Jahr für Jahr begeistern die Pfahlbauhäuser in Unteruhldingen durchschnittlich 280.000 Besucher. Im Museum erfahren sie viel Wissenswertes über die Geschichte der Pfahlbauten und das Leben der Menschen in früheren Zeiten. Seit der Gründung des Pfahlbau-Vereins 1922 haben schon mehr als 15,6 Millionen Menschen die Pfahlbauanlage besucht – zweifelsohne eine Erfolgsgeschichte. Damit gehört das Unteruhldinger Pfahlbaumuseum zu den größten und bestbesuchten Freilichtmuseen Europas.

Hier ist Geschichte entstanden: Haben am Samstag um 14 Uhr da angestoßen, wo vor genau 100 Jahren der Pfahlbauverein gegründet wurde: auf der Terrasse des Seehotel in Unteruhldingen (von links): Albert Kläsle, Fritz Schlichte (vom Fischerhaus Meersburg), Markus Wesch (Seehof Unteruhldingen), Erwin Zimmermann (Verein Bürger & Gäste), Museumsdirektor Gunther Schöbel und Gerd Blumenstein. Vorne hält Luise Blumenstein die vergrößerte Einladung zur Vereinsgründung aus der Zeitung von 1922 in der Hand.
Hier ist Geschichte entstanden: Haben am Samstag um 14 Uhr da angestoßen, wo vor genau 100 Jahren der Pfahlbauverein gegründet wurde: auf der Terrasse des Seehotel in Unteruhldingen (von links): Albert Kläsle, Fritz Schlichte (vom Fischerhaus Meersburg), Markus Wesch (Seehof Unteruhldingen), Erwin Zimmermann (Verein Bürger & Gäste), Museumsdirektor Gunther Schöbel und Gerd Blumenstein. Vorne hält Luise Blumenstein die vergrößerte Einladung zur Vereinsgründung aus der Zeitung von 1922 in der Hand. Bild: Jäckle, Reiner

Die Hausrekonstruktionen der Stein- und Bronzezeit (4000 bis 850 vor Christus) wurden nach Ausgrabungsergebnissen am Bodensee und im oberschwäbischen Federseemoor errichtet. Aus ursprünglich zwei Häusern sind mittlerweile 23 geworden. Der Grund für die Bedeutung der Pfahlbauten ist die einzigartige Erhaltung der Funde unter Wasser, darunter beispielsweise Brote, Netze und Hüte. Daher hatte das Unesco-Welterbekomitee im Juni 2011 unter anderem die etwa 500 Meter südlich des Museums gelegene Pfahlbauten-Fundstelle Unteruhldingen-Stollenwiesen zum universellen Erbe der Menschheit erklärt und damit einen wesentlichen Beitrag zum Schutz der Bauten geleistet. Die 1864 entdeckte Fundstelle stellt das bedeutendste Pfahlfeld einer ehemals stark befestigten spätbronzezeitlichen Siedlung am Bodensee dar.

Die Pfahlbauten Unteruhldingen aus der Luft von Land aus gesehen.
Die Pfahlbauten Unteruhldingen aus der Luft von Land aus gesehen. Bild: Jäckle, Reiner

Vereinsgründung 1922

Geburtshelfer der rekonstruierten Pfahlbauten war in erster Linie der langjährige Bürgermeister von Unteruhldingen, Georg Sulger (1867-1939), der von klein auf nach Pfahlbaufunden im Wasser gesucht hatte. Gemeinsam mit dem Oberamtmann des Bezirksamts Überlingen, Hermann Levinger, nahm er einen Vortrag des jungen Archäologen Hans Reinerth 1921 zum Anlass, Federzeichnungen über Pfahlbauten in die Wirklichkeit umzusetzen.

Unterstützung erhielten die beiden von Victor Mezger, dem Präsidenten des Bodensee Geschichtsvereins, dem Ingenieur Paul Fritz und dem Tübinger Universitätsprofessor R.R. Schmidt, der sich für die Ausgrabungen am Federsee verantwortlich zeigte. Auf die Zusammenarbeit dieser fünf Personen ging der Entschluss zurück, einen Verein ins Leben zu rufen. Das geschah am 12. März 1922, als 67 Personen den „Verein für Pfahlbauten und Heimatkunde“ im Gasthaus Seehof aus der Taufe hoben. Heute gehören dem „Verein für Pfahlbau- und Heimatkunde“ 720 Personen an.

Die ersten beiden Häuser der Unteruhldinger Pfahlbauten (hier im Bau) werden 1922 innerhalb von vier Monaten errichtet.
Die ersten beiden Häuser der Unteruhldinger Pfahlbauten (hier im Bau) werden 1922 innerhalb von vier Monaten errichtet. Bild: Diverse Fotografen, s. Bilder

Die ersten beiden Häuser

Bereits am 1. August 1922 wurden die ersten beiden Jungsteinzeit-Pfahlhäuser, die sogenannten Riedschachen-Häuser, errichtet und ihrer Bestimmung übergeben. Noch in gleichem Jahr konnten 6000 Besucher gezählt werden. 1923 kamen bereits doppelt so viele. Der Tourismus in Unteruhldingen erfuhr dadurch erheblichen Aufschwung. Aufgrund der einsetzenden Inflation kostete die Eintrittskarte für einen Erwachsenen bald eine Million Mark, für ein Kind die Hälfte. 1945 beschlagnahmten französische Truppen die Pfahlbauten; marokkanische Soldaten ließen sich im Freilichtmuseum sogar häuslich nieder. Der Pfahlbauverein löste sich formell auf und nahm erst fünf Jahre später seine Arbeit wieder auf.

Die Pfahlbauten im Sonnenuntergang.
Die Pfahlbauten im Sonnenuntergang. Bild: Jäckle, Reiner

1976 brennt das Bronzezeitdorf

Am Ostersamstag 1976 brannte das bronzezeitliche Dorf ab, wurde im Jahr darauf wiedereröffnet. Der langjährige Leiter Prof. Reinerth starb im April 1990; sein Nachfolger wurde der heutige Leiter Prof. Gunter Schöbel. Im August 1994 feierte man Richtfest des erweiterten Museums. Zum 75. Geburtstag wurde 1997 der Vorplatz des Museums dem Spiritus rector feierlich gewidmet: Seitdem heißt er Georg-Sulger-Platz. 2013 wurde das Archaeorama in Betrieb genommen, eine Multimediaeinheit zur Vermittlung der Inhalte des Weltkulturerbes mit 360 Grad Projektionen in drei Sprachen. Es ist Teil eines mittelfristig angelegten Masterplans, der zu einer Weiterentwicklung des Freilichtmuseums führen soll.

Denn um den Besuchern ein modernes und innovatives Erlebnis bieten zu können, plant das Museum eine Erweiterung seiner Gebäude und eine attraktive Gestaltung des Freiraums: Neben einem neuem Eingangsbereich sind zwei neue Ausstellungsgebäude vorgesehen, die in zwei Bauabschnitten entstehen sollen.