Donnerstagvormittag am Gottmannplatz. Obwohl die Konstanzer Tafel erst in einer Stunde öffnen wird, warten bereits die ersten Menschen vor dem kleinen Geschäft. Für die Tafel Konstanz ist dieser 2. Juni kein Tag wie jeder andere in ihrer 18-jährigen Geschichte. „Wir können keine Kunden mehr aufnehmen und geben deshalb keine neuen Kundenkarten mehr aus“, sagt Anita Hoffmann schweren Herzens. „Wir sind an der Grenze unserer physischen Belastbarkeit.“ Der Grund: Es kommen immer mehr ukrainische Flüchtlinge in den Tafelladen. „Wir haben 272 ukrainische Kundenausweise ausgestellt in den letzten beiden Monaten und dazu kommen noch unsere anderen Kunden aus Iran, Irak, Syrien und Afghanistan“, sagt Hoffmann. „Zur Zeit sind es jeden Tag zehn neue Familien aus der Ukraine.“

Die Tafel Konstanz stellt keine neuen Kundenkarten mehr aus.
Die Tafel Konstanz stellt keine neuen Kundenkarten mehr aus. Bild: Ralf Baumann

Bis zu 170 Menschen kommen derzeit an jedem der vier Öffnungstage in die Tafel, fast doppelt so viele wie noch vor einigen Wochen. „Wir sind über 40 ehrenamtliche, zum Teil auch ältere Mitarbeiter, das ist einfach zu viel Arbeit für uns, wir kommen nicht mehr nach. Am Montag hatten wir 161 Kisten Ware, jede muss angepackt werden.“ Bis zu zehn Stunden am Tag dauert nun die Arbeit im Laden.

Lange Schlangen vor dem Tafelladen Konstanz

Während vor dem Laden immer mehr Kunden eintreffen, werden drinnen Kisten mit gespendeten Lebensmitteln angeliefert, die kontrolliert und aussortiert werden müssen, bevor sie in den Verkauf gehen. Im Jahr werden 220 Tonnen Lebensmittel vor allem bei Discountern und Supermärkten eingesammelt. Bei der Tafel kostet z.B. ein Kilo Brot 30 Cent.

Die Schlangen vor dem Tafelladen werden seit Wochen immer länger.
Die Schlangen vor dem Tafelladen werden seit Wochen immer länger. Bild: Ralf Baumann

„Ich bin vor 18 Jahren angetreten, dass keine Lebensmittel weggeschmissen werden und Menschen mit wenig Einkommen mit günstigen Lebensmitteln unterstützt werden“, erinnert sich Hoffmann, die vor kurzem mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wurde. Ein Problem sei, dass die Ukrainer nicht den Sinn des Tafelladens verstehen: „Wir können nur unterstützen, wir sind keine Vollversorgung“, sagt Hoffmann. „Wir haben an manchen Tagen ganz wenig Waren, dann müssen wir an der Kasse den Leuten die Ware wieder wegnehmen, weil andere noch vor der Tür stehen.“

Wer darf im Tafelladen einkaufen?

Berechtigt zum Einkaufen bei der Tafel sind Besitzer eines Konstanzer Sozialpasses und Flüchtlinge aus der Ukraine. Konstanz ist nicht die erste Tafel in Deutschland, die einen Aufnahmestopp für Kunden verhängt hat.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Anita Hoffman (vordere Reihe, Mitte) für ihr bürgerschaftliches Engagement als Gründerin und Leiterin der Konstanzer Tafel mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Ende Mai überreichte OB Uli Burchardt (hintere Reihe, Mitte) Anita Hoffmann in Begleitung vieler Tafel-Mitarbeiter die Auszeichnung im Ratssaal.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Anita Hoffman (vordere Reihe, Mitte) für ihr bürgerschaftliches Engagement als Gründerin und Leiterin der Konstanzer Tafel mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Ende Mai überreichte OB Uli Burchardt (hintere Reihe, Mitte) Anita Hoffmann in Begleitung vieler Tafel-Mitarbeiter die Auszeichnung im Ratssaal. Bild: Stadt Konstanz

Seit Juni können Flüchtlinge aus der Ukraine Hartz IV beantragen. Dass dies zur Entlastung beitragen könnte, ist Hoffmans skeptisch. Sie rechnet mit noch mehr Flüchtlingen aus der Ukraine. „Die Stadt müsste mit den Discountern sprechen und Lebensmittelgutscheinen von diesen Geschäften ausgeben, damit ukrainische Flüchtlinge verpflichtet werden, dort einzukaufen“, sagt Hoffmann. „Das würde uns entlasten.“

Es ist kurz vor 12 Uhr, die Tafel öffnet. Dutzende Menschen warten auf Einlass. „Heute haben wir viele Tomaten und Gurken, da darf jeder jeweils zwei Stück mitnehmen“, sagt Anita Hoffmann. „Das ist nicht jeden Tag so.“