Nahe Bielefeld wurde Aleida in ein akademisches Elternhaus geboren: Ihr Vater, Gunther Bornkamm, war ein renommierter evangelischer Theologe. Ihre Mutter Elisabeth Zinn besaß einen Doktorabschluss im Fach Theologie. Konnte Latein, Griechisch, Hebräisch, blieb jedoch – wie in den 1950er-Jahren ublich – bei Aleida und den vier Geschwistern zu Hause. Dabei ließ sie es sich nicht nehmen, die wissenschaftlichen Themen, an denen ihr Ehemann arbeitete, mit ihm zu diskutieren.

Tochter Aleida besuchte derweil ein Privatgymnasium. 1966 begann sie, in Heidelberg Anglistik zu studieren. Dort lernte sie den Archäologen und Ägyptologen Jan Assmann kennen, den sie mit gerade mal 21 Jahren heiratete.

Wie ihrer Mutter war es auch Aleida wichtig, sich im Forschungsbereich ihres Mannes auszukennen, ihm eine gute Gesprächspartnerin zu sein. So nahm sie zusätzlich ein Ägyptologiestudium auf, das sie neben der Anglistik mit Auszeichnung abschloss. Danach reiste Aleida nach Luxor und Gurna in Oberägypten, wo sie sich an Grabungsarbeiten beteiligte und mit ihrem Ehemann archäologische Forschungsprojekte durchfuhrte.

Kind und Beruf

Im Jahr 1976 wurde Aleida Assmann erstmals Mutter. Zu einer Zeit, in der es westdeutschen Frauen in der Regel noch schwer gemacht wurde, Kind und Beruf unter einen Hut zu bringen. Gerade hatte sie eine Vertretungsstelle am Englischen Seminar der Uni Mannheim angenommen, da wurde sie erneut schwanger. In einem „Zeit“-Interview erinnert sich Aleida Assmann, dass sie das Telefongespräch mit dem Vorgesetzten wie eine „Beichte“ empfunden habe.

Eine Woche nach der Geburt des zweiten Kindes gab Aleida Assmann bereits wieder ein Seminar. Fuhr heimlich zum Stillen nach Hause, um die Arbeitskollegen nicht mit ihren Problemen zu behelligen: Das Doppelleben als Akademikerin und Mutter war höchst kompliziert und erforderte eiserne Disziplin. Trotz aller Widrigkeiten beendete Aleida Assmann 1977 in Heidelberg ihre Anglistik-Dissertation. Ihre Prufung in Ägyptologie legte sie in Tubingen ab; Ehemann Jan war in Heidelberg mittlerweile Professor geworden.

Chris Inken Soppa lebt in Konstanz. Nach dem Studium der Anglistik und Romanistik an der Universität Konstanz und am Trinity College Dublin war sie als Nachrichtenredakteurin tätig und von 2004 bis 2009 als Koordinatorin der Konstanzer Internationalen Sommerschule für Literaturwissenschaft. Chris Inken Soppa schreibt Romane und Erzählungen, arbeitet als literarische Übersetzerin und gehört der Meersburger Autorenrunde an. Zusammen mit dem Grafiker und Illustrator Ralf Staiger brachte sie ein Künstlerbuch und ein Kinderbuch heraus. Zuletzt erschien ihre historische Romanbiografie „Der große Muntprat“ über einen Konstanzer Fernkaufmann des Mittelalters.
Chris Inken Soppa lebt in Konstanz. Nach dem Studium der Anglistik und Romanistik an der Universität Konstanz und am Trinity College Dublin war sie als Nachrichtenredakteurin tätig und von 2004 bis 2009 als Koordinatorin der Konstanzer Internationalen Sommerschule für Literaturwissenschaft. Chris Inken Soppa schreibt Romane und Erzählungen, arbeitet als literarische Übersetzerin und gehört der Meersburger Autorenrunde an. Zusammen mit dem Grafiker und Illustrator Ralf Staiger brachte sie ein Künstlerbuch und ein Kinderbuch heraus. Zuletzt erschien ihre historische Romanbiografie „Der große Muntprat“ über einen Konstanzer Fernkaufmann des Mittelalters. Bild: Ralf Staiger

Dann aber besann sich die frischgebackene Frau Doktor auf die Ideale ihrer Mutter. Bekam insgesamt funf Kinder und blieb zwölf Jahre lang mit ihnen zu Hause. Auf ihr geistiges Leben wollte sie trotzdem nicht verzichten. Beim Stillen las sie, nach dem Bugeln notierte sie Gedanken und Ideen. Holte sich intellektuellen Austausch, wo sie nur konnte: bei Bekannten, ihren Freunden, ihrem Mann.

Professorin in Konstanz

Das Ehepaar ergänzte sich prima: Aleidas Fach war die moderne englische Literatur, während Jan fur die Antike zuständig war – so zumindest die Theorie. In der Praxis kannten sich beide im jeweiligen Spezialgebiet des Partners hervorragend aus. Schließlich – so erinnert sich Aleida Assmann im „Zeit“-Interview – begann ihr Mann, auch uber ihre Themen zu referieren.

Daraufhin setzte sie durch, ebenfalls zu Tagungen eingeladen zu werden. Hielt eigene Vorträge und bekam eine Assistentenstelle an der Konstanzer Universität. 1992 habilitierte sie sich in Heidelberg, bereits ein Jahr später wurde sie Professorin fur Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft in Konstanz.

Anfang der 90er-Jahre sorgten Frauen in leitenden Positionen bei Männern an der Universität noch fur Unsicherheit. Immer wieder kam es vor, dass Professorinnen von ihren Kollegen nicht einmal gegrußt wurden. Dahinter steckte keinesfalls Feindseligkeit, erklärt Aleida Assmann im Interview. Vielmehr waren die Herren Professoren peinlich beruhrt, mit Frauen zusammenzuarbeiten, die weder Studentinnen noch Sekretärinnen waren, sondern ihnen auf Augenhöhe begegneten.

Aleida Assmanns Söhne und Töchter blieben zunächst mit dem Vater und einer Au-Pair-Betreuerin in Heidelberg. Erst zwei Jahre später folgten ihr vier der Kinder an den Bodensee.

Das kulturelle Gedächtnis

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann feierte große Erfolge. Seit den 90er-Jahren forscht sie verstärkt zum Thema „kulturelles Gedächtnis“. Wie gehen Menschen, Nationen mit der eigenen Geschichte um? Woran erinnern sie sich, was wollen sie vergessen? Schreibt sich jede Nation ihre eigene Geschichte? Berucksichtigt sie dabei die Perspektive benachbarter Länder? Könnte gemeinsames Erinnern fur Frieden sorgen?

Stets nahm sich Aleida Assmann die Freiheit, den akademischen Elfenbeinturm zu verlassen, auch politisch in öffentliche Debatten einzugreifen. Ideologisches ist ihr fremd, lieber bleibt sie aktuell: Der Traum von Europa, die Menschenrechte sind ihr ein Anliegen. Und die Erinnerung an das Kriegsende am 8. Mai 1945, Tag der Befreiung Deutschlands von der NS-Diktatur.

Fur Aleida Assmann ist dieser Tag ein wichtiges Datum und eine gute Gelegenheit fur alle Europäer, zusammenzukommen, um aus den Erfahrungen und bewahrten Erinnerungen der einzelnen Länder und Staaten eine gemeinsame Vision fur die Zukunft zu entwickeln.

Das Buch „Über jede Grenze hinweg – Bemerkenswerte Frauen am Bodensee“ ist erschienen im Gmeiner Verlag. 218 Seiten, 90 Abb., 17 x 24 cm, Hardcover, 25 Euro. ISBN 978-3-8392-0087-2
Das Buch „Über jede Grenze hinweg – Bemerkenswerte Frauen am Bodensee“ ist erschienen im Gmeiner Verlag. 218 Seiten, 90 Abb., 17 x 24 cm, Hardcover, 25 Euro. ISBN 978-3-8392-0087-2 Bild: Verlag

Von der Universität Konstanz zog Aleida Assmann aus in die Welt. 2001 nahm sie eine Gastprofessur an der Princeton University im US-Bundesstaat New Jersey an, später in Houston, New Haven, Chicago und Wien.

Fur ihre Arbeiten erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen, etwa die Ehrendoktorwurde der Universität Oslo (2008) oder den niederländischen A.H.-Heineken-Preis fur Geschichte (2014). Im Jahr 2018 wurde ihr und ihrem Ehemann der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen; 2020 erkor man das Paar zu Mitgliedern im Orden Pour le Mérite. Mittlerweile gilt Aleida Assmann als eine der einflussreichsten Intellektuellen Deutschlands; gemeinsam mit ihrem Mann hat sie die deutsche Erinnerungskultur entscheidend geprägt.

Die inzwischen erwachsenen Kinder der Assmanns haben mit Kulturwissenschaft weniger am Hut. Alle funf sind beruflich beim Film und in den neuen Medien unterwegs – und eröffnen ihren Eltern damit ganz neue Perspektiven.

2014 drehte Familie Assmann den Dokumentarfilm „Anfang aus dem Ende“. Darin geht es um Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg. Aleida fuhrte Regie, ihre Kinder ubernahmen Produktion, Schnitt und Grafik – und Ehemann Jan sorgte fur die Musik.

Auch in diesem gemeinsamen Film steht das Erinnern im Zentrum. Wer fur ein Thema brennt, so das Credo der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, findet immer und uberall eine Gelegenheit, daran zu arbeiten.