Spannende Theaterabende, vertonte Frauenliteratur und tiefgehender Lyrik: Das sind die Zutaten des vierten Wintertheaters in Überlingen. Dabei haben Birgit und Oliver Nolte in ihrem gleichnamigen Theater vier verschiedene Programme zusammengestellt, die sie an mehreren Terminen von jetzt bis zum 12. März spielen werden. Bei der Umsetzung kooperieren die beiden mit der Stadt Überlingen.

Raum für Reflexion

Dabei soll das Wintertheater Raum für Reflexion bieten – und das nach einer etwa einjährigen Corona-Zwangspause im Theater Noltes. Die vier Produktionen laden dazu ein, einen Perspektivwechsel vorzunehmen und vor allem die gesellschaftlichen Herausforderungen einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben ist eine zentrale menschliche Eigenschaft und nicht zu trennen vom Begriff der Menschenwürde. Doch die persönliche Freiheit stößt immer da an ihre Grenzen, wo sie anderen Individuen Schaden zufügt oder das Gemeinwohl gefährdet. Gerade in Zeiten von Pandemie, Klimawandel und zunehmender sozialer Ungleichheit wird die Gesellschaft immer wieder schonungslos mit der Tatsache konfrontiert, dass Freiheit nur gemeinschaftlich realisiert werden kann. Auch wenn dabei Spannungen entstehen, müssen diese akzeptiert werden und jeder sollte sich damit konstruktiv auseinandersetzen. „Und welcher Raum wäre dafür besser geeignet als die Theaterbühne?“, fragt Oliver Nolte, um sofort die Antwort hinterherzuschieben: „Sie bietet die notwendigen Reflexionsräume.“

Im diesjährigen Wintertheater geht es darum, wie das knappe Gut der individuellen Freiheit gerecht verteilt werden kann, wie viel Freiheit sich das Individuum überhaupt zutraut und was passiert, wenn sich Individuen anmaßen, eine grenzenlose persönliche Freiheit in Anspruch zu nehmen. In der Verteilung der Freiheit zwischen Männern und Frauen sei die Frage der Gerechtigkeit schnell geklärt: „Gerecht ist, wenn Freiheit paritätisch auf die Geschlechter verteilt ist“, so die Theatermacher.

„Die Welt hochwerfen“

Dennoch ist es keine 50 Jahre her, da mussten Frauen in Deutschland ihren Mann um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollten. Lange Zeit und in manchen Kulturen noch heute wird Frauen die Vernunft abgesprochen. Gleichberechtigung und Freiheitsrechte von Frauen sind längst nicht in allen Männerköpfen angekommen. Die Rückschau bis ins tiefe Mittelalter offenbart bizarre Gedanken über die Rolle der Frau, die bis heute nachwirken. Mit ihrem musikalischen Lyrikabend „Die Welt hochwerfen“ betreibt Birgit Nolte Ursachenforschung. Denn starke Frauen haben sich schon immer zu Wort gemeldet. Birgit Nolte singt und spricht bedeutende lyrische Werke der Frauenliteratur. Michael Lauenstein begleitet sie musikalisch.

„Knef – so oder so ist das Leben“

„Du musst entscheiden, wie du leben willst. Nur darauf kommt‘s an.“ Die Zeile stammt aus einem Chanson der großen Künstlerin Hildegard Knef. Eine Frau, die entscheidende Einschnitte in ihre Freiheit hinnehmen musste, moralisch diskreditiert wurde, aber dennoch einen starken individuellen Lebensweg realisiert hat. Birgit Nolte widmet der Sängerin, die zugleich Malerin, Schauspielerin, Songtexterin und Buchautorin war, ihren Chansonabend „Knef. So oder so ist das Leben“. „Sie vereint so unglaublich viele Gegensätze in sich und ließ sich nie in eine Schublade pressen“, sagt Birgit Nolte über die kantige deutsche Diva, die vor allem eins war: sie selbst.

„Der Kontrabass“

Das Gegenmodell zur selbstbestimmten Knef liefert der Protagonist aus Patrick Süßkinds tragisch-komischen Monolog „Der Kontrabass“. Ein Mensch, der mit seinem Dasein hadert, aber nicht den Mut aufbringt, die Sicherheit des verbeamteten Lebens eines Orchestermusikers aufzugeben. Er opfert dafür seine Würde, die Liebe und die Ideale eines selbstbestimmten Lebens. Oliver Nolte schlüpft in die Rolle des tragischen Musikers, der im Laufe des Abends seine innere Zerrissenheit im Kampf zwischen Sicherheit und Selbstbestimmung in allen Facetten offenbart.

„Jedermann“

Stimmen die Prioritäten in unserem Leben noch? Können wir im Angesicht des Todes sagen, wir haben ein gutes Leben geführt? Sind wir berechtigt, uns mehr Freiheit zuzugestehen als anderen und mit unserem Lebensmodell die Freiheit von anderen zu beschneiden? Diese existenziellen Überlegungen greifen Birgit und Oliver Nolte in ihrer bravourösen Umsetzung des bildgewaltigen Schauspiels von Hugo von Hofmannsthal auf: „Jedermann – Das Spiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes“. Mit dem Tod konfrontiert, stürzt der reiche Jedermann in den Abgrund. Nicht die Angst, sondern die Erkenntnis, dass sein Leben misslungen ist, bringt ihn fast um den Verstand. Seit 1920 wird der „Jedermann“ auf der Treppe vor dem Salzburger Dom gezeigt. Großes Theater, das in der Inszenierung von Birgit und Oliver Nolte auf ein Zwei-Personen-Stück verdichtet wird und angesichts unserer grotesken Lebenswirklichkeit in Politik und Wirtschaft eine neue Dimension eröffnet.