von Liebe.“
Manuela Ziegler

Am Freitag eröffnet im Gewölbekeller im Kulturzentrum die Ausstellung zum Buch. Die multimediale Ausstellung steht unter dem Motto „Sehen – Hören – Erleben“. Sie zeigt eine Auswahl der Erzählungen, sowie Illustrationen und fotografische Stadtansichten. Gerahmte Drucke der Erzählungen bilden den roten Faden durch die Ausstellung. Die Hörversion ist mit Musik und Tönen untermalt und per QR-Code hörbar. „Es hat mich gereizt, die berührend einfache Sprache der Texte durch Klänge zu unterstreichen“, sagt Manuela Ziegler.

Die Texte entstanden vor etwas mehr als einem Jahr, wie geht es den 20 Senioren und Seniorinnen heute? „Einige sind leider inzwischen verstorben, entweder an Altersschwäche oder an Corona“, sagt Ziegler. Manche hätten körperlich und/oder geistig stark abgebaut. Gut die Hälfte, auch in Privathaushalten, sei noch wohlauf.

Und welche Resonanz haben die Seniorinnen und Senioren auf das Buch erhalten? „Die ist meist positiv. Eine Pflegekraft erzählte mir beispielsweise, dass eine der über 90-jährigen Erzählenden die zweistündige Online-Lesung während des Lockdown erfreut verfolgt habe. Deren Tochter war vom Projekt von Anbeginn an begeistert. Von Hinterbliebenen der Verstorbenen hörte ich, dass sie sich freuen, über die schönen Erinnerungen an ihre Angehörigen.“

Es gebe aber auch Zwischentöne. „Es sei ein seltsames Gefühl, seine Geschichte veröffentlicht zu haben und also angreifbar zu sein, erklärte mir eine der Schreibenden. Sie hörte von ihren Enkelkindern, dass Privatpersonen auf sozialen Netzwerken öfter mit ‚Shitstorm‘ zu kämpfen hätten. Ganz anders in ihrem Bekanntenkreis: Sie erhielt bisher keine Reaktion auf das Buch, was sie verwunderte. Innerhalb der Familie wurde die Veröffentlichung gut aufgenommen.“