Miss Germany. Das sind doch die bildhübschen Frauen in knappen Bikinis, einer schwarz-rot-goldenen Schärpe und einem Krönchen auf dem Kopf, die im Europapark gekrönt werden. Außer dem Finale im Europapark hat sich in den vergangenen Jahren allerdings einiges geändert, denn Bikinis zählen nicht mehr und primäres attraktives Aussehen wurde durch Charisma und Ausstrahlung ersetzt. Mittlerweile kommt es auf eine Vision an – so wie bei Anja Kallenbach, die amtierende Miss Germany. Bis vor wenigen Jahren war es nicht vorstellbar, dass eine zweifache Mutter und Geschäftsführerin diesen Titel holen könnte – oder andersherum: dass sie sich überhaupt beworben hätte.

Sie arbeitet in London

Und genauso ist es bei Annika Geiger aus Daisendorf. Sie ist 27 Jahre alt, im Technologie-Bereich erfolgreich, arbeitet und lebt überwiegend in London. In den sozialen Medien ist sie auf das Profil einer Miss-Germany-Kandidatin aus dem vergangenen Jahr gestoßen und hat ihren Werdegang gelesen. „Das hat mich dermaßen inspiriert, dass ich mich schließlich auch beworben habe“, sagt sie.

Dadurch, dass Miss Germany mittlerweile kein ausschließlicher Schönheitswettbewerb mehr sei, sondern eine Plattform für Frauen biete, nahm sie die Herausforderung an. „Und die war für mich enorm“, betont sie. „Allerdings mache ich sehr oft genau das, wovor ich Angst habe, um aus meiner Komfortzone zu kommen.“ Das ist aber nicht alles, denn Annika Geiger hat auch eine klare Vision, die sie sehr gerne „meine Mission“ nennt: „Ich setze mich für mehr Visibilität für Frauen in Tech und in Führungspositionen ein.“ Und sie weiß, von was sie spricht.

Ihre Vision

Sie ist selbst seit vier Jahren im Tech-Bereich beschäftigt. „Als ich als Sales Account Managerin in einem der weltweit größten IT-Firmen in Gehaltsverhandlungen war, bekam ich als Antwort die eine oder andere sexistische Bemerkung an den Kopf geworfen“, erzählt die 27-Jährige. „Mir wurde gesagt, ich solle doch zufrieden sein und mich nicht so haben.“ Es sei bei der Bezahlung ganz offensichtlich nicht um Leistung, sondern ums Geschlecht gegangen. „Das hat mir die Augen geöffnet und gezeigt, wie wichtig es vor allem für Frauen ist, den eigenen Wert seiner Arbeit zu kennen und sich dafür auch klar einzusetzen.“

Frauen dürfen fordern

Es sei unglaublich wichtig, dies in Gehaltsverhandlungen klar zu positionieren, erklärt sie und fügt hinzu: „Und Frauen dürfen durchaus auch mal etwas fordern.“ In zahlreichen Gesprächen mit anderen Frauen im Tech-Bereich hat sie festgestellt, dass sich viele nicht trauen und eine deutlich geringere Wertschätzung sich gegenüber im Vergleich zu Männern haben.

Und genau nach dem Prinzip, man muss sich einfach trauen, schickte die Daisendorferin ihre Bewerbung zur Wahl zur Miss Germany ab. Aus 12.000 Bewerberinnen wurde sie unter die besten 160 gewählt.

Im September gab es in Hamburg einen „Miss Germany Experience Day“ mit Foto- und Videoshooting sowie Interviews. „Wir haben unglaublich viel Bild- und Videomaterial erstellt“, berichtet sie. „Es war für mich wie in einer anderen Welt. Ich habe extrem viel Erfahrung sammeln können.“

„Es geht um Persönlichkeit“

Eines wurde ihr vor Ort bewusst: „Es geht um die Persönlichkeit“, betont Annika Geiger. „Es war toll zu sehen, dass so viele verschiedene Frauen dabei sind.“ Von Abiturientinnen bis mehrfache Mütter, alle Körpergrößen und -maße und sogar Kandidaten mit Behinderung seien unter den Top 160. „Wir haben uns super verstanden“, erzählt sie. „Eine direkte Konkurrenz habe ich überhaupt nicht gespürt.“ Und sie hat ihr erstes richtiges Shooting überhaupt mitgemacht.

Abends im Hotelzimmer musste Annika Geiger erst einmal durchatmen. „Ich saß kurz da und habe mich wirklich gefragt, was da eigentlich gerade passiert war“, erinnert sie sich. „Der Tag war eine wahnsinnige Erfahrung und erfüllte mich mit Stolz, dass ich den Weg aus meiner Komfortzone so gut gemeistert habe.“ Sie habe trotz der Nervosität und des Stresses jede Menge Glücksgefühle gespürt.

Online-Voting

Und mit Spannung blickt die Daisendorferin auf das Online-Voting, das momentan läuft und nachdem aus 160 Kandidatinnen noch 80 übrig bleiben. Von Montag, 18. Oktober, bis Montag, 25. Oktober, kann man Annika Geiger seine Stimme geben. Dabei gibt es eine Skala zwischen eins und fünf. Ein weiterer Abstimmungszeitraum ist vom 1. bis 5. November. Wer am Ende im Schnitt die höchsten Bewertungen auf dieser Skala hat, kommt eine Runde weiter.

Die 27-Jährige hofft nun, dass sie die nächste Runde übersteht und baut auch auf die Stimmen aus ihrer Heimat. Und ein kleines bisschen träumt sie auch schon: „Es wäre natürlich der Hammer, wenn ich im Februar beim Finale im Europapark dabei sein könnte“, sagt sie. „Viel wichtiger ist mir allerdings, dass ich so lange wie möglich meine Vision auf diesem Kanal streuen kann.“ Und ganz nebenbei würde sie Runde für Runde aus ihrer Komfortzone ausbrechen und dabei viele weitere Erfahrungen sammeln.