Lukas Egger steht im ersten Stock eines Wohnhauses in Dernau im Kreis Ahrweiler und verlegt einen Estrich. In einer kurzen Pause kommt er mit dem Bauherrn ins Gespräch. Dieser zeigt ihm, wie hoch das Hochwasser im ersten Stock im Juli 2021 bei ihm stand. Das Grundstück nebenan ist dabei komplett leer. Als Lukas Egger danach fragt, erzählt ihm der Bauherr, dass dort bis zum Hochwasser ein Bungalow stand. Das Paar, das dort wohnte, schaffte es allerdings nicht rechtzeitig aus dem Gebäude und ertrank in den eigenen vier Wänden, weil das Wasser den Bungalow komplett überspülte.

Zwei Mal im Hochwassergebiet

Der 22-Jährige aus Mühlhofen ist bereits zum zweiten Mal jeweils einen Monat zum Wiederaufbau in der Hochwasserregion und arbeitet als Estrichleger. „Ich habe einen Freund aus der Meisterschule, der im Hochwassergebiet seine Estrich-Firma hat“, erzählt er. „Als ich erfahren habe, wie dort das Hochwasser gewütet hatte, wollte ich unbedingt helfen und habe bei ihm angeheuert.“ Im Oktober vergangenen Jahres war Lukas Egger zum ersten Mal bei Tim Hofmann.

„Es war schon ein mulmiges Gefühl“, berichtet er. „Ich hatte zwar die Bilder im Fernsehen gesehen, aber wenn man dann tatsächlich dort ist, eingestürzte Häuser und unterspülte Straßen und vor jedem zweiten noch stehenden Haus Container mit Schutt sieht, dann wird einem schon anders.“ Zudem sind da die unzähligen Schicksale, von denen man erzählt bekommt und die einen irgendwo nicht mehr loslassen.

Der Mühlhofer Lukas Egger und sein Freund aus der Meisterschule, Tim Hofmann.
Der Mühlhofer Lukas Egger und sein Freund aus der Meisterschule, Tim Hofmann. Bild: Lukas Egger

Emotionale Geschichten

„Ein Mitarbeiter in der Estrichfirma hat mir erzählt, dass ein Kumpel von ihm mit seiner 18-jährigen Freundin unterwegs war, als das Hochwasser kam“, erzählt der Mühlhofer. „Sie wurde vor seinen Augen mitgerissen. Er wollte sie noch halten, schaffte es aber nicht. Schließlich ist sie ertrunken.“ Oder: „Ein Bauherr erzählte, dass er einen Mann kenne, dessen Frau kurz vor dem Hochwasser gestorben sei“, so Lukas Egger. „Er fuhr an die Nordsee, um ihre Asche dort zu verteilen. Als er zurückkam, hatte das Hochwasser sein ganzes Haus weggespült und er hatte keinerlei Erinnerungsstücke mehr.“

Menschen vor Ort sind positiv

Trotz diesen hoch emotionalen Schicksalen sind die Menschen vor Ort dennoch positiv gestimmt. „Ich war echt überrascht, wie extrem offen und direkt alle waren“, berichtet der 22-Jährige. „Jeder grüßt einen auf der Straße und auf den Baustellen bringt jeder sofort Kaffee und Brötchen.“ Die Menschen seien extrem dankbar. Vor allem im vergangenen Oktober waren alle, zu denen er kam, extrem froh, denn der Winter stand ja kurz bevor. Allerdings gab es damals erschwerte Bedingungen.

Der Estrich, der verlegt wurde, musste von Hand angemischt werden. Große Fahrmischer gab es keine vor Ort. Also wurden 25-Kilo-Säcke geschleppt und Sand geschippt. „Wir waren damals fast den ganzen Tag am Sandschippen und mischen“, so der Mühlhofer. „Das war jetzt anders, denn eine Firma aus dem Westerwald, kurioserweise die eines Dozenten von der Meisterschule, stellte einen 40-Tonner-Fahrmischer. „Damit ging das Estrichverlegen natürlich deutlich schneller“, so Lukas Egger. „Im Januar haben wir am Tag zwei bis drei Baustellen geschafft.“

Lukas Egger linksbeim Verlegen eines Estrichs. Im Januar war er auf etwa 50 Baustellen im Hochwassergebiet tätig.
Lukas Egger linksbeim Verlegen eines Estrichs. Im Januar war er auf etwa 50 Baustellen im Hochwassergebiet tätig. Bild: Lukas Egger

Wobei sie im Oktober hauptsächlich im Gebiet rund um Kall und Bad Münstereifel tätig waren, ging es im Januar unter anderem auch nach Dernau, einem der Gebiete, die mit am schwersten vom Hochwasser getroffen waren. „Jedes dritte Grundstück ist dort bis heute noch leer“, berichtet Lukas Egger. „Bagger und Traktoren reißen bis heute noch Gebäude ab.“ Die Bahnstrecke ist bis heute völlig zerstört. Allein im Januar war der 22-Jährige auf etwa 50 Baustellen im Einsatz und hat in Kellern und Erdgeschossen Estriche verlegt.

Freundschaften sind entstanden

Durch den Einsatz hat er mittlerweile sehr gute Freunde gewonnen. „Es war ein super Team. Ich habe mich dort schon nach zwei Tagen pudelwohl gefühlt“, berichtet er. „Ich habe bis heute fast jeden Tag Kontakt mit den Kollegen.“ Im Oktober gab es zum Abschied extra für ihn sogar ein Grillfest. Auch im Januar wurde der letzte Tag kräftig gefeiert. „Als ich morgens aufwachte, haben die Kumpels eine Mail an einen Radiosender geschrieben“, erinnert sich der 22-Jährige. „Der Moderator grüßte mich und spielte dann ‚Die Fischerin vom Bodensee‘“.

Fast täglich Kontakt

Und Lukas Egger hat auch etwas im Hochwassergebiet gelassen: seine Liebe zum Dartspiel. „Viele von meinen Kollegen von dort haben sich jetzt auch eine Dartscheibe gekauft“, sagt er grinsend. „Wir spielen sogar manchmal abends gemeinsam Dart über einen Livestream.“ So können die neuen Freundschaften intensiviert werden – auch über eine Distanz von etwa 550 Kilometern.

„Ich werde auf jeden Fall wieder nach Kall fahren“, sagt Lukas Egger. „Mindestens zu Besuch.“ Wann das sein wird, steht allerdings noch nicht fest, genauso wenig, ob er noch einmal mit anpacken wird oder nicht. Auf jeden Fall freut sich Lukas Egger jetzt schon auf ein Wiedersehen und auf die nächste gemeinsame Partie Dart auf die selbe Scheibe.