Herr Meyle, am 13. Mai werden Sie auf Ihrer unplugged-Tour im Milchwerk in Radolfzell auftreten. Was erwartet die Besucher?

Ein Konzert in einer gemütlichen Atmosphäre. Alle Songs sind komplett umarrangiert. Wir freuen uns riesig auf Radolfzell. Zumal der Termin ganz neu ist und nicht zu den vielen gehört, die mit der kompletten unplugged-Tour verschoben wurden.

Spielen Sie alleine mit der Gitarre oder werden auch noch andere Musiker auf der Bühne sein?

Wir werden mit der kompletten Band auf der Bühne stehen. Lediglich unser Bläser wird nicht dabei sein. Deshalb sind wie nur zu neunt. Wir spielen unsere Songs mit der großen Besetzung als Kammermusik.

Gerade kam Ihre neue Single „Komm kurz rüber“ heraus. Darin singen sie „Die Welt steht auf dem Kopf, ich mach den Fernseher nicht mehr an“ und „Es sind zu viele schlechte Nachrichten in viel zu kurzer Zeit“. Aktueller kann der Song nicht sein, oder?

Es ist tatsächlich erschreckend, wenn man in Richtung Osten schaut. Der Song ist aber in der Pandemiezeit entstanden, als ein Konzert nach dem anderen abgesagt wurde und wir in einem Lockdown waren. Es geht darum, wie schön es ist, sich in so einer Zeit einfach mal wieder auf ein Bier zu treffen und miteinander reden zu können.

Er gehört zu den bekanntesten deutschen Singer/Songwriter: Gregor Meyle.
Er gehört zu den bekanntesten deutschen Singer/Songwriter: Gregor Meyle. Bild: Ralf Schönenberg

Wo und wie entstand der Song?

Zuhause am Klavier. Ich kann mich noch gut daran erinnern.

Wie war die Corona-Zeit für Sie?

Ich bin recht gut durchgekommen, auch wenn ich letztes Jahr für deutlich weniger Gage auf der Bühne stand. Das war aber gut so, weil wir so unter anderem unsere Band, die ebenfalls Familien versorgen müssen, über die Runden bekommen haben. Natürlich habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, was man denn überhaupt noch machen kann.

Gerade die Veranstaltungsbranche war ja richtig gebeutelt. Wie sehen Sie das?

Das stimmt. Es gab ja politisch leider ein paar Entscheidungen, die etwas unglücklich waren und uns extrem getroffen haben, wobei es die Politik in dieser Zeit auch extrem schwer hatte. Konzerte durften lange nicht stattfinden, aber andere Sachen, wie Zuschauer im Fußballstadion, waren kein Problem. Und das, obwohl die Veranstalter von Konzerten teilweise richtig Geld investiert und intensiv kontrolliert haben. Es hängen einfach jede Menge Existenzen dran.

Er würde auch wieder auf der Straße spielen, um seine Familie zu ernähren.
Er würde auch wieder auf der Straße spielen, um seine Familie zu ernähren. Bild: RALF SCHOENENBERG fine-art-pics.com

Das heißt, Sie haben das Ungleichgewicht der Corona-Maßnahmen klar zu spüren bekommen?

Ja sicher. Und dann kamen ja noch die 16 verschiedenen Auflagen der Bundesländer dazu. Das führte zu kuriosen Situationen. Wir haben vergangenes Jahr ein paar Open Airs gespielt. An der tschechischen Grenze waren 1000 Zuschauer da ohne Kontrolle oder sonst was. Kurz darauf kamen wir in Wetzlar erst aufs Gelände, nachdem wir alle getestet waren. Oder fliegen war auch interessant. Da hast Du mit Mundschutz fünf Cola bestellt und konntest dann ohne Maske dasitzen, weil Du am Trinken warst. Wir hatten uns zwischenzeitlich schon überlegt, mal ein Konzert im Flugzeug zu geben. Es war halt mit zweierlei Maß gemessen.

Haben Sie sich dagegen gewehrt?

Gewehrt ist das falsche Wort. Ich habe mich engagiert. Ich habe 2020 angefangen, für das Land Rheinland-Pfalz beratend tätig zu sein, weil in punkto Veranstaltungswirtschaft kein Know-how da war.

Was haben Sie da genau gemacht?

Es ging einfach darum, was unter Corona-Bedingungen möglich ist. Wir haben darüber diskutiert, wie Regeln für die Veranstaltungswirtschaft aussehen können.

Sie sind ja in Backnang geboren und am Rande des Odenwaldes aufgewachsen, nur knapp 200 Kilometer von Bodensee entfernt. Wie gut kennen Sie die Region?

Unser Schlagzeuger kommt direkt vom Untersee. Deshalb sind wir immer mal wieder dort. Wir sind sehr gerne da und der Bodensee hat ja eine sehr heilende Wirkung. Der Bodensee ist einer der ganz wenigen Orte auf der Welt, wo man mit einem Boot auf dem Wasser sein kann, Du riechst aber trotzdem die Kuhwiese. Wenn man das erlebt, dann weiß man, warum sich die Menschen dort seit 1000 Jahren ansiedeln. Schön sind auch die unterschiedlichen Mentalitäten und Länder direkt am See. Ich finde es vor allem zur Kirschenzeit einfach herrlich.

Gregor Meyle ist mittlerweile auch Wein-Kreateur.
Gregor Meyle ist mittlerweile auch Wein-Kreateur. Bild: Ralf Schönenberg

Sie haben ja noch eine ganz andere Verbindung zur Bodenseeregion, denn Sie sind ja mittlerweile unter die Winzer gegangen. In der Pfalz wächst der „Meyle Wein“. Wie kam es dazu?

Das stimmt, wobei ich kein Winzer bin, sondern mit einem zusammenarbeite. Wir kreieren gemeinsam Weine. Wir bauen neue Rebsorten an. Leider bin ich nur selten im Weinberg dabei. Es ist eine Heidenarbeit, macht aber sehr viel Spaß. Er wird auch sehr gut angenommen.

Sie pflanzen auch die Scheurebe an. Sie sagten mal, dass die Sorte sehr gut zu Ihnen passe. Warum?

Ich mag Wein, von dem man nicht nur ein halbes Glas trinken kann. Außerdem hat er eine tolle Frucht, wird nie langweilig und passt zu ganz vielem dazu. Sie macht einfach richtig Spaß.

2020 waren Sie als Drache bei der TV-Show „The Masked Singer“ dabei. Sie sagten damals, dass Sie das jederzeit wieder machen würden. Was war so außergewöhnlich?

Naja – da spielte sicherlich auch meine Coronaerkrankung mit rein. Es war einfach etwas strange, dass es in Deutschland einen Lockdown gab, auf den Straßen kaum Autos unterwegs waren und wir uns in Kostüme gezwängt haben und die Leute aus dem leeren Studio versucht haben zu unterhalten. Die Show ist einfach eine geile Idee und ein tolles Familienformat, bei dem man sich selbst nicht ganz so ernst nimmt.

Seine Markenzeichen sind Hut, Brille, Bart und Gitarre: Gregor Meyle.
Seine Markenzeichen sind Hut, Brille, Bart und Gitarre: Gregor Meyle. Bild: Ralf Schönenberg

Sie sagten, dass Sie froh waren, durch die Show ein bisschen abgelenkt waren von der schwierigen Corona-Situation.

Aber klar. Ich war auch froh, dass ich einen Job hatte, der ganz nebenbei auch noch einen Heidenspaß gemacht hat. Ich habe ja die Playbacks, die ich gesungen habe, selbst umarrangiert, weil ich so einen „Game of Thrones“-Style haben wollte. Es war total schön.

Stimmt es, dass Sie in den früheren Jahren bei einem Auftritt mal gebeten worden sind, mit dem Singen aufzuhören?

Oh je, da war was. Ich habe früher mit meinem Bruder Felix auf Weihnachtsmärkten gesungen. Einmal haben sich wohl Besucher gestört gefühlt, die uns einen Glühwein hingestellt und gefragt haben, ob wir nicht früher aufhören könnten (lacht). So eine Erfahrung ist aber auch sehr wichtig als Musiker. Da schätzt man es noch mehr, wenn Leute freiwillig kommen und zuhören.

Sie waren 2007 bei der wohl am schwierigsten auszusprechenden Casting-Show der Welt von Stefan Raab und belegten den zweiten Platz. Stefanie Heinzmann gewann. Wie wichtig war die Teilnahme für Ihre Karriere?

Ich denke, es war das Sprungbrett und sicherlich wegweisend. Wenn ich da nicht mitgemacht hätte, würde ich heute sicherlich keine professionelle Musik machen. Das ist so klar wie Kloßbrühe.

Warum haben Sie damals mitgemacht?

Der Grund, warum Stefan Raab das Format machte, war, weil er Leute einladen wollte, die wirklich singen konnten und eigene Lieder schreiben. Das habe ich knallhart ausgenutzt. Nach dem ersten Coversong sagte Stefan zu mir, dass ich doch da sei, um meine eigenen Songs zu spielen. Genau das war auch mein Ziel. So hatte ich die Möglichkeit, als anscheinend erster Künstler der Welt, in einer Castingshow sein eigenes Liedchen zu singen.

In diesem Jahr ist Gregor Meyle auf unplugged-Tour.
In diesem Jahr ist Gregor Meyle auf unplugged-Tour. Bild: Ralf Schönenberg

Würden Sie Nachwuchstalenten empfehlen, sich auf dem Weg nach oben bei einer Casting-Show zu bewerben?

Da kommt es sehr auf das Format an. Wenn es so eine ist wie damals von Stefan Raab schon. So etwas wird es aber wahrscheinlich nie mehr geben. Leider muss es immer spektakulärer sein. In vielen Shows werden die Leute regelrecht vorgeführt. Man sieht das auch im Nachhinein, denn im Format von Stefan Raab waren Leute wie Max Mutzke, Lena Mayer-Landrut, Stefanie Heinzmann und ich dabei. Die sind alle bis heute unterwegs. Jeder konnte sein Ding machen. Damit war das ein Riesen-Sprungbrett.

Damit war der Auftritt bei Stefan Raab sicherlich wichtiger als der endgültige Durchbruch mit „Sing meinen Song“ 2014?

Ja, das war das Präludium und Vorbereitung. Als 2008 mein erstes Album herauskam, waren die Singer/Songwriter noch nicht so angesagt. Der Typ mit der Akustik-Gitarre gehörte damals einfach noch in die 1970er Jahre – so wie Reinhard Mey.

Was unterscheidet Sie von den Liedermachern von damals?

Ich komme eher von der Musik. Reinhard Mey ist ein absoluter Text-Gigant. Allerdings wechselte er die Akkorde kaum, so dass die Musik nach drei Liedern etwas langweilig wurde. Ich liebe einfach die Musik. Text ist auch für mich eine wichtige Sache, er darf aber nicht zu sehr von der Musik ablenken.

Gregor Meyle sieht sich wie ein Zirkus-Direktor: Ohne die hervorragenden Musiker seiner Band geht gar nichts.
Gregor Meyle sieht sich wie ein Zirkus-Direktor: Ohne die hervorragenden Musiker seiner Band geht gar nichts. Bild: Ralf Schönenberg

Heißt das dann, dass Sie sich eher im musikalischen Mainstream sehen?

Ich denke, da sind wir tatsächlich knapp daran vorbeigerasselt, weil wir doch auch Akkorde verwenden, die interessanter sind und sich nicht nur auf den weißen Tasten beim Klavier befinden.

Ist das auch der Grund, warum Sie mit einer dermaßen hochkarätigen Band zusammenarbeiten?

Auf jeden Fall. Es ist sicherlich eine Weltmeister-Band. Jeder einzelne ist ein herausragender Musiker. Es ist ja die komplette Besetzung von „Sing meinen Song“. Viele sind noch mit anderen hochkarätigen Sängern unterwegs wie den Fantastischen Vier, ein anderer steht kurz vor seinem ersten Grammy. Ich bin echt stolz, dass ich mit ihnen zusammenspielen darf.

Und wie sieht dann Ihre Rolle aus?

Gute Frage (lacht). Ich bin so was wie der Zirkusdirektor. Am Ende müssen alle Beteiligten super sein und nicht nur einer.

Wenn Sie einem Nachwuchstalent einen Tipp geben würden, was er machen sollte. Was würden Sie sagen?

Er sollte spielen, einfach rausgehen, auf der Straße spielen oder in kleinen Kneipen. Gitarrenkoffer mitnehmen, auspacken und in Meersburg oder Radolfzell in die Fußgängerzone einfach loslegen wo die Leute sind. Ich habe auch einen Gitarrenverstärker mit Akku zuhause. Man weiß nie, was kommt. Wenn es mal scheiße läuft, dann habe ich trotzdem eine Familie zu ernähren. Und ich würde das dann genauso machen.

Gregor Meyle gastiert am Freitag, 13. Mai, im Milchwerk in Radolfzell.
Gregor Meyle gastiert am Freitag, 13. Mai, im Milchwerk in Radolfzell. Bild: Ralf Schönenberg

Nach Ihrem endgültigen Durchbruch bei der Show „Sing meinen Song“ haben Sie mit „Meylensteine“ sogar eine eigene Fernseh-Show bekommen. Geht das Format weiter?

Das Format ist 2017 nach 14 Folgen leider eingestellt worden. Geradejetzt startet aber ein anderes TV-Projekt, das ich gemeinsam mit Jeanette Biedermann moderiere. Es heißt „Playlist of my life“ und läuft samstags kurz vor 0 Uhr. Es gibt acht Folgen in der ersten Staffel, in denen wir sehr viel Mucke machen und viel live spielen. Ich hoffe sehr, dass wir da weitermachen können.

Sie waren damals mit einem sensationellen VW Bulli unterwegs. War das Ihr Oldtimer?

Leider nein (lacht). Wenn wir eine weitere Staffel gedreht hätten, hätte ich mir genauso einen gekauft. Es war wie eine Zeitmaschine. Jeder, der eingestiegen ist, hatte eine Geschichte damit, die teilweise nicht sendbar waren (lacht).

Also sind Sie auch privat eher der Camping-Typ?

Auf jeden Fall. Ich habe tatsächlich einen Bus, mit dem ich gerne unterwegs bin. Ich nutze das auch manchmal, wenn ich Lieder schreibe. Dann fahre ich kurz ins Sauerland, setze mich raus, koche mir einen Kaffee und schreibe. Ich bin aber auch sonst sehr gerne als Camper unterwegs. Wir sind tatsächlich regelmäßig im Sommer mit Bus und Vorzelt in Holland. Das ist echt cool.

Die Fragen stellte Reiner Jäckle