Herr Bumiller, Herr Sebök, auch wenn die Infektionszahlen wieder steigen, wird es seit zwei Jahren wohl wieder mal ein Sommer ohne Beschränkungen. Wie erleichtert sind sie?

Markus Bumiller: Prinzipiell sind wir zufrieden, zumal die Stimmung bei den Gästen sehr gut ist. Durch den Wegfall der Verordnungen sind die Abläufe dieses Jahr natürlich deutlich einfacher. Allerdings ist nicht alles Gold, was glänzt.

Achim Sebök: Die Gruppenreisen laufen bislang sehr gut. Allerdings ist der individuelle Reiseverkehr noch zurückhaltend.

Woran liegt das?

Sebök: Zum einen, weil mittlerweile wieder Flugreisen möglich sind. Und zum anderen, weil wir in den vergangenen beiden Jahren davon profitiert haben, dass man Urlaub fast ausschließlich im eigenen Land machen konnte.

Bumiller: Dann ist es natürlich so, dass Corona die Tourismusbranche nachhaltig geschädigt hat.

Inwiefern?

Bumiller: Bei uns fehlen reihenweise Mitarbeiter, sowohl im Gastronomie- und Hotellerie-Bereich, aber auch bei den Ausflugszielen. Viele Mitarbeiter haben sich umorientiert, weil sie nun sicher sind, dass, wenn Corona noch einmal gravieren ausbricht, der Tourismus mit als erstes von Schlie-
ßungen betroffen sein wird.

Sebök: Wir haben mittlerweile keinen Fachkräftemangel, sondern einen prinzipiellen Arbeitskräftemangel.

Aber das Land unterstützt doch den Tourismus mit der Kampagne „Wir sind Tourismus“.

Bummiller: Um ganz ehrlich zu sein: Wir brauchen Akzeptanz bei den Einheimischen, um den Tourismus am Laufen zu halten. Und das kann nicht politisch von oben diktiert werden. Akzeptanz kann man nicht verordnen, das kann man nur leben. Für mich ist die Kampagne fast schon rausgeschmissenes Geld, ähnlich wie die „The Länd“-Kampagne.

Sebök: Bei wem kommt der Slogan an? Sicher nicht bei den Einheimischen. Und genau die sind wichtig, um einen attraktiven Tourismus bieten zu können. Zudem sind die Kampagnen relativ schlecht kommuniziert. Ganz zu schweigen davon, dass die Bedürfnisse im Tourismus noch nicht einmal regional, sondern lokal sind.

Wie meinen Sie das?

Sebök: Wenn man beispielsweise Konstanz und Überlingen vergleicht. Beide Regionen liegen am Bodensee, haben aber ganz unterschiedliche Ausrichtungen. Man kann das also noch nicht einmal am Bodensee verallgemeinern, geschweige denn für ganz Baden-Württemberg. Abgesehen davon ist mir keine Aktion am Bodensee bekannt, die auf „Wir sind Tourismus“ abzielt.

Sie sagen, dass die Einheimischen wichtig sind. Warum?

Bumiller: Wie gesagt, Tourismus muss gelebt werden. Und wer könnte dies besser als die Menschen, die in der Urlaubsregion leben? Aber fragen Sie doch mal die Einheimischen, wann sie zum letzten Mal auf der Mainau, auf dem Affenberg oder in den Pfahlbauten waren? Hier fehlt sehr häufig die gewisse Identifikation mit der Heimat und dem Tourismus.

Sebök: Eine Urlaubs- und Ferienregion funktioniert nur dann richtig, wenn die Einheimischen als „Gastgeber auf Zeit“ auftreten und so die Urlauber und Gäste bei deren kurzen Aufenthalten begleiten.

Und was macht der VTWB anders?

Bumiller: Wir versuchen mit allen Beteiligten zu reden, zuzuhören und Verständnis zu schaffen. Nur so bekommt man auch Akzeptanz.

Sebök: Ein gutes Beispiel ist die Landesgartenschau in Überlingen. Natürlich wurde im Vorfeld kontrovers darüber diskutiert. Heute hat die Stadt aber einen herrlichen Uferpark, schöne Villengärten und vor allem traumhafte Menzinger Gärten. Ein absoluter Mehrwert auch für Einheimische.

Der Bodensee gehört zu einer der beliebtesten Urlaubsregionen in Deutschland. Das heißt aber keinesfalls, dass der Tourismus ein Selbstgänger ist.
Der Bodensee gehört zu einer der beliebtesten Urlaubsregionen in Deutschland. Das heißt aber keinesfalls, dass der Tourismus ein Selbstgänger ist. Bild: Achim Mende

Wie problematisch sehen Sie den Krieg in der Ukraine für den Bodensee-Tourismus?

Bumiller: Direkt betroffen ist der Tourismus bei uns davon nicht. Aber indirekt natürlich ganz immens, denn in punkto Lieferengpässe trifft es vom Gastronomen über den Hotelier bis zum Tourismusziel jeden. Es fehlen sowohl Nahrungsmittel als auch Ersatzteile für Fahrgeschäfte.

Sebök: Ich bin sicher, dass die Suche nach Nachfolgern für die vielfältigen touristischen Angebote in unserer Region viel größere Probleme bereiten wird.

Wie meinen Sie das?

Sebök: In der Gastronomie und Hotellerie ist es jetzt schon offensichtlich, denn zahlreiche Häuser mussten bereits schließen, weil es keine Nachfolger gibt. Bei den touristischen Zielen gibt es ebenfalls schon Anzeichen in diese Richtung.

Wo liegt da das Problem?

Sebök: Häufig ist es die persönliche Einstellung der Nachwuchskräfte. Tourismus ist ein Saisongeschäft, in dem man bei uns im Sommer viel und im Winter weniger arbeiten muss. Viele sind aber nicht mehr bereit, in der Saison sechs Tage in der Woche zu arbeiten, obwohl sie im Winter diese Überstunden locker wieder abbauen können.

Im Tourismus gibt es viele Mindestlohn-Arbeitsplätze. Wie sehen Sie die Anhebung auf zwölf Euro im Oktober?

Bumiller: Prinzipiell ist das ja nicht verkehrt, einen solchen Stundenlohn zu zahlen. Allerdings ist die Anhebung in einem Schritt doch eklatant. Deshalb birgt das tatsächlich auch große Gefahren und wird mit Sicherheit die Inflation noch einmal deutlich verschärfen.

Inwiefern?

Bumiller: Sehen Sie, wenn ich einem Mindestlohn-Mitarbeiter mehr als 20 Prozent Lohnerhöhung gebe, dann sollte ich das als Unternehmer bei den anderen Mitarbeitern doch auch tun. Dies ist aus finanzieller Sicht im Tourismus aber kaum möglich. Also besteht die Gefahr einer Ungleichbehandlung im eigenen Team. Außerdem müssen die Mehrkosten des Mindestlohns ja auch erst einmal erwirtschaftet werden. Und dies funktioniert nur mit einer Erhöhung des Preises des Angebotes. Und dies führt zu einer Inflation und schließlich dazu, dass diejenigen, die einen Mindestlohn bekommen, am Ende keinesfalls mehr Geld im Geldbeutel haben werden.

Sebök: Ganz im Gegenteil: Es besteht sogar die Gefahr, dass es am Ende sogar weniger Mindestlohn-Arbeitsplätze geben wird als heute. Deshalb sehen wir als Touristiker die Pauschalisierung der Anhebung des Mindestlohns über alle Branchen als kritisch. Man kann die Industrie mit dem Gastgewerbe und dem Tourismus einfach nicht in einen Topf werfen.

Haben Sie einen besseren Vorschlag?

Bumiller: Als erstes sollten die aktuellen Regeln deutlich vereinfacht werden. Dann benötigen wir im Tourismus Ausnahmen, weil wir nicht zwölf Monate lang jede Woche 40 Stunden arbeiten, sondern ein Saisongeschäft haben. Und ganz ehrlich: Der Sprung von 10,45 Euro auf zwölf Euro ist schon heftig. Vor allem in der jetzigen Zeit.

Und wie kann sich der Tourismus für die Zukunft aufstellen?

Sebök: Der Bodenseetourismus muss auf jeden Fall jünger werden – im Auftreten, in der Kommunikation und im Denken. Die Angebote müssen erlebnisorientierter sein und die Konzepte der heutigen Zeit angepasst werden. Vor allem Familien und junge Leute müssen wir vermehrt für den Bodensee begeistern.

Aber war Corona, was die Übernachtungen am Bodensee angeht, nicht ein Segen?

Bumiller: Selbstverständlich. Aber wir hoffen doch alle, dass es keine Pandemie mehr geben wird. Seien wir ehrlich: Viele Gäste in den vergangenen beiden Jahren wären nie an den Bodensee gekommen, wenn es kein Corona gegeben hätte – und sie waren größtenteils überrascht, was es hier alles gibt. Nun ist es unsere Aufgabe, genau diese Gäste davon zu überzeugen, weiterhin an den Bodensee zu kommen.

Sebök: Und hier fehlt aktuell schlichtweg ein attraktives und peppiges Marketing, für das die Destination Management Organisationen zuständig sind und aus unserer Sicht leider das große Pfund des Bodensees, nämlich die Internationalität, viel zu wenig nutzen.

Bumiller: Wir müssen uns keinesfalls vor Regionen wie dem Gardasee verstecken. Wir haben sowohl landschaftlich als auch mit den Zielen deutlich mehr zu bieten. Genau das kommt aber nicht wirklich rüber. Und das zeigt, dass es ganz offensichtlich ein Vermarktungsproblem gibt.

Machen Sie als VTWB etwas dagegen?

Bumiller: Aber klar. Wir erstellen aktuell eine neue Internetseite, die alle internationalen Bodenseeregionen beinhaltet. Hier arbeiten wir eng mit dem Bodensee Campus zusammen. Zudem haben wir in den vergangenen Jahren das Prädikat „Das Beste vom Bodensee“ geprägt. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Zusammenarbeit unter den Bodenseeregionen eher schwierig ist. Die Kooperationen unter den internationalen touristischen Unternehmen im VTWB funktioniert dagegen hervorragend.

Wo sehen Sie den Zukunftsmarkt für den Bodensee?

Sebök: Unsere Kernmärkte sind zunächst bei unseren Nachbarn, der Schweiz, Österreich und Frankreich, in den BeNeLux-Ländern, aber vor allem in Deutschland. Deshalb sind wir als Verband auch proaktiv und gehen zu unseren potentiellen Gästen mit Road Shows oder auf Messen unter anderem nach Hamburg, Bremen, Leipzig, München und Zürich.

Bumiller: Und wir hoffen, dass wir es tatsächlich irgendwann schaffen, am Bodensee eine gesamtheitliche Vermarktung auf die Beine stellen können. Hier steht uns leider immer wieder das Kirchturmdenken der Politik im Weg.

Die Fragen stellte Reiner Jäckle