Die Adresse Ryshylievska Straße 9a in der ukrainischen Hafenstadt Odessa war bis zum 24. Februar ein sehr beliebter Ort. Dort, ganz in der Nähe des Hafens, befindet sich der „Odesa City Food Market“. Es war ein Ort voller Lebensfreude, voller Spaß und voller Energie. Viele Menschen trafen sich dort, um zu schlemmen, sich zu unterhalten und um das Leben und das gute Essen zu genießen. Es gab viele verschiedene Küchen, so dass für jeden Geschmack etwas dabei war.

So sah der „Odesa City Food Market“ vor dem Kriegsausbruch aus. Kurz danach wurde es zu einem Hilfszentrum umfunktioniert.
So sah der „Odesa City Food Market“ vor dem Kriegsausbruch aus. Kurz danach wurde es zu einem Hilfszentrum umfunktioniert. Bild: Odesa City Food Market

Heute bietet sich dort leider ein anderes Bild: Am Ende der Treppen des Eingangs liegen jede Menge Sandsäcke, um das Gebäude vor Raketenangriffen zu schützen. Von außen kann man noch den riesigen rotleuchtenden Drachen sehen, der an der Decke hängt. Vieles erinnert noch an die Zeit der Lebensfreude. Aber da, wo sonst die Hunderten von Menschen gesessen haben, um zu essen, da stehen jetzt Kartons und Regale mit Hilfsgütern. Aus dem „Odesa City Food Market“ ist nach dem Kriegsausbruch ein Hilfs- und Verteilzentrum geworden. Bürger von Odessa, hohe Politiker und reiche Geschäftsleute arbeiten hier Hand in Hand. Sie alle arbeiten als sogenannte Volunteers, um denjenigen zu helfen, die unter dem Krieg leiden.

Inga Kordinavskaya

Unter den vielen Helfern ist auch Inga Kordinavskaya. Vor dem Ausbruch des Krieges arbeitete sie als erfolgreiche Anwältin und Inhaberin einer Anwaltskanzlei. Sie traf sich hier früher gerne nach der Arbeit mit ihren Freunden, heute verbringt sie hier ihre Tage und manchmal sogar Nächte – allerdings nicht mehr als Gast, sondern als eine der Gründerinnen des Freiwilligen-Zentrums.

Inga Kordinavskaya.
Inga Kordinavskaya. Bild: Sergey Panashchuk

„Vor dem Krieg war es ein ziemlich cooler Ort mit einem sehr schicken Interieur, an dem wir Spaß hatten und uns mit Freunden trafen“, erklärt Inga Kordinavskaya. „Es gab viele Restaurants und man hat viele verschiedene Arten von Küchen genießen können.“ Viele haben dort eine schöne Zeit mit ihren Familien und Freunden verbracht. „Es wurde sehr viel gelacht“, fügt sie nachdenklich hinzu.

Hunderte Tonnen Hilfsgüter

Das Einkaufszentrum verwandelte sich nur wenige Tage nach Kriegsbeginn zu einem Freiwilligen-Zentrum. „Seitdem haben wir Hunderte Tonnen humanitärer Hilfe wie Lebensmittel, Medikamente und Kleidung gesammelt und an die Menschen in der Region Kiew, Tschernihiw, Mariupol und Mykolajiw geliefert“, erzählt Inga Kordinavskaya. „Wir helfen auch Binnenvertriebenen, die nach Odessa kommen, und alten Menschen aus der Stadt, die sich in einer schwierigen finanziellen Situation befinden.“

Jede Menge Hilfsgüter sind im Verteilzentrum in Odessa angekommen und werden sortiert. Wo jetzt Kartons stehen, saßen früher Gäste und haben gegessen.
Jede Menge Hilfsgüter sind im Verteilzentrum in Odessa angekommen und werden sortiert. Wo jetzt Kartons stehen, saßen früher Gäste und haben gegessen. Bild: Sergey Panashchuk

Inga Kordinavskaya hofft, dass sie nach dem Krieg wieder in ihr Geschäft und ihren Beruf zurückkehren kann. „Aber mir ist klar, dass wir alle in den kommenden Jahren unsere Freiwilligenarbeit fortsetzen müssen, um beim Wiederaufbau des Landes zu helfen“, betont sie. „Hoffentlich werden dann auch die Verantwortlichen dieser schrecklichen Taten zur Rechenschaft gezogen.“

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Eduard Schwayuk

Vor dem Krieg verdiente Eduard Schwayuk als Leiter einer Werbeagentur sehr gutes Geld. Sein Unternehmen befasste sich mit Reklametafeln, Leuchtreklamen und großformatigen Flachbildschirmen. Durch den Kriegsausbruch kamen die Geschäfte alle zum Erliegen. Da es in seinem Unternehmen aktuell keinerlei Aufträge gibt, engagiert auch er sich als Freiwilliger in dem Volunteer-Zentrum in Odessa.

Eduard Schwayuk.
Eduard Schwayuk. Bild: Sergey Panashchuk

„Eigentlich bin ich Inhaber eines Handelsunternehmens“, sagt Eduard Schwayuk. „Jetzt versuche ich so zu helfen, dass wir gemeinsam irgendwie durch diese harte Zeit kommen.“ Er hofft natürlich, dass sich in diesem Krieg die Ukraine irgendwann durchsetzen und das Land danach wieder komplett aufgebaut wird. „Ich bin mir sicher, dass Restaurants in Zukunft wieder Neonschilder oder ähnliches brauchen werden, aber jetzt bin ich erst einmal als Freiwilliger hier, um da zu helfen, wo ich gebraucht werde“, sagt er.

Ein freiwilliger Helfer füllt das Regal mit gespendeten Hygiene-Artikeln auf. Der „Food Market“ ist von einem beliebten Treffpunkt zu einem Verteilzentrum geworden.
Ein freiwilliger Helfer füllt das Regal mit gespendeten Hygiene-Artikeln auf. Der „Food Market“ ist von einem beliebten Treffpunkt zu einem Verteilzentrum geworden. Bild: Sergey Panashchuk

„Die Sache ist die, dass der Staat als riesiges System lange braucht, um zu reagieren und die Folgen einer Katastrophe zu bewältigen; also haben wir als Geschäftsleute zuerst reagiert und begonnen, der Zivilbevölkerung zu helfen“, erklärt er. Viele verwenden ihr eigenes Geld und vor allem die guten Verbindungen, um Lebensmittel, Medikamente und Kleidung zu kaufen und an diejenigen zu geben, die sie momentan dringend benötigen. „Wir können vielen helfen, aber leider immer noch nicht allen“, so Eduard Schwayuk.

Sergey Panashchuk berichtet für die Seewoche direkt aus Odessa.
Sergey Panashchuk berichtet für die Seewoche direkt aus Odessa. Bild: privat