Herr Grimminger, was steckt hinter der Bezeichnung Bio-Musterregion Bodensee?

Neben weiteren Maßnahmen werden die Bio-Musterregionen vom Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (MLR) gefördert, um den Anteil des Öko-Landbaus auf 30 Prozent zu erhöhen. Mittlerweile gibt es insgesamt 14 Bio-Musterregionen. Ziel ist es, gemeinsam mit den Bio-Akteuren der Region Ideen und Maßnahmen für mehr Bio aus der Region und für die Region zu entwickeln und umzusetzen sowie die dafür notwendige Nachfrage zu unterstützen.

Und wie sieht die Bio-Musterregion Bodensee aus?

Es ist eine Kooperation zwischen den Landkreisen Konstanz und Bodenseekreis. Seit dem 1. Januar 2019 gibt es sie. Ich teile mir mit meiner Kollegin Lucile Huguet die Stelle des Regionalmanagements. Wir sitzen im Landwirtschaftsamt in Stockach und sind beim Landkreis Konstanz angestellt.

Was sind Ihre Aufgaben?

Es geht darum, die regionalen Wertschöpfungsketten im Bio-Sektor zu stärken. Das Vernetzen der Akteure vom Landwirt, über die verarbeitenden Gewerke bis hin zum Handel und das gemeinsame Entwickeln von Ideen sind zentral. Münden kann dies zum Beispiel in Projekten zur Entwicklung neuer Wertschöpfungsketten oder in einem Konzept zur Verbraucherkommunikation. Letztendlich soll mehr Bio von den Äckern und Wiesen in der Region auch hier verarbeitet und vermarktet werden.

Rainer Grimminger mit dem ersten Hegaukorn. Der Regionalmanager für die Bio-Musterregion Bodensee unterstützt Landwirte aus der Region darin, ihr Urdinkel-Mehl zu vertreiben.
Rainer Grimminger mit dem ersten Hegaukorn. Der Regionalmanager für die Bio-Musterregion Bodensee unterstützt Landwirte aus der Region darin, ihr Urdinkel-Mehl zu vertreiben. Bild: privat

Wie sieht das ganz konkret aus?

Nehmen wir als Beispiel unser Projekt Hegaukorn: Da kamen zwei Landwirte mit der Bitte auf uns zu, eine Veranstaltung für interessierte Bio-Landwirte zu organisieren, um Bio-Braugerste gemeinschaftlich anzubauen und zu vermarkten. Somit war der Anstoß gemacht und durch Vernetzung kam anschließend eines zum anderen. Der erste Partner und Abnehmer des Projekts, bestehend aus Steigmühle Engen und neun Bio-Landwirten, war die Ruppaner Brauerei Konstanz. Später kam dann auch das Thema Mehl und so der Name HegauKorn zum Projekt.

Gibt es weitere Projekte?

Klar, die gibt es. Wir haben zum Beispiel das Bio-Weiderind vom Bodensee oder das Projekt „Mehr Bio in der Gemeinschaftsverpflegung“.

Was versteckt sich hinter dem Projekt Bio-Weiderind?

Damit eine Kuh Milch gibt, muss sie in der Regel jedes Jahr ein Kalb bekommen. Jedoch kann nicht jedes Kalb später zur Milcherzeugung im Betrieb bleiben. Das betrifft schon mal alle männlichen Tiere. Somit erzeugt jeder Milchviehbetrieb auch in einem gewissen Umfang Masttiere. Für diese Tiere sind die vorhandenen Wertschöpfungsketten in der Region unbefriedigend. Weite Transporte können die Folge sein. Das wollen wir ändern.

Wie soll das gehen?

Gemeinsam mit den Milchviehbetrieben, den Partnerbetrieben zur Weidemast, den Schlachtstätten, Verarbeitern und dem Handel versuchen wir, genauer gesagt meine Kollegin Lucile Huguet, die das Projekt betreut, neue Wertschöpfungsketten in der Region aufzubauen. Das Ganze vor dem Hintergrund hoher Standards im Bereich Tierwohl. Die Kälber dürfen bei der Mutter oder einer Amme am Euter trinken und kommen erst in einem Alter von mindestens drei Monaten auf den Partnerbetrieb in der Region zur Weidemast. Im Alter von etwa zwei Jahren werden die Tiere dann in der Region geschlachtet und vermarktet.

Das Konzept hört sich super an. Ist aber sicher auch nicht ganz billig, oder?

So ist es. Die Kälber trinken in der Zeit bei der Mutter etwa 1000 Liter Milch, die somit nicht verkauft werden kann. Außerdem entstehen unter anderem zusätzliche Stall- und Personalkosten.

Die beiden Regionalmanager der Bio-Musterregion Bodensee: Lucile Huguet (links) und Rainer Grimminger.
Die beiden Regionalmanager der Bio-Musterregion Bodensee: Lucile Huguet (links) und Rainer Grimminger. Bild: Landratsamt Konstanz

Wo wird das Projekt umgesetzt?

Eine erste konkrete Umsetzung findet vor unserer Haustür durch das Netzwerk „WIR. Bio Power Bodensee“ statt. Wir hoffen, dass weitere Umsetzungen folgen.

Was ist unter dem Projekt „Mehr Bio in der Gemeinschaftsverpflegung“ zu verstehen?

Sehr viele Menschen nehmen ihre Hauptmahlzeit des Tages außer Haus ein. Das bedeutet Masse und stellt somit einen großen Hebel dar, wenn ein nachhaltigerer Speiseplan in Einrichtungen wie beispielsweise Schulen, Werkskantinen oder Kitas erreicht werden kann. In diesem Projekt agieren wir gemeinsam mit weiteren Bio-Musterregionen und mit dem Ministerium für Ernährung, Ländlicher Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg. Ziel ist es, den Bio-Anteil im Speiseplan auf 30 Prozent zu erhöhen. Möglichst aus der Region und in der Zusammensetzung gesundheitlich ausgewogen. Auch hier steht man vor dem Problem, dass die Wertschöpfungsketten in der Region zur Belieferung der Küchen unzureichend sind.

Ist das Projekt abgeschlossen?

So ist es. Es haben sich sieben Pilotbetriebe in unserem Gebiet beteiligt. Während gut eineinhalb Jahren wurden sie begleitet und gecoacht.

Wie waren die Ergebnisse?

Ganz unterschiedlich. Auch weil die Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich waren. Über die Hälfte der Betriebe hat während der Projektlaufzeit die Bio-Zertifizierung erhalten. Das ist ein Erfolg. Hervorzuheben ist aber auch der Austausch zwischen den Betrieben; das voneinander Lernen; schauen, wie es andere gemacht haben, sich nachhaltiger aufzustellen.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir versuchen, die Betriebe natürlich weiter zu unterstützen – und die aufgebauten Strukturen weiter zu nutzen. Auch für Betriebe, die nicht Teil des Projekts waren, stehen wir natürlich zur Verfügung.

Die Nachfrage nach biologisch erzeugten Lebensmitteln steigt kontinuierlich. Gibt es hierzu Zahlen aus der Bodenseeregion?

Eine genaue Zahl aus dem Bodenseegebiet gibt es nicht. In Baden-Württemberg wurden 2021 in der Landwirtschaft auf etwa 14,5 Prozent der Flächen Bio angebaut. Gleichzeitig importieren wir viele Bioprodukte, um die Nachfrage zu bedienen. Das hilft vielleicht, die Sachlage einzuordnen. Im Detail ist die Situation von Produktgruppe zu Produktgruppe oder von Preissegment zu Preissegment natürlich nochmal sehr unterschiedlich.

Wie sehr trifft die aktuelle schwierige finanzielle Lage mit deutlich gestiegenen Energiekosten die Projekte?

Das ist natürlich ein Dämpfer für die Entwicklung, keine Frage. Aber wir versuchen dennoch, bestmöglich unsere Projekte zu realisieren.

An wen richtet sich die Bio-Musterregion Bodensee?

Prinzipiell an alle. Egal, ob Landwirt, Erzeuger, Produzent, Händler oder auch Verbraucher. Jeder, der eine Idee hat, wie Bio in der Region gestärkt werden kann, ist herzlich eingeladen mitzumachen. Es muss natürlich ins Konzept passen und die Kapazitäten müssen vorhanden sein.

Und wie kann man mitmachen?

Einfach eine Mail schreiben oder anrufen.

Die Fragen stellte Reiner Jäckle