Früher führten die europäischen Kolonialmächte Pflanzen wie Tomaten, Mais oder Kartoffeln vorrangig aus wirtschaftlichen Gründen in ihre Herrschaftsgebiete ein, um so das Überleben ihrer Bevölkerung zu sichern. Viele Pflanzenarten wurden als Nahrungs- und Futtermittel gehandelt. Im Zuge des Klimawandels drohen exotische Pflanzen in Deutschland andere Arten zu verdrängen. Wir haben uns mit Mark van Kleunen (Bild), Professor für Ökologie am Fachbereich Biologie der Universität Konstanz, über die Zukunft unserer Pflanzenwelt auch hier am Bodensee unterhalten.

Herr Professor van Kleunen, viele schöne Pflanze in öffentlichen Grünanlagen oder privaten Gärten sind Exoten aus anderen Weltregionen. Immer häufiger schaffen diese „Neophyten“ den Sprung in die heimische Natur. Wie sieht die Lage global und in Deutschland aus?

Mark von Kleunen: Es gibt weltweit über 13.000 Neophyten und man findet sie in fast allen Regionen der Erde. Die höchsten Zahlen an Neophyten findet man aber auf ozeanischen Inseln und in Regionen der höheren Breitengrade. In Deutschland werden etwa 400 bis 500 exotische Pflanzen als Neophyt eingestuft.

Mark van Kleunen ist Professor für Ökologie am Fachbereich Biologie der Universität Konstanz.
Mark van Kleunen ist Professor für Ökologie am Fachbereich Biologie der Universität Konstanz. Bild: Inak Reiter

…und hier bei uns am Bodensee?

Bei uns am Bodensee findet man auch mindestens 100 von diesen Neophyten und einige davon wie die Kanadische Goldrute, den Japanischer Staudenknöterich und das Drüsige Springkraut sind sehr weit verbreitet. Die drei Arten sorgen schon jetzt für Probleme, vor allem, weil sie auch in die Naturgebiete wie z.B. das Wollmatinger Ried eindringen. Die Goldrute und der Staudenknöterich sind durch ihre unterirdischen Rhizome sehr schwierig zu entfernen und der Staudenknöterich kann mit seinen Rhizomen auch in Mauern hineinwachsen und sie beschädigen. Hinzu kommt noch der Riesen-Bärenklau, der bei Berührung Hautreizungen und -blasen verursachen kann.

An der Seestraße in Konstanz stehen vier chinesische Hanfpalmen. Im Tessin gelten die Exoten inzwischen als Plage, die gefällt werden, weil sie in den Wäldern einheimische Strauch- und Baumarten verdrängen und wie eine Fackel brennen können. In Zürich wurden bereits die ersten wilden Exemplare gesichtet. Wann schaffen die Palmen bei uns am Bodensee den Sprung in die Natur?

Kollegen hier haben auch schon die ersten Keimlinge in den Gärten gefunden, und wenn dieser Exot weiterhin als Zierpflanze beliebt bleibt und der Klimawandel weiterhin schnell voranschreitet, können wir bestimmt auch schon in den nächsten Jahren den ersten wilden Exemplaren in der Natur begegnen.

Der Riesen-Bärenklau wird in Deutschland immer mehr zur Plage. Auch in der Bergstadt nimmt die Verbreitung der rund drei Meter hohen Giftpflanze immer weiter zu. Zwei mal wöchentlich müssen Bauamtsleiter Achim Klapper (links) und Mitarbeiter Manfred Reisser die verblühten Blüten vor dem Samenabwurf entfernen wie hier im Reichenbach in Oberkirnach.
Der Riesen-Bärenklau wird in Deutschland immer mehr zur Plage. Auch in der Bergstadt nimmt die Verbreitung der rund drei Meter hohen Giftpflanze immer weiter zu. Zwei mal wöchentlich müssen Bauamtsleiter Achim Klapper (links) und Mitarbeiter Manfred Reisser die verblühten Blüten vor dem Samenabwurf entfernen wie hier im Reichenbach in Oberkirnach. Bild: Kiewel

Und wie viele exotischen Zierpflanzen gibt es hier am Bodensee?

Da viele der Neophyten als Zierpflanzen eingeschleppt worden sind, haben wir vor einigen Jahren ein Inventar der exotischen Pflanzen in den öffentlichen Grünanlagen und einigen Privatgärten in Radolfzell gemacht. Von den etwa 1000 Exoten in diesen Gärten sind schon 48 Arten in der Umgebung von Radolfzell als Neophyt eingebürgert. Durch die Analyse der Klima-Präferenzen der 1000 Arten konnten wir weitere 45 Arten identifizieren, die zwar noch nicht eingebürgert sind, sich aber mit vorschreitenden Klimaänderungen hier etablieren könnten.

Was empfehlen Sie Stadtverwaltungen in Bezug auf invasive Pflanzenarten?

Die schon weit verbreiteten Arten wird man nicht mehr loswerden, aber die Populationen in der Nähe von Naturgebieten sollten bekämpft werden, damit sie nicht weiter in diese Gebiete eindringen. Da Vorbeugen besser ist als heilen, sollten vor allem die Arten, welche sich jetzt anfangen auszubreiten, wie z.B. der Kirschlorbeer im Lorettowald, bekämpft werden. Und man sollte Bürgerinnen und Bürger besser über Neophyten informieren.

Indisches Springkraut.
Indisches Springkraut. Bild: Mark van Kleunen

Und worauf sollten Gartenbesitzer achten, damit die Exoten nicht über den Zaun springen?

Gartenbesitzer wissen aus Erfahrung, welche Zierpflanzen sich in ihren Gärten schnell ausbreiten und sich fast wie Unkraut benehmen. Das sind die Arten, bei denen wir aufpassen sollten, dass sie nicht über den Zaun springen. Es gibt weiterhin auch immer noch Gartenbesitzer, welche ihre Gartenabfälle statt im Grüncontainer irgendwo an den Waldrand schmeißen und damit die Chance erhöhen, dass einige Exoten sich in der Natur etablieren können.

Gibt es Listen von invasiven Pflanzenarten?

Ja, für viele Regionen der Erde gibt es Listen von invasiven Pflanzenarten, auch für Deutschland (siehe Box). Weiter gibt es für die ganze EU eine Unionsliste mit invasiven Arten. Für die Arten auf dieser Liste gibt es Einschränkungen bei der Kultivierung und die Mitgliedstaaten müssen schauen, dass diese Arten schnell ausgerottet werden, wenn sie sich etablieren oder ihre weitere Verbreitung angehalten wird, wenn sie schon weit verbreitet sind.

Kanadische Goldrute.
Kanadische Goldrute. Bild: Aaron Hahn

Bislang haben wir nur über die Bedrohung gesprochen. Können invasive Pflanzen auch eine Bereicherung für unsere heimische Fauna und Flora in Zeiten des Klimawandels sein?

Das ist unter Invasionsbiologen ein umstrittenes Thema, aber einige invasive Pflanzen können sicher auch für einige Bestäuber eine wichtige Quelle von Nektar und Pollen sein. Inwieweit aber invasive Pflanzen Ökosystemleistungen von einheimischen Pflanzen unter neuen Klimabedingen übernehmen können, ist ein Gebiet, in dem noch mehr Forschung wünschenswert ist.

Japanischer Staudenknöterich.
Japanischer Staudenknöterich. Bild: Fotolia

Können invasive Pflanzen gegen die Hitze in den Städten und die Dürre in den Wäldern helfen?

Gegen die Dürre in den Wäldern können die meisten Pflanzen wenig helfen, außer man ersetzt die jetzigen Bäume durch Dürre-resistente Arten. Da viele invasive Pflanzen eher verschwenderisch mit Wasser umgehen, können diese Pflanzen das Dürre-Problem möglicherweise sogar verstärken. Da Pflanzen im Allgemeinen eine kühlende Wirkung haben, sind Bepflanzungen in den Städten sehr wichtig. Gründächer sind eine gute Möglichkeit die Städte grüner und kühler zu machen. Die Gründächer können auch gut mit Photovoltaikanlagen kombiniert werden und können mit Dürre-resistenten Mischungen einheimischer Arten statt exotischen Sedumpflanzen bepflanzt werden.

Worüber forschen Sie derzeit?

Die Forschung meiner Gruppe beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie Pflanzen auf die durch den Menschen verursachte Umweltänderungen reagieren. Dabei handelt es sich um Umweltänderungen wie z.B. den erhöhten Stickstoffeintrag und Erwärmung, aber auch um Effekte von Mikroplastik und Lichtverschmutzung auf Pflanzenwachstum und ihre Interaktionen mit anderen Organismen. Die meiste Projekte beschäftigen sich aber mit der Frage, wieso bestimmte exotische Pflanzen sich erfolgreich etablieren und sogar invasiv werden und andere nicht.

Die Fragen stellte Ralf Baumann