In der „Galerie im Bahnhof“ in Sipplingen herrscht an diesem Nachmittag reges Treiben. Der Vorstand der Bürger-Selbsthilfe richtet die Räume für einen Probelauf ein. Hier soll in Zukunft einmal in der Woche das Senioren Stüble stattfinden. Damit nimmt ein Vorhaben Gestalt an, dass für andere kleine Gemeinden in der Region Vorbild werden könnte.

Die Idee

Hinter dem Projekt mit dem etwas volkstümlich klingenden Namen verbirgt sich die Idee, eine Tagesbetreuung für Menschen mit Pflegebedarf aus eigenen Kräften einer kleinen Gemeinde wie Sipplingen zu bewerkstelligen. Ziel ist es, Pflegebedürftige aus dem Ort am sozialen Leben teilhaben zu lassen und gleichzeitig deren Angehörige zu entlasten. Der Raum im Bahnhof ist ein Glücksgriff, ebenso wie der Umstand, dass eine examinierte Altenpflegerin das Projekt mitträgt und initiiert hat.

Seit 2019 standen zwei der insgesamt drei Räume der Galerie leer. Niemanden im Dorf schien das zu stören, obwohl manche die drei Räume im Anschluss an die Tourist-Information als Kleinod der Gemeinde bezeichnen. Doch dann klopfte die Bürger-Selbsthilfe bei der Gemeindeverwaltung an und der Gemeinderat stimmte einer einjährigen Überlassung der Räume für das Senioren Stüble zu. Einmal pro Woche sollen dort nun vier bis sieben Personen mit Pflegebedarf bis Grad 5 für einige Stunden betreut werden.

Umfrangreiches Programm

Das Programm an den Nachmittagen reicht von hauswirtschaftlichen Tätigkeiten über Spiele und Gedächtnistraining, Singen und Musizieren bis zu Gymnastik-Übungen. Die examinierte Altenpflegerin Carolin Fruchtzweig plant und betreut die Nachmittage. Unterstützt wird sie von engagierten und für die Betreuung geschulten Helferinnen und Helfern.

Die Idee, in dem Dorf am Bodensee eine Tagesbetreuung anzubieten, geht auf die sogenannte Zukunftswerkstatt zurück. Diese 2016 ebenfalls von der Bürger-Selbsthilfe getragene Veranstaltung widmete sich unter anderem der Frage, wie in Sipplingen die Lebensgestaltung im Alter aussehen könnte. Eine spätere Fragebogenaktion zeigte, dass sich 66 Prozent der Befragten für die Schaffung einer Tagesbetreuung aussprachen. Hintergrund damals: Das im Ort angesiedelte Altenpflegeheim sollte geschlossen werden. Als Konsequenz rief die Gemeinde einen Arbeitskreis „Leben und Wohnen im Alter“ ins Leben.

Vor allem die langjährige Vorsitzende der Bürger-Selbsthilfe, Jolande Schirmeister, und Carolin Fruchtzweig engagierten sich früh für das Betreuungsangebot. Zunächst brachte die Corona-Pandemie ihre Bestrebungen jedoch zum Erliegen. 2021 aber griff ein neues Vorstandsteam, dem nun auch Carolin Fruchtzweig angehört, die Idee wieder auf.

Einjährige Probephase

Mit Unterstützung des Bodenseekreises und der Gemeinde will der Vorstand jetzt in die einjährige Probephase im Sipplinger Bahnhof starten. Der Bahnhof scheint als Treffpunkt ideal. Der neue Vorsitzende der Bürger-Selbsthilfe, Joachim Scholz, erläutert: „Durch die zentrale Lage mit verkehrsgünstiger Anfahrt und Parkplätzen ist das Senioren Stüble dort gut zu erreichen.“ Ein Mobilitätsdienst der Bürger-Selbsthilfe könne die Teilnehmenden bei Bedarf zum Sipplinger Bahnhof bringen und wieder nach Hause zurückfahren. Joachim Scholz weiter: „Auch das Atmosphärische muss stimmen, es muss attraktiv sein, sonst gehen die Leute erst gar nicht dahin.“

Für diese Atmosphäre wollte die Bürger-Selbsthilfe beim Probelauf sorgen. Freundlich gestaltete Räume, mit Blumen geschmückte Tische und selbst gebackene Kuchen luden zum Verweilen ein. Doch es geht den Initiatoren um viel mehr, es geht um das bürgerschaftlichen Engagement: Bürger Sipplingens werden selbst aktiv. Sie überlassen es nicht allein Institutionen, ältere Mitbürger kompetent zu betreuen, sie aus der Isolation der eignen vier Wände zu holen. Die Bürger packen selbst mit an, sozusagen ein bürgerschaftliches Engagement per excellence.