Der Wecker klingelt um zwei Uhr in der Nacht. Fünf Hühnerretter vom Bodensee müssen aufstehen, um rechtzeitig zum Einsatzort zu kommen. Sie sind Teil einer Aktion des Vereins „Rettet das Huhn“, die an diesem Morgen mehr als 2200 Legehennen aus einem Großbetrieb retten wollen. Einer davon ist Nic Dilger aus Tettnang. Der 18-Jährige hat in der vergangenen Woche gemeinsam mit der Seewoche dazu aufgerufen, bei ihm potentielle Plätze für die Hühner zu melden. Zahlreiche Seewoche-Leser haben sich nach dem Aufruf in der vergangenen Woche bei ihm gemeldet. „Es war unglaublich, wie viele mich kontaktiert haben“, berichtet der 18-Jährige. „Seit Donnerstag stand mein Telefon fast nicht mehr still.“ So konnten noch zahlreiche weitere Tiere in die Bodenseeregion vermittelt werden.

Fünf Helfer vom Bodensee

Mittlerweile ist es drei Uhr. Die zwei Kastenwagen machen sich mit den fünf Helfern von Tettnang aus auf den Weg. Das Ziel wird bis zuletzt geheim gehalten. Klar ist lediglich, dass eine etwa zweieinhalbstündige Fahrt ansteht. Auf dem Weg zum Großbetrieb, der insgesamt 4000 Legehennen ausstallen wird, macht sich das Quintett Gedanken, was sie wohl erwarten wird. „Ich war selbst bei einer so großen Aktion auch noch nie dabei“, berichtet Nic Dilger. „Deshalb bin auch ich durchaus aufgeregt.“

So ging es an den Bodensee. Hier erkennt man, dass die Hennen so gut wie keine Schwanzfedern mehr haben. Das ist bei Legehennen allerdings normal.
So ging es an den Bodensee. Hier erkennt man, dass die Hennen so gut wie keine Schwanzfedern mehr haben. Das ist bei Legehennen allerdings normal. Bild: Jäckle, Reiner

Erwartungen werden übrtroffen

Es wird buchstäblich eine Nacht-und-Nebel-Aktion, die allerdings seit langem mit dem Betreiber abgesprochen ist. Er hat die Mitglieder und Helfer von „Rettet das Huhn“ eingeladen, so viele Legehennen aus dem Stall zu holen, wie vermittelt werden können. „Anfangs haben wir gehofft, dass wir 1000 rausholen“, berichtet Carmen Martinovic vom Verein, die die ganze Aktion organisiert und koordiniert. „Schließlich haben wir Plätze für mehr als 2200 Tiere gehabt.“ Sie ist froh, dass der Betreiber des Legehennen-Stalls zum Verein „so großes Vertrauen hat und bereit ist, die Tiere abzugeben“. Es sei die erste Aktion bei diesem Großbetrieb, so dass Carmen Martinovic und ihrem Team sehr viel daran liegt, dass alles rund läuft. Dementsprechend intensiv waren die Vorbereitungen, die bereits im August begonnen haben.

So ging es für die Legehennen an den Bodensee.
So ging es für die Legehennen an den Bodensee. Bild: Jäckle, Reiner

Viele Seewoche-Leser helfen

Ziel dieser sogenannten „Open-End-Rettung“ ist, dass so viele Legehennen wie möglich nicht den Weg zum Schlachthof antreten müssen. Deshalb gab es bis zum letzten Abend noch Vermittlungen. „Die Abnehmer mussten uns ein Bild vom Stall und dem Freilauf der Hühner schicken“, erklärt Svenja Will von „Rettet das Huhn“. „Danach wurde entschieden, ob der Bewerber überhaupt Tiere bekommt.“ Unter anderem durch den großen Zuspruch der Seewoche-Leser wurden am Ende sogar die Boxen knapp, in denen die Hühner transportiert werden. „Wir haben ganz kurzfristig noch Hennen-Boxen aus Nürnberg organisieren müssen, um die Tiere überhaupt mitnehmen zu können“, berichtet Svenja Will. „Wir wussten, dass wir nicht alle Legehennen retten können, aber uns ist es gelungen, viel mehr Tiere als zunächst gehofft zu vermitteln.“

Nic Dilger aus Tettnang nach der Rettung von mehr als 2200 Legehennen. Hier steht er vor dem geladenen Transporter, den er vom befreundeten Obstbauern Bruno Wagner kostenlos zur Verfügung gestellt bekommenb hat. Damit wurden die Boxen mit den Tieren an den Bodensee gefahren wurden.
Nic Dilger aus Tettnang nach der Rettung von mehr als 2200 Legehennen. Hier steht er vor dem geladenen Transporter, den er vom befreundeten Obstbauern Bruno Wagner kostenlos zur Verfügung gestellt bekommenb hat. Damit wurden die Boxen mit den Tieren an den Bodensee gefahren wurden. Bild: Jäckle, Reiner

Vor allem die letzten beiden Wochen seien sehr intensiv gewesen, weil sich in dieser Zeit die meisten Interessenten gemeldet haben. Die Aktion wurde medial so weit verbreitet wie möglich. Sowohl in den sozialen Medien als auch in Zeitungen und im Fernsehen wurden Abnehmer gesucht – und gefunden. Am Ende sind es 410, die an 20 Stellen ihre Legehennen übergeben bekommen werden.

Mittlerweile ist es kurz vor sechs Uhr. Die beiden Koordinatorinnen von „Rettet das Huhn“ stehen bereits am Großbetrieb und instruieren die 40 freiwilligen Helfer zwischen elf und über 60 Jahren. Ein Teil wird als Läufer und Fänger eingeteilt. Sie haben die anspruchsvolle Aufgabe, die Legehennen im Stall zu fangen und herauszutragen. Dazu bekommen sie blaue Schutzanzüge, Plastiktüten über die Schuhe, Handschuhe, eine Stirnlampe und vor allem einen dicken Mund-Nasen-Schutz. Gegen den stechenden Geruch nützt dieser allerdings recht wenig.

Um sechs Uhr geht es los

Pünktlich um sechs Uhr geht es los: Zunächst werden die Boxen mit Hanfmatten ausgelegt, um den Hühnern beim Transport wenigstens einen kleinen Komfort zu bieten. Dann öffnen sich die Stalltüren. Die Fänger und Läufer gehen in den Stall – einer von ihnen ist Nic Dilger. „Auch wenn die Lüftungsschächte liefen, war es unheimlich stickig“, erzählt er. „Als wir reingingen, gackerten plötzlich 4000 Hennen los. Sie schrien um ihr Leben.“ Die Lüftung war laut, die Futterketten sprangen an, selbst Nic Dilger fühlte sich „wie in einem Gefängnis“.

Die ersten Helfer kommen mit Legehennen auf dem Arm heraus, die sie den Prüfern übergeben. Diese schauen sich die Tiere sehr genau an und entscheiden, ob sie gesund sind oder ob sie eine spezielle Pflege benötigen. Danach kommen sie in die Boxen und werden von den Zählern gezählt. Wenn eine Box voll ist, rufen diese die Träger, die die Boxen separat stapeln, bevor sie in die bereitstehenden Transporter verladen werden.

Das ist nur ein Teil der Eier, die die Legehennen auf dem Weg zum Bodensee in ihren Boxen in einem der Kastenwagen der Hühnerretter gelegt haben. Sie waren ein beliebtes Geschenk für die Kinder, die mit an den Übergabeorten waren.
Das ist nur ein Teil der Eier, die die Legehennen auf dem Weg zum Bodensee in ihren Boxen in einem der Kastenwagen der Hühnerretter gelegt haben. Sie waren ein beliebtes Geschenk für die Kinder, die mit an den Übergabeorten waren. Bild: Jäckle, Reiner

Als die ersten Tiere aus dem Stall getragen werden, ist es noch stockdunkel. Die Aktion findet deshalb in der Dunkelheit statt, weil die Hühner da noch schlafen. Das Rotlicht an den Stirnlampen erkennen die Hühner kaum. Vielleicht ist es auch die Dunkelheit, die die teilweise stark gerupften Hennen gar nicht so schlimm aussehen lassen. Doch je heller es wird, umso deutlicher sind die Ausmaße zu erkennen.

Hühner haben wenig Gefieder

„Im ersten Moment sieht es immer schlimm aus, wenn ein Huhn kein Gefieder mehr hat“, erklärt Carmen Martinovic. „So sehen die Tiere aber in Legehennenbetrieben aus. Das ist normal.“ Zudem beruhigt sie, dass das Gefieder recht schnell wieder nachwächst. Viel wichtiger sei es, dass sie nicht krank sind, keine Geschwüre oder Wunden haben und auch keinen Durchfall.

Box um Box füllt sich. Auch wenn sich die Helfer nur vereinzelt kennen, läuft alles wie am Fließband. Je heller es draußen wird, umso wacher werden auch die Tiere. Immer wieder schafft es eines davonzuflattern, die aber schnell wieder eingefangen ist. Einige Träger müssen nach eineinhalb Stunden eine Pause machen. Nicht so die elfjährige Ella. Sie marschiert drei Stunden lang stramm durch und holt eine Legehenne nach der anderen aus dem Stall.

Hier warten mehr als 100 Legehennen, die gerade gerettet wurden, auf den Abtransport zu den Übergabestellen, an denen sie den neuen Besitzern übergeben wurden.
Hier warten mehr als 100 Legehennen, die gerade gerettet wurden, auf den Abtransport zu den Übergabestellen, an denen sie den neuen Besitzern übergeben wurden. Bild: Jäckle, Reiner

Um 10.30 Uhr sind mehr als 2200 Tiere gerettet. Dann aber kommt für Nic Dilger der emotionalste Moment: „Das letzte Mal aus dem Stall zu gehen und zu wissen, dass die Tiere, die jetzt noch drin sind, sterben müssen, war unglaublich schwer“, so der 18-Jährige. „Klar haben wir mehr als 2200 Hühner rausgeholt, aber eben etwa 1800 auch nicht.“

Nachdem die Boxen mit den Hennen in die Transporter verteilt sind, ist der erste Teil der Rettungsaktion vorbei. Jetzt fahren die Helfer-Teams wieder in ihre Herkunftsregionen. Die Koordinatorinnen von „Rettet das Huhn“ sind glücklich, dass alles reibungslos und im Zeitplan geklappt hat. Das Quintett aus der Seewoche-Region macht sich wieder auf den Weg an den Bodensee.

Als die Hühnerretter mit den beiden Kastenwagen an der Übergabestelle in Überlingen ankamen, standen bereits mehr als 20 Autos.
Als die Hühnerretter mit den beiden Kastenwagen an der Übergabestelle in Überlingen ankamen, standen bereits mehr als 20 Autos. Bild: Jäckle, Reiner

Viel Andrang in Überlingen

In Überlingen warten bereits diejenigen, die sich bereit erklärt haben, Hennen zu übernehmen. Mit dabei sind unter anderem Julia Parker mit ihren Kindern Mila und Mason aus Herdwangen. „Wir haben gestern auf dem Sofa die Seewoche gelesen und die Aktion gesehen“, erzählt die Mutter. „Da wird eh schon zwölf Hühner und einen Hahn haben, haben wir gedacht, wir nehmen noch einmal vier dazu.“ Damit haben sie kurzerhand ihre Hühnerschar erweitert.

Julia Parker (links) aus Herdwangen mit ihren Kindern Mila (Mitte) und Mason. Sie haben einen Tag vor der Hühnerrettung in der Seewoche von der Aktion gelesen. Sie nahmen ganz spontan vier Tiere auf.
Julia Parker (links) aus Herdwangen mit ihren Kindern Mila (Mitte) und Mason. Sie haben einen Tag vor der Hühnerrettung in der Seewoche von der Aktion gelesen. Sie nahmen ganz spontan vier Tiere auf. Bild: Jäckle, Reiner

Wie auch Bärbel Gehrmann aus Meßkirch. Auch sie las die Geschichte in der Seewoche, überlegte kurz und entschied sich dann auch dafür, sechs der ausgemusterten Legehennen zu nehmen. „Ich habe schon sechs Hühner und einen Hahn“, so Bärbel Gehrmann. „Das war eh ein bisschen wenig für den Gockel.“

Aus Meßkirch kam Bärbel Gehrmann zum Übergabeort nach Überlingen, um sechs Hennen zu retten. Sie hat in der Seewoche von der Aktion gelesen und wollte helfen.
Aus Meßkirch kam Bärbel Gehrmann zum Übergabeort nach Überlingen, um sechs Hennen zu retten. Sie hat in der Seewoche von der Aktion gelesen und wollte helfen. Bild: Jäckle, Reiner

Astrid und Karl-Anton Jäger kamen ebenfalls aus Meßkirch nach Überlingen, um Hühner zu retten. Die beiden haben ebenfalls durch die Seewoche von der „Rettet das Huhn“-Aktion mitbekommen. „Meine Frau hat die Seewoche durchgeblättert und unmittelbar angefangen, auf dem Handy zu tippen“, erzählt Karl-Anton Jäger. „Da habe ich nachgefragt, was sie macht und sie zeigte mir die Aktion.“ Als sie die Nachricht an Nic Dilger geschrieben hatte, kam sofort eine Antwort und sie schickte wie gebeten Bilder vom Stall und der Freifläche „Es war echt alles total problemlos“, so Astrid Jäger. „Jetzt freuen wir uns über sechs neue Hühner.“ Mit diesen haben die beiden nun 19.

Glückliche Besitzer von sechs neuen Hühnern: Astrid und Karl-Anton Jäger aus Meßkirch haben in der Seewoche von der Aktion gelesen und sich angemeldet. Im Hintergund ist das Hühner-Rettungsteam zu sehen, das weitere Tiere übergibt.
Glückliche Besitzer von sechs neuen Hühnern: Astrid und Karl-Anton Jäger aus Meßkirch haben in der Seewoche von der Aktion gelesen und sich angemeldet. Im Hintergund ist das Hühner-Rettungsteam zu sehen, das weitere Tiere übergibt. Bild: Jäckle, Reiner

Weitere Übergaben in Tettnang

Nach einer guten Stunde Übergabe ist einer der beiden Kastenwagen, mit denen das Helferteam unterwegs ist, leer. Mehr als 150 Legehennen haben ein neues Zuhause gefunden und müssen nicht zum Schlachter. Das Team hängt allerdings im Zeitplan, denn in Tettnang warten bereits die nächsten Abnehmer. Mit etwa einer Stunde Verspätung bekommen die nächsten 150 Tiere ihr neues Heim. Auch hier musste jeder Abnehmer einen Übernahmevertrag unterzeichnen. Sehr viele haben bereits Hühner und stocken ihren Bestand mit den geretteten Legehennen auf.

Mason Parker aus Herdwangen sucht sich hier eines von vier Legehennen aus, die er mit nach Hause nimmt.
Mason Parker aus Herdwangen sucht sich hier eines von vier Legehennen aus, die er mit nach Hause nimmt. Bild: Jäckle, Reiner

In der Zwischenzeit ist es 16 Uhr. Der lange Tag der Hühnerrettung ist immer noch nicht vorbei, denn es gilt immer noch etwas mehr als 100 Tiere zu versorgen. Zum Abschluss geht es zur Hühnerfarm von Nic Dilger, der die restlichen geretteten Legehennen zu sich aufnimmt, um sie später zu vermitteln. „Jetzt sind es doch etwas mehr als ursprünglich gedacht“, sagt er. „Das macht aber nichts, denn bei uns gibt es genügend Platz.“ Einige der Tiere seien bereits vorgemerkt, aber die Interessenten hatten keine Zeit, zum Übergabeort zu kommen. Wer Interesse hat, zwei oder mehr Legehennen aufzunehmen, kann sich bei Nic Dilger oder bei Svenja Will melden (siehe Infokasten).

Nic Dulger lässt die mehr als 80 Legehennen auf seiner Hühnerfarm frei, die noch vermittelt werden. Wer Interesse hat, kann sich melden.
Nic Dulger lässt die mehr als 80 Legehennen auf seiner Hühnerfarm frei, die noch vermittelt werden. Wer Interesse hat, kann sich melden. Bild: Jäckle, Reiner

Es gibt noch Legehennen

An der Hühnerfarm angekommen, werden die restlichen 13 Boxen ausgeladen und in einen Stall mit Auslaufmöglichkeit gebracht. Dort werden die Deckel geöffnet und die ersten Legehennen springen in die Freiheit. Die Orientierung fehlt zwar noch ein bisschen, aber nach etwa 15 Monaten Lebenszeit erleben die Hühner zum ersten Mal so etwas wie Freiheit. Zum ersten Mal können sie das Tageslicht genießen. Zum ersten Mal haben sie die Chance, im Sand zu baden. Und zum ersten Mal haben sie so richtig Platz, um sich zu bewegen. Die Rettungsaktion war ein voller Erfolg, auch wenn etwa 1800 Tiere nicht vermittelt werden konnten und den Weg zum Schlachthof antreten müssen.