Die Seewoche hat sich mit Walter Völklein über seine Arbeit gesprochen und nachgefragt, wie er zum Weichenbau gekommen ist und wie die Weichen produziert werden.

Herr Völklein, Sie stellen individuelle Weichen für jegliche Spurbreiten von Modelleisenbahnen her. Das bedeutet, Ihr Arbeitsalltag dreht sich komplett um Modelleisenbahnen. Ist das für Sie ein Traumjob?

Auf jeden Fall. Bei mir stimmt der Spruch definitiv, dass ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe.

Wie kam die Liebe zur Modelleisenbahn?

Die kam schon in der Kindheit. So wie bei vielen anderen auch. Schon zum ersten Geburtstag fuhr eine Märklin-Lok im Kreis. Dann wohnte im Haus meiner Eltern noch ein Lokführer mit einer Modellbahn, der mir Vieles über die große Bahn lehrte, aber auch handwerkliche Techniken für den Modellbau beibrachte – die Weichen waren gestellt (lacht).

Und wie kam es dann, dass Sie nicht nur damit spielen, sondern auch noch Teile entwickeln?

Angefangen hat alles Mitte der 1980er Jahre. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich damals eine Bausatzweiche gekauft habe, die nach der Fertigstellung immer Probleme machte. Ich erkannte den Fehler und habe ihn korrigiert.

Video: Jäckle, Reiner

Und das funktionierte?

Natürlich (lacht). Mittlerweile kenne ich mich in den verschiedenen Techniken besser aus, aber schon damals konnte ich den Fehler beheben. Heute bauen wir die kompletten Weichen selbst und lernen immer wieder dazu. Vor allem bei Arbeiten an neuen Projekten, aber auch von den Fehlern der anderen Hersteller (lacht).

Das heißt, Sie haben den Eigenbau immer mehr perfektioniert?

Genau. Im Modellbau spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Viele, die eine Modelleisenbahn aufbauen, machen sich zunächst keine Gedanken über das Endresultat. Irgendwann kommt dann der Punkt, daß man Zubehör benötigt, welches es nicht standardmäßig gibt. Besonders dann wenn einzelne Abschnitte oder die komplette Anlage optimiert werden soll. Dies gilt vor allem für Weichen. Außerdem spielt die detailgetreue Bauweise auch noch eine ganz große Rolle.

Eine Weiche in der kleinsten Spur, die von „Weichen Walter“ produziert wurde. Zum Vergleich liegt eine Zwei-Euro-Münze daneben.
Eine Weiche in der kleinsten Spur, die von „Weichen Walter“ produziert wurde. Zum Vergleich liegt eine Zwei-Euro-Münze daneben. Bild: Jäckle, Reiner

Sie meinen, dass man eine Bahn möglichst exakt im Kleinformat nachbaut?

So ist es. Die vielen verschiedenen Fahrzeuge, es gibt ja auch Schmalspuren, benötigen auch passende Weichen, auch für mehrere Spurweiten oder für Zahnradbahnen. Wir haben eine große Sammlung originaler Baupläne in unseren Schubladen. Manche sind bereits weit mehr als 100 Jahre alt.

Und wie haben Sie es dann geschafft, sich damit einen Job aufzubauen?

Als ich 2007 ein Bild von einer selbst hergestellten Weiche in ein internationales Modellbahn-Forum ins Internet gestellt habe, hatte ich einen Tag später bereits mehr als 1000 Klicks darauf. Das war für mich eine Bestätigung, dass es ein großes Interesse an solchen Weichen geben muss.

Das heißt, das Bild wurde nicht nur angeschaut, sondern es kamen auch erste Aufträge?

Ich wurde von einigen kontaktiert und gefragt, ob ich ihnen auch so etwas bauen könne. Es passiert bis heute, wenn wir auf Messen ausstellen, dass uns Interessenten ungläubig anschauen, wenn wir erklären, dass wir jede beliebige Weiche in jedem Radius und in jeder Spur herstellen können.

Das heißt, das Hochladen der Fotos war die Geburtsstunde von „Weichen Walter“?

Vom Prinzip her ja. Ich habe natürlich noch länger in meinem Beruf als Bäcker gearbeitet, habe aber auch immer mehr Weichen konstruiert, gebaut und versendet. Nach und nach konnte ich den Weichenbau immer mehr ausweiten. Seit ca. 2015 arbeite ich ausschließlich an den Weichen.

Und wo haben Sie die Weichen hergestellt?

Ich habe in meinem Hobbyraum im Keller angefangen. Natürlich habe ich mit den Jahren immer mehr Platz gebraucht. Regale im Keller-Flur, geschotterte Weichen zum Trocknen des Klebers im Heizungsraum… Das war schon grenzwertig! Aber ja, bis 2021 haben wir bei uns zuhause im Keller produziert.

Das hört sich ja nach einer Fabelgeschichte an, dass Sie es im eigenen Keller als Weichenhersteller bis zum Weltmarktführer geschafft haben.

Das kann man durchaus so formulieren.

Woher kommen denn die Aufträge alle?

Aus der ganzen Welt. Wir haben schon nach ganz Europa, in die USA und unter anderem nach Japan, Indien und Neuseeland geliefert.

Haben Sie die Corona-Zeit auch gespürt?

Wir sind sehr gut durch die Zeit gekommen, wie alle in der Modellbaubranche. Alle waren zuhause, konnten nicht reisen, da besinnt man sich aufs Hobby. Deshalb gibt es aktuell längere Lieferzeiten.

Das Familienunternehmen „Weichen Walter“: Gründer und Vater Walter Völklein mit seinen Söhnen Christian und Sebastian sowie Frau Daniela (von links).
Das Familienunternehmen „Weichen Walter“: Gründer und Vater Walter Völklein mit seinen Söhnen Christian und Sebastian sowie Frau Daniela (von links). Bild: Jäckle, Reiner

Und wie produzieren Sie ganz konkret?

Das Einzige, was maschinell angefertigt wird, sind die Schwellen-Elemente. Diverse Teile lassen wir speziell für uns von Spezialisten ätzen oder in Messingfeinguß herstellen. Alles andere wird manuell gemacht. Der Zuschnitt, das Zusammensetzen und die Endverarbeitung ist alles Handarbeit.

Dabei kommt es natürlich auf die Details an, oder?

Klar. Wir senden zunächst einen Plan der jeweiligen Weiche an den Kunden. So kann der Kunde überprüfen, ob alles passt, oder eventuell Änderungen mit uns besprechen. Dann werden die Schwellenelemente einzeln auf den Plan gelegt und durch die vorbereiteten Schienenprofile verbunden. Hinzu kommen dann noch die polierte Weichenzunge sowie das Herzstück. Hier ist Millimeter-Arbeit gefragt. Außerdem verarbeiten wir jede Menge gewünschte Details, was bis zu Schraubenmuttern geht, die teilweise erst unter der Lupe erkennbar werden.

Sie bauen Weichen für Modellbahnen. Woher kennen Sie die vielen Details?

Zum einen durch eigene Recherche im Internet, aber auch vor Ort und durch einige gute Kontakte zu Herstellern von Weichen für das Original. Es kommt immer wieder mal vor, wenn ich den zuständigen Mitarbeitern Bilder unserer maßstabsgetreuen und detailreichen Modell-Weichen zuschicke, dass sie regelrecht ins Staunen kommen, wie viele Details dabei sind. Das ist dann jedes Mal eine Bestätigung, dass wir unsere Arbeit gar nicht so schlecht machen (lacht).

Sie arbeiten ja in einem reinen Familienbetrieb.

Ja. Mein Sohn Sebastian und ich sind in der Produktion und meine Frau Daniela kümmert sich um die Buchhaltung und den Versand. Auch mein Sohn Christian, der staatlich geprüfter Techniker für Maschinenbau ist und als freischaffender Konstrukteur ebenfalls in unseren Räumlichkeiten tätig ist, programmiert die 3D-Daten für den Feinguss und produziert Kleinteile für unsere Weichen im 3D-Druck. Auch für andere Firmen und Modellbahner entstehen mit seinen Druckern präzise Teile, nicht nur für die Modellbahn. Seit einigen Wochen versorgt er uns auch mit Profilen und Drähten aus diversen Metallen aus seinem Online-Shop. Damit sind alle irgendwie involviert.

Wenn Sie jede einzelne Weiche planen, konstruieren und anfertigen, dann ist das ja eine ziemlich aufwendige und zeitintensive Sache. Wie teuer sind die dann?

Das kann man pauschal nicht sagen, weil jede Produktion anders ist. Manche Kunden benötigen nur eine ganz einfache Weiche im nicht sichtbaren Bereich. Für andere lackieren und schottern wir auch noch die Weichen, komplettiert mit Laternen, Antrieben und Decodern. Aber man kann sagen, dass der Preis für eine Weiche bei etwa 80 Euro beginnt.

Sie haben es also geschafft, als Bäcker zum Weltmarktführer für Modellbahn-Weichen zu werden. 2021 haben Sie Ihre Räumlichkeiten im Mühlhofer Industriegebiet bezogen. Welche Pläne haben Sie noch für die Zukunft?

Wir nehmen es, wie es kommt (lacht). Ich bin jetzt 63 Jahre alt und habe für mich einen richtigen Traumjob. Was will man mehr?

Die Fragen stellte Reiner Jäckle