Mittlerweile tobt der Krieg in der Ukraine seit mehr als 100 Tagen. Es ist unvorstellbar, welche traumatischen Folgen dies vor allem für die Kinder hat. Sie sind die großen Verlierer dieser Auseinandersetzung. Dennoch geht das Leben weiter – auch das vieler Kinder in der ukrainischen Hafenstadt Odessa, die mit ihren Familien nicht geflohen sind oder dort als Binnenflüchtling untergekommen sind.

Internationaler Kindertag

Am ersten Tag des Sommers feiert die Ukraine den internationalen Kindertag. Die Hilfsorganisation „Next“ hat zusammen mit Odessas Bürgermeister Hennadij Truchanow und dem dortigen Zoodirektor Igor Belyakov beschlossen, den Kindern an diesem Tag ein besonderes Geschenk zu machen: Alle unter 14 Jahren hatten an diesem Tag gemeinsam mit ihren Eltern freien Eintritt in den Tierpark.

Freuen sich über die gelungene Aktion: der Bürgermeister von Odessa Hennadij Truchanow (Mitte), Marat Abdullaev, Gründer der Hilfsorgansiation „Next“ (Zweiter von rechts) und Zoodirektor Igor Belyakov (rechts).
Freuen sich über die gelungene Aktion: der Bürgermeister von Odessa Hennadij Truchanow (Mitte), Marat Abdullaev, Gründer der Hilfsorgansiation „Next“ (Zweiter von rechts) und Zoodirektor Igor Belyakov (rechts). Bild: Nina Lyashonok

Tausende sind gekommen

Und das Geschenk wurde rege angenommen. Trotz des Kriegsalltags war der Zoo überfüllt. Vor dem Eingang bildeten sich lange Schlangen. Tausende Kinder nutzten diese Gelegenheit, um die Tiere zu sehen und sich in dieser schweren Zeit zu amüsieren. „Wir tun alles, um unsere Stadt und unser Land zu schützen, um diesen Krieg zu beenden, damit unsere Kinder keine Angst vor allem haben, was passiert“, sagte Hennadij Truchanow. „In Zeiten wie diesen ist es sehr wichtig, Veranstaltungen anzubieten, die die Stimmung der Kinder heben und positive Emotionen für alle geben.“

Der Zoo glich am internationalen Kindertag einem riesigen Kindergarten, in dem die Kleinen aufgeregt hin- und herlaufen. Dabei gab es jede Menge zu erleben, denn die Kinder durften sogar die Tiere füttern. Dabei gab es viele strahlende Gesichter – sogar die Augen strahlten seit langem wieder einmal. „Der internationale Kindertag ist uns sehr wichtig und in diesem Jahr ganz besonders“, sagte Igor Belyakov. „Wir wollten ein großes Fest für die Kinder machen, um ihnen zu zeigen, dass sie sich sicher fühlen können und dass sich Erwachsene um sie kümmern.“

Am internationalen Kindertag in der Ukraine konnten viele Kinder beim großen Aktionstag in Zoo in Odessa den Kriegsalltag wenigstens für eine kurze Zeit vergessen.
Am internationalen Kindertag in der Ukraine konnten viele Kinder beim großen Aktionstag in Zoo in Odessa den Kriegsalltag wenigstens für eine kurze Zeit vergessen. Bild: Nina Lyashonok

Roman Blinov

Einer, der in Odessa kaum noch Spielgefährten hat, ist der 13-jährige Roman Blinov. „Alle meine Freunde sind gegangen. Ich habe niemanden mehr zum Spielen“, sagt er. „Natürlich gibt es soziale Medien und Videoanrufe, über die ich ab und zu mit ihnen spreche, aber es ist nicht dasselbe, als wären sie hier.“ Sein jüngerer Bruder habe beispielsweise große Angst vor den Sirenen, die regelmäßig zu hören seien. „Einmal sind wir mit meiner Mutter Lebensmittel einkaufen gegangen und als wir zurückkamen, saß er zitternd mit Fahrradhelm auf dem Kopf in der Lobby unserer Wohnung“, so Roman Blinov. Umso mehr freute auch er sich über den Tag im Zoo: „Als wir gemeinsam mit unseren Eltern im Zoo waren, haben wir uns irgendwie sicherer gefühlt.“

Dieses Bild entstand beim internationalen Kindertag in der Ukraine im Zoo in Odessa. Beim großen Aktionstag konnten Kinder und Eltern den Kriegsalltag einmal hinter sich lassen.
Dieses Bild entstand beim internationalen Kindertag in der Ukraine im Zoo in Odessa. Beim großen Aktionstag konnten Kinder und Eltern den Kriegsalltag einmal hinter sich lassen. Bild: Nina Lyashonok

Anna Blinova

Auch seine Mutter Anna Blinova, eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, freute sich über diesen Tag: „Es war ein riesiges Fest mit Kinderwettbewerben und kostenlosem Eis. Es war wie ein Hauch frische Luft. Für ein paar Stunden haben wir den Krieg total vergessen“, sagt sie. „In der jetzigen Zeit können wir ein solches Ereignis viel mehr schätzen als vor dem Krieg.“ Sie genoss es, dass so viele mit ihren Kindern gemeinsam im Zoo waren. Auch wenn der Krieg schrecklich ist, habe er die ukrainische Gesellschaft zusammengeschweißt. „Irgendwie fühlt man sich anderen Menschen näher. Man behandelt zufällige Fremde nicht als Fremde, sondern als Menschen, die die Situation, in der wir uns befinden, gemeinsam erleben“, versucht es Anna Blinova zu erklären. „Und Feste wie dieses schweißen uns noch mehr zusammen.“

Marat Abdullaev

Marat Abdullaev, einer der Gründer der Hilfsorganisation „Next“, freute sich, dass die Aktion dermaßen gut angenommen wurde. „Wir haben beschlossen, dieses Fest zu veranstalten, um die Kinder von dem abzulenken, was in der Ukraine gerade vor sich geht, und um ihre Stimmung zu heben“, sagt er. „Für uns war wichtig, dass alleinerziehende Mütter und Familien, die durch den Krieg in schwierige Situationen geraten waren, kostenlosen Eintritt haben und bei dem Besuch vielleicht sogar Kontakte knüpfen konnten, die sie sonst nie gehabt hätten.“ Seiner Meinung nach sei genau dies wichtig, weil viele Kinder durch den Krieg viel mehr Stress erfahren und viele Freunde verloren haben, die das Land bereits verlassen haben. So hatten sie die Chance, mit anderen Kindern in Kontakt zu treten.