Die ukrainischen Streitkräfte haben aktuell nicht genügend Übungsgelände, um alle Menschen auszubilden, die bereit sind, ihr Land zu verteidigen. Die Ukrainer stehen nach wie vor in den Rekrutierungszentren des Militärs Schlange. Dabei gibt es allerdings ein grundsätzliches Problem: Es ist fast unmöglich, eingezogen zu werden, wenn man keine militärische Erfahrung hat, denn für die Ausbildung fehlen schlichtweg die Kapazitäten.

Kreative Zivilisten

Aber auch in diesem Punkt zeigen sich die Ukrainer äußerst kreativ und haben gleich mehrere zivile Initiativen gegründet. Zivilisten, die der Armee bislang nicht beitreten konnten, organisieren sich in Territorialverteidigungsbrigaden. So auch in der ukrainischen Hafenstadt Odessa, die in den vergangenen Wochen immer häufiger zum Ziel russischer Angriffe geworden ist. In der ganzen Stadt gibt es Dutzende von Territorialverteidigungshauptquartieren. Eines davon ist das Nationale Widerstandsbataillon, das sich „Born in fights“ nennt.

Rund 2000 Menschen haben sich der Organisation schon angeschlossen. Mehr als 500 davon haben bereits eine militärische Ausbildung absolviert und kämpfen an der Front mit den ukrainischen Streitkräften. Zivilisten absolvieren dort ein Waffentraining, eine militär-taktische Ausbildung und ein medizinisches Training, um sich auf den Einsatz an der Front vorzubereiten.

So sieht die Ausbildung an der Waffe aus: Zivilisten werden von Arthur Sova beim Nationalen Widerstandsbataillon angeleitet, wie sie sich an der Front mit einem Gewehr bewegen müssen.
So sieht die Ausbildung an der Waffe aus: Zivilisten werden von Arthur Sova beim Nationalen Widerstandsbataillon angeleitet, wie sie sich an der Front mit einem Gewehr bewegen müssen. Bild: Sergey Panashchuk

Nach Abschluss des Ausbildungsprozesses muss eine Person einen Test vor Offizieren der ukrainischen Streitkräfte bestehen. Wenn das Militär entscheidet, dass ein zukünftiger Soldat gut ausgebildet und kampfbereit ist, wird er zu einem Bataillon geschickt, das aus ausgebildeten Zivilisten besteht, um militärische Aufgaben unter dem Kommando der ukrainischen Armee auszuführen.

Einer davon ist Arthur Sova. Er ist allerdings erst 17 Jahre alt und kann legal nicht der ukrainischen Armee beitreten, weil man dazu 18 Jahre alt sein muss. Aber er will nützlich sein. Er hat es trotzdem geschafft, sich dem Territorialverteidigungsbataillon anzuschließen. Seine militärische Ausbildung hatte er in der Kadettenschule. Jetzt unterrichtet er andere Zivilisten in Sachen Kampfkunst.

„Nach dem Beginn des Krieges hielt ich es für meine Pflicht, etwas zu tun, um mein Land und meine Familie zu schützen“, sagt Arthur Sova. „Aufgrund meines Alters kann ich nicht in die Armee eintreten und es ist extrem schwierig, sich auch der Territorialverteidigung anzuschließen.“ Deshalb war er sechs Wochen lang als Zivilfreiwilliger im Einsatz und absolvierte Gelegenheitsjobs in einem Zentrum für humanitäre Hilfe. „Wir sammelten und verteilten Lebensmittel, Medikamente und Kleidung“, erzählt er. „Ich habe mein Leben komplett auf Eis gelegt.“

Stolz präsentiert Arthur Sola sein frisch gestochenes Tattoo unter dem Herzen mit den Worten „„Slava Ukraini“, was „Ehre der Ukraine“ bedeutet.
Stolz präsentiert Arthur Sola sein frisch gestochenes Tattoo unter dem Herzen mit den Worten „„Slava Ukraini“, was „Ehre der Ukraine“ bedeutet. Bild: Sergey Panashchuk

„Slava Ukraini“

Der 17-Jährige berichtet, dass er im Moment nur einen einzigen Wunsch habe: „Ich denke nur daran, meinem Land auf jede erdenkliche Weise zu helfen.“ Schließlich hat er einen Mann getroffen, der ihm geholfen hat, dem Nationalen Widerstandsbataillon „Born in fights“ beizutreten. „Als sie mich akzeptierten, brachte ich zum ersten Mal seit Kriegsbeginn ein Lächeln zustande“, erinnert er sich. „Endlich hat mein Leben wieder einen Sinn.“ Und das sagt er nicht nur aus Überzeugung, er zeigt es auch: Vor wenigen Tagen hat er sich ein Tattoo auf seine linke Brust stechen lassen mit den Worten „Slava Ukraini“, was „Ehre der Ukraine“ heißt. „Es ist ein Symbol meiner Unterstützung“, sagt er. „Und ein Zeichen für die an der Front kämpfenden Soldaten.“

Sergey Panashchuk.
Sergey Panashchuk. Bild: privat