Herr Ladwig, wie lange dauerte die Recherche für Ihr neues Buch?

Uwe Ladwig: Die Initialzündung, mich mit dem Themenkreis zu beschäftigen, hatte ich im April diesen Jahres – beim Sortieren alter Unterlagen war ich über das Musikhaus Schächle in Singen gestolpert. Als Schüler auf dem Singener Hegau-Gymnasium führte mich mein täglicher Schulweg an dem kleinen Ladengeschäft von Lydia Schächle vorbei, Ende der 1970er habe ich in dem größeren Ladengeschäft ihres Sohnes Willi ein Selmer Mark7 Tenorsaxofon gekauft. Und jetzt sinnierte ich darüber, was wohl aus Willi Schächle geworden war. Und mir fielen die vielen Bands und Musiker der 1970er und 1980er Jahre ein. Getrieben vom Interesse an dieser Geschichte habe ich mich dann von Kontakt zu Kontakt gehangelt und für mich beschlossen: Das gehört aufgeschrieben.

Das Buch ist keine Fortschreibung Ihres Musikbuches „Geschichte des Jazz in Konstanz“?

Na ja, in gewisser Hinsicht schon. Die Konstanzer Jazz-Historie ist lokal begrenzter und fokussiert auf den Jazz. Hier geht es nun um die übrige Unterhaltungsmusik im gesamten Hegau, zu dem man übrigens Konstanz zählen darf – das habe ich mir vom Historiker Fredi Meyer aus Wahlwies sagen lassen. Am Rande: Diesen Sommer habe ich als Co-Autor ein Buch über den Traditional-Jazz im Süden Deutschlands zwischen Villingen-Schwenningen, Ravensburg, Friedrichshafen und Konstanz veröffentlicht. Deswegen habe ich auch bewusst die Jazz-Bands in diesem neuen Buch ausgeklammert und verweise auf die „Geschichte des Jazz in Konstanz“ (Stadler-Verlag Konstanz) und „Talking Hot“ (Societäts-Verlag Frankfurt).

War die Recherche schwierig?

Meine Vorgehensweise war sehr ähnlich wie bei den schon genannten Publikationen: Ich habe unzählige Gespräche geführt, in Büchern und alten Zeitungen nachschaut, durfte Bilder aus privaten Sammlungen fotografieren, habe alte Tonband-Kassetten oder schon digitalisierte Aufnahmen bekommen. Es gab nur ganz wenige, die nicht bereit waren, Auskünfte zu erteilen. Meist waren die Menschen berührt, dass man sich noch an sie erinnert. Vielfach hatte ich auch mit den Witwen oder Angehörigen zu tun, die ohne zu zögern alles mitgeteilt und zur Verfügung gestellt haben, was noch vorhanden war.

Warum haben Sie ein Buch und kein Onlinelexikon gemacht?

Es gibt ein bebildertes Buch von Michael S. Berchmann über seine Wahlheimat Singen („Es geschah in Singen“). Er ist der Vater des Sängers, der im Hegau als Hardy Bergen bekannt wurde. Ich liebe es, in diesem Buch und meinen Erinnerungen zu stöbern – mir gefällt es, solche Aufzeichnungen haptisch wahrzunehmen und darin zu blättern.

Welches waren die erfolgreichsten bzw. bekanntesten Bands in der Region Hegau?

Ich habe sie nicht selber erlebt, aber viele meiner Gesprächspartner schwärmen von Cora-Terry. Die Band um den Bohlinger Organisten Ernst Stoll hat vermutlich Mitte der 1950er Jahre begonnen und bis Ende der 1960er gespielt. Nach einer kurzen Pause gründete Stoll CIRO-FIVE, die es dann bis in die 2000er Jahre mit mehrfach geänderter Besetzung gab. In den 1960ern hat Falko Illing in Radolfzell sein Quartett gegründet – später als Quintett und Sextett waren sie Publikumsmagnet bei ungezählten Tanzveranstaltungen. Parallel hat Karl Schütz die Dominos aufgebaut, die 2001 nochmal als Publikumsliebling bei der SWR1-Party „Legends of Pop“ in der nunmehr abgebrannten Singener Scheffelhalle auftraten.
In Konstanz spielten die Optimisten im legendären Park-Café: Zu dieser Tanzkapelle gehörten unter anderen Helmut Krüger und Rainer Heß, die ab 1973 mit Roland Scherer und Dieter Hog Crusade bildeten. Jürgen Waidele mit verschiedenen Bands und seiner Conversation war ab den 1980er Jahren angesagt. Aber eigentlich ist es ein wenig unfair, einzelne Bands hervorzuheben – jede einzelne hatte ihr Publikum.

Welche Bands aus dem Hegau waren über die Region hinaus erfolgreich und bekannt?

Mein Eindruck ist, dass die Bands überwiegend in ihrem eigenen Territorium agierten, mit Ausflügen ins St. Galler Africana, den Rabenkeller in Eschenz oder auch mal zu einzelnen Events an anderen Orten. Vor allem um die 1970er Jahre herum gab es aber auch in anderen Regionen Bands – es war für Veranstalter gar nicht nötig, in die Ferne zu schauen.

Nach der Gründung der Universität Ende der 1960er Jahre hat sich Konstanz stark verändert, viele junge Menschen kamen in die Stadt. Hat das die Musikszene verändert?

Vor allem die Sparten Jazz und Rock haben von der Uni profitiert, es gab auch entsprechende Veranstaltungen an der Universität – die reinen Tanz- und Unterhaltungskapellen dürften weniger tangiert gewesen sein.

Wie sehen Sie die Zukunft der Livemusik in der Region?

Livemusik wird leider immer mehr zur Nische. Konservenmusik von DJs oder das „So tun als ob“, also das Agieren zu Playbacks, ohne das zu Hörende selber produzieren zu können, ist billiger und einfacher. Richtige Musikerinnen und Musiker wird es aber nicht davon abhalten, gefühlsechte Musik abzuliefern. Und wo ein Wille ist …

Das Buch enthält eine CD mit 23 Songs aus fast 60 Jahren. Wie haben Sie die Songs ausgewählt?

Nach den Datenträgern habe ich gezielt gefragt, weil ich von Vinyl-Platten (Dominos, Taxi etc.) oder industriell gefertigten Musik-Kassetten (CIRO-FIVE, Jack Reich Trio usw.) wusste. Bei anderen Ensembles habe ich immer nachgefragt, ob es nicht Amateur-Aufnahmen auf Tonbandmaschinen – in den 1960ern und 1970ern sehr gängig – gibt. Bei dem so zusammengetragenen Material ließ ich immer die Bands entscheiden, ob und was auf diese CD soll. Die Zusammenstellung ist selbstverständlich per se unvollständig und kann nur einen Eindruck vermitteln.
Als Fan von echten Hammond-Orgeln mit Rotor-Kabinett gefällt mir die Aufnahme der Konstanzer Four Sugars („Time is tight“), beim Crusade-Cover von „Firth of Fifth“ hört man prima den – aus heutiger Sicht eigentümlichen – Sound des legendären Yamaha CP-70 – damals gab es noch kein vernünftiges E-Klavier: Wenn man einen transportablen Flügelsound auf der Bühne haben wollte, führte kein Weg an diesem 130 kg schweren Teil mit echten kurzen Saiten vorbei.

Die Fragen stellte Ralf Baumann