Nach Angaben des Bürgermeisteramtes von Odessa sind seit dem 24. Februar rund 200.000 Bürger der Stadt geflüchtet. In den ersten Kriegswochen waren Evakuierungszüge von Odessa in die Westukraine, die zu jenem Zeitpunkt noch als sicher galt, überfüllt. In den Waggons, die normalerweise für 40 Personen zugelassen sind, waren nicht selten weit mehr als 100 Personen. Kein Wunder, dass viele der Passagiere die lange Fahrt von bis zu 18 Stunden stehen mussten.

Schwierige Flucht

Viele dieser Menschen, die ihr Heil in der Flucht sahen, hatten Haustiere. Aufgrund der strapazierenden Reise mit wenig Platz konnten diese nur ganz selten mitgenommen werden. Es gab in den Zügen schon zu wenig Platz für die Menschen, ganz zu schweigen von den Haustieren.

Igor Belyakov ist seit 2013 Zoodirektor in Odessa. Für ihn ist es selbstverständlich, zurückgelassene Haustiere aufzunehmen.
Igor Belyakov ist seit 2013 Zoodirektor in Odessa. Für ihn ist es selbstverständlich, zurückgelassene Haustiere aufzunehmen. Bild: Nina Lyahonok

Der Zoodirektor von Odessa, Igor Belyakov, war sich der Situation sehr früh bewusst und bot unbürokratische Hilfe an. Er nahm die verlassenen Haustiere an und versucht seit Kriegsausbruch, so viele Tiere wie möglich zu retten. Es gibt eine starke Freiwilligenbewegung in der Stadt. Viele kümmern sich um alleine gelassene Katzen und Hunde. Daher konzentrieren sich die Zooarbeiter vor allem auf kleine Tiere wie Hausratten, Hamster, Meerschweinchen und Schildkröten sowie exotische Tiere wie Pythons, andere Schlangen und Papageien.

„Mir wurde klar, dass viele Menschen auf der Flucht waren. Da habe ich beschlossen, wenigstens ihren Tieren zu helfen“, sagt Igor Beljakow. „Natürlich können wir uns nicht um alle kümmern, da auch unsere Kapazitäten begrenzt sind.“ Im ersten Monat breitete sich diese Information aus wie ein Lauffeuer. „Die Leute überschütteten uns buchstäblich mit ihren Haustieren“, berichtet der Zoodirektor. „Ich glaube, wir haben bis zu 800 Tiere aufgenommen und hatten alleine drei Räume für Papageien und Vögel.“ Hinzu kam ein spezieller Raum für Nagetiere und ein Platz im Terrarium für Reptilien. „Einige der Tiere, die wir aufgenommen haben, brachten bereits ihren Nachwuchs mit“, so Igor Beljakow.

Dieser Leguan lebte vor Kriegsausbruch frei in einem Büro und wurde von den Mitarbeitern gestreichelt. Momentan ist er in einem Terrarium im Zoo von Odessa.
Dieser Leguan lebte vor Kriegsausbruch frei in einem Büro und wurde von den Mitarbeitern gestreichelt. Momentan ist er in einem Terrarium im Zoo von Odessa. Bild: Nina Lyahonok

Phyton & Leguan

Der überwiegende Teil der Tiere, die im Zoo abgegeben wurden, waren kleine Nagetiere und Papageien. „Es gab aber auch regelrechte Überraschungen“, berichtet der Zoodirektor. „Einer brachte einen mehr als einen Meter großen Python mit, der bei ihm in der Wohnung lebte. Ein anderer kam mit seinem Leguan.“ Das Reptil lebte früher in einem Büro, es konnte sich dort wohl frei bewegen. Das sei nicht typisch für Reptilien, aber der Leguan mochte ganz offensichtlich menschliche Aufmerksamkeit. „Der Leguan wurde wohl von den Büroangestellten gestreichelt und gefüttert“, so Igor Beljakow. „Jetzt sitzt er in einem Terrarium von ein paar Quadratmetern, was für ihn echt Stress bedeutet.“

Das ist einer von zahlreichen Papageien, die von Flüchtlingen, die Odessa wegen des Krieges verlassen haben, zurückgelassen worden ist.
Das ist einer von zahlreichen Papageien, die von Flüchtlingen, die Odessa wegen des Krieges verlassen haben, zurückgelassen worden ist. Bild: Nina Lyahonok

Hilfe von Freiwilligen

Dank der Hilfe von Freiwilligen und der humanitären Hilfe des Europäischen Zooverbandes hat der Zoo von Odessa im Moment genug Futter für die Tiere. Aber die Arbeiter können sich nicht ewig um die Haustiere der Flüchtlinge kümmern. „Einige Menschen, die zu Beginn des Krieges geflohen sind, sind bereits wieder zurückgekehrt“, berichtet Igor Beljakow. „Diese haben tatsächlich ihre Haustiere wieder abgeholt.“ Für andere Tiere versucht der Zoodirektor in der Zwischenzeit neue Familien zu finden. „Wir waren diesbezüglich recht erfolgreich“, erzählt er. „Jetzt haben wir nur noch etwa 150 Tiere. Das sind aber immer noch eine Menge.“

Igor Belyakov arbeitet seit 1983 im Zoo von Odessa. Er begann als normaler Arbeiter und arbeitete sich 2013 bis zur Position des Direktors hoch. „Der Zoo ist mein Leben“, sagt er. „Für mich ist das nicht nur ein Job, das ist mein Zuhause und eine Passion.“ Er sehe sich dadurch in einer privilegierten Position in dem Sinne, dass er alles habe, was man zum Glücklichsein brauche. „Ich habe einen Zoo“, erklärt er. „Wenn ein Tigerjunges im Zoo geboren wird, habe ich das Gefühl, dass es eines meiner Kinder ist.“