Es war ein Lichtblick, ein Hoffnungsschimmer am Horizont, einige glaubten sogar an eine Wende im Ukrainekrieg: das Weizenabkommen zwischen Ukraine und Russland, das durch die Vermittlung der Vereinten Nationen und der Türkei in Istanbul zustande kam. Der türkische Präsident prahlte einen Tag später bei einem Auftritt noch von seiner Arbeit als Vermittler und er sehe nun vielleicht sogar einen Weg zum Frieden, als alles hart Erarbeitete, alles Abgemachte, alles Unterschriebene buchstäblich im Rauch der Explosionen im Hafen von Odessa in die Luft stieg.

Zwei Raketen-Einschläge

Genau von dort sollten die Schiffe mit Weizen, sie seit Wochen im Hafen festsitzen, losfahren dürfen. Es gibt einen Nichtangriffspakt. Im Konvoi sollen sie mit dem auf dem Weltmarkt dringend benötigten Getreide den größten ukrainischen Hafen in Odessa verlassen dürfen. Und dann das: Zwei von vier Kalibr-Raketen, die auf ihrem Weg zum Hafen über Wohngebäude geflogen sind und dabei von tausenden Bürgern von Odessa gesehen wurden, schlugen auf dem Hafengelände ein. Dabei wurden Infrastrukturgebäude getroffen. Zwei Raketen konnten von der Flugabwehr abgefangen werden.

Nach Angaben der Regierungsbeamten wurden Getreidelager im Hafen nicht beschädigt, ein technisches Gebäude brannte. Fenster in Dutzenden von Wohngebäuden in der Nähe des Hafens sind zerborsten. Einen Tag nach dem Angriff hat die Seewoche mit Augenzeugen des Angriffs gesprochen und sie gefragt, ob sie an ein Weizen-Abkommen mit Russland überhaupt noch glauben.

Anastasia Bolshedvorova ist im Stadtparlament in Odessa aktiv.
Anastasia Bolshedvorova ist im Stadtparlament in Odessa aktiv. Bild: Nina Lyashonok

Anastasia Bolshedvorova

„Der Angriff auf den Hafen ist ein weiterer Versuch, uns Angst zu machen“, sagt Anastasia Bolshedvorova, die Mitglied des lokalen Parlaments von Odessa ist. „Es ist nicht klar, warum Russland das Weizen-Abkommen überhaupt unterzeichnet hat. Es scheint Diplomatie überhaupt nicht zu kennen.“ Anastasia Bolshedvorova hat einen persönlichen Bezug zum Hafen. „Ich habe meine Kindheit damit verbracht, den Hafen zu betrachten. Ich war dabei, wie er sich entwickelt hat und immer größer wurde.“ Die Küste in der Nähe des Hafens sei einer der beliebtesten Orte zum Bummeln für Einheimische. „Wir sind sehr wütend“, sagt sie. „Russland respektiert keine Vereinbarungen.“

Diese Einschätzung untermauert Anastasia Bolshedvorova mit Vertragsbrüchen aus der Vergangenheit: „Wir haben bereits das Budapester Memorandum von 1994, wonach Russland zusammen mit den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich die Ukraine garantieren sollte. Wir haben das drittgrößte Atomwaffenarsenal der Welt im Austausch für dieses Memorandum aufgegeben, und was haben wir jetzt?“ Und dann bringt sie es auf den Punkt: „Russland kann man nicht trauen. Sie agieren als Terroristen.“

Einer, der die Bomben über sich fliegen sah, ist Artyom Boyko. Der 34Jährige ist Hotelmanager. „Ich spielte gerade mit meinem Sohn im Innenhof des Hotels, als ich im Moment des Angriffs zwei Raketen direkt über meinen Kopf fliegen sah“, erzählt er. „Ich brachte meine Frau und meinen Sohn sofort zur Seilbahn des Hotels. Eine Rakete wurde abgefangen. Dann hörten wir das Geräusch einer Explosion. Es war sehr gruselig.“ In Odessa sind die Sirenen des Fliegeralarms keine Seltenheit, „aber es ist das erste Mal, dass ich die Raketen direkt über unseren Köpfen fliegen sah“, sagt Artyom Boyko.

Der Hotelmanager Artyom Boyko spielte mit seinem Sohn beim Angriff.
Der Hotelmanager Artyom Boyko spielte mit seinem Sohn beim Angriff. Bild: Nina Lyashonok

Artyom Boyko

Auch er traut den Russen nicht wirklich: „Die russische Regierung sagt eine Sache und tut das Gegenteil. Nachdem das Weizen-Abkommen unterschrieben war, hatte ich irgendwie schon das Gefühl, dass sie uns am nächsten Tag bombardieren werden. Genau das ist passiert.“ Dies bedeute, dass Russland keine Regeln und keine Vereinbarungen respektiert. Der Hotelmanager kann nicht nachvollziehen, wie hochrangige russische Beamte nach Istanbul gingen, ihre Zeit damit verbracht haben, Vereinbarungen zu unterschreiben und diese dann einfach nicht zu respektieren. „Ich traue Russland nicht“, sagt Artyom Boyko. „Der Angriff auf den Hafen ist nur ein weiterer Indikator dafür, dass es kein mögliches Vertrauen gibt.“

Alina Boyko hörte die Raketen vorbeifliegen.
Alina Boyko hörte die Raketen vorbeifliegen. Bild: Nina Lyashonok

Alina Boyko

Seine Frau Alina hat die Raketen ebenfalls gehört. Die 30-Jährige spricht von einem „Pfeifen“, das sie vernommen hat. „Es war entsetzlich. Der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam, war, dass wir Odessa jetzt verlassen müssen“, erinnert sie sich. „Aber mit der Zeit konnte ich mich wieder beruhigen.“ Allerdings ist sie in einem Punkt sicher: „Ich glaube nicht, dass das Weizen-Abkommen jemals funktionieren wird. Es gibt keinen Grund, Russland zu vertrauen.“ Dabei argumentiert sie damit, dass die Russen ihren eigenen Bürgern eine völlig andere Version von dem erzählen, was gerade in der Ukraine abläuft. „Ich weiß es deshalb, weil wir Verwandte in Russland haben“, sagt sie.

Jewgenia Pawlowna war zum Zeitpunkt des Angriffs in einem Park.
Jewgenia Pawlowna war zum Zeitpunkt des Angriffs in einem Park. Bild: Nina Lyashonok

Jewgenia Pawlowna

Eine weitere Augenzeugin ist die 72-jährige Jewgenia Pawlowna. „Ich war im Park, als ich zum ersten Mal das Rumpeln der Rakete hörte“, erzählt die Buchhalterin. „Es war direkt über meinem Kopf. Nur Sekunden später traf es den Hafen.“ Die Explosionen seien „wirklich gewaltig“ gewesen. „Ich kann mich noch gut erinnern, wie die Leute plötzlich panikartig den Park verlassen haben“, sagt sie. „Mit solchen Angriffen bringen die Russen Zivilisten in ernste Gefahr.“ Auf die Frage nach der Glaubwürdigkeit des am Freitag beschlossenen Weizen-Abkommens sagt Jewgenia Pawlowna: „Was kann man noch sagen? Welche Vereinbarungen sind mit diesen Personen möglich?“