Des einen Freud, des anderen Leid: Dieser Spruch trifft aktuell auf den Winzerverein Meersburg zu. Auf der einen Seite freuen sich die Autofahrer, viele Menschen, die arbeiten müssen und sicherlich auch das eine oder andere Wildtier, dass es nicht gefroren ist und die Temperaturen über dem Gefrierpunkt sind. Viele Winzer beim Winzerverein Meersburg würden sich allerdings durchaus freuen, wenn das Quecksilber mal ein paar Tage bis minus zehn Grad fallen würde. Dann nämlich träfen sie sich früh morgens, wenn es noch dunkel ist, im Weinberg oberhalb von Meersburg-Riedetsweiler und würden mit Freude ihren Eiswein lesen.

Trauben am Anfang einer eingepackten Reihe von Rebstöcken.
Trauben am Anfang einer eingepackten Reihe von Rebstöcken. Bild: Jäckle, Reiner

Warten auf minus sieben Grad

Um mit der Eiswein-Lese beginnen zu dürfen, muss es mindestens minus sieben Grad haben. Diese Grenze ist festgelegt, um den Wein später auch als Eiswein deklarieren zu dürfen. Allerdings ist dies in den vergangenen Jahren nicht oft passiert. Vor zwei Jahren gab es eine Punktlandung. Damals hat man am 14. Januar 2020 um 5 Uhr morgens mit der Lese begonnen – bei exakt sieben Grad minus. Damals waren gestandene Winzer dabei, die mit einem breiten Grinsen die Trauben ernteten und dabei erzählten, dass es ihre erste Weinlese sei. Kein Wunder, denn der vorige erfolgreiche Versuch lag bereits 15 Jahre zurück. Nun versucht es der Winzerverein zwei Jahre später erneut.

4000 Quadratmeter

„Der Jahrgang 2019 war sehr schnell verkauft“, berichtet Martin Frank, Geschäftsführer des Winzervereins Meersburg. „Deshalb haben wir uns entschieden, dass wir dieses Mal eine deutlich größere Fläche stehen lassen.“ Es sind 40 Ar oder 4000 Qua-dratmeter. Sie werden gepflegt und kontrolliert. Im November wurde der Bereich um die Reben entlaubt und die Früchte in Folie eingepackt. „Das war eine aufwendige Arbeit“, berichtet der Vorsitzende des Winzervereins Meersburg, Georg Dreher, auf dessen Weinberg der Eiswein reift. „Aber so sind die Trauben vor Nässe geschützt und wenn sie abfallen, gehen sie nicht verloren.“

Die Reben mit den eingepackten Trauben.
Die Reben mit den eingepackten Trauben. Bild: Jäckle, Reiner

Nun stehen zwölf lange Reihen Reben hoch über dem Bodensee, die Trauben reifen vor sich hin und die etwa 30 Winzerfamilien des Winzervereins Meersburg stehen auf Abruf zur Lese. „Um diese Zeit gibt es ja keine Erntehelfer, deshalb gehen zur Eisweinlese die Winzer selbst in den Weinberg“, erklärt Georg Dreher. „Ein paar einheimische Erntehelfer sind natürlich auch dabei, worüber wir sehr dankbar sind.“ So eine Ernte ist aber auch etwas ganz Besonderes.

So sehen die Reben von oben aus.
So sehen die Reben von oben aus. Bild: Jäckle, Reiner

Auch wenn sich das Jahr dem Ende neigt, läuft die Ernteperiode des Jahrgangs 2021 noch bis zum 31. Januar 2022. Das bedeutet, dass die Eisweinlese bis dahin abgeschlossen werden muss. Wenn es bis dahin keine Kälteperiode geben wird, dann werden die Trauben trotzdem geerntet und es gibt eine Beerenauslese. Verloren sind sie also keinesfalls. Die Verantwortlichen beim Winzerverein blicken dennoch bangend auf die Wettervorhersagen. Eine Lese noch in diesem Jahr ist nach den wieder steigenden Temperaturen ausgeschlossen. „Kurz vor Weihnachten waren wir schon in den Startlöchern“, erzählt Georg Dreher. „Da hatten wir schon einmal morgens minus sechs Grad. Da hätte es fast geklappt.“

Kurzfristige Entscheidung

Wenn es so weit ist, dann geht es unbürokratisch schnell. „Wir entscheiden das ganz kurzfristig“, so Martin Frank. „Dann schreiben wir eine E-Mail an alle Winzer und Helfer und am nächsten Morgen treffen wir uns am Weinberg und holen die Traben.“ Im Weinkeller hat Kellermeister Valentin Wagner dann bereits alles vorbereitet, nimmt die Ernte an und die Trauben kommen sofort tiefgefroren in die Weinpresse. Es wird also buchstäblich ein Wein, der aus der Kälte kommt.

Die eingepackten Trauben sind vor Feuchtigkeit geschützt, damit sie nicht so schnell faulen.
Die eingepackten Trauben sind vor Feuchtigkeit geschützt, damit sie nicht so schnell faulen. Bild: Jäckle, Reiner

Die große Spannung ist dann noch, ob der Eiswein auch den Voraussetzungen eines Eisweins genügt. Die Temperatur kann ja direkt am Thermometer abgelesen werden. Aber die Trauben müssen auch ein Mindestmostgewicht haben – und das beträgt 124 Grad Oechsle. Vor zwei Jahren wurde die Grenze mit 134 locker geknackt. Es bleibt also spannend, ob es beim Winzerverein Meersburg auch im Jahrgang 2021 einen Eiswein geben wird.