Seit mehr als 35 Jahren berichtet Michael Martin über seine Reisen und avancierte zum weltweit renommiertesten Wüstenfotografen. Im Rahmen des WunderWelten-Festivals in Friedrichshafen ist er regelmäßig zu Gast. Die Seewoche hat sich mit ihm über Gefahren und Glücksmomente sowie sein neues Projekt „Terra“ unterhalten und nachgefragt, warum er meistens mit dem Motorrad unterwegs ist.

Herr Martin, Sie sind auf der ganzen Welt zuhause. Ihr neuestes Projekt heißt „Terra – Gesichter der Erde“. Was genau steckt dahinter?

Es ist der Versuch, den Planeten Erde zu portraitieren. Dafür habe ich mich zunächst mit der Erdgeschichte und der fernen Zukunft der Erde befasst, dann begann ich 2017 zehn ausgewählte Naturlandschaften auf unserem Planeten zu bereisen und zu fotografieren, die exemplarisch für jene Kräfte stehen, welche die Erde prägen.

Abendlicht im Saguaro-Nationalpark in den USA.
Abendlicht im Saguaro-Nationalpark in den USA. Bild: Michael Martin

Im September erschien Ihr neuestes Buch „Die Welt im Sucher“. Dabei handelt es sich nicht um einen großformatigen Bildband, in dem Sie auf vier Jahrzehnte Fotografenleben zurückblicken. Was hat Sie bewogen, Ihre Biografie zu Papier zu bringen?

Mein beruflicher Weg als Fotograf war lang und anstrengend, ich habe dabei eine Menge Erfahrungen gemacht und die möchte ich weitergeben an alle, die sich für das Fotografieren interessieren. Dabei spielt die Entwicklung der Reisefotografie eine große Rolle: Wie hat sich die Welt vor der Kamera, in der Kamera und hinter der Kamera verändert.

Mit welchem Equipment sind Sie aktuell unterwegs?

Ich bin noch mit der Nikon D5 unterwegs, also einer klassischen digitalen Spiegelreflexkamera der Profiklasse, dazu eine große Auswahl an Objektiven. Wenn ich nach der Präsentation von Terra wieder losziehe, werde ich wohl auch auf spiegellose Kameras umsteigen, die konstruktiv bedingt optisch und mechanisch einfach noch besser sein können.

Hier hat der renommierte Naturfotograf Michael Martin auf dem Salzsee Salar de Uyuini in Bolivien sein Nachtlager aufgebaut.
Hier hat der renommierte Naturfotograf Michael Martin auf dem Salzsee Salar de Uyuini in Bolivien sein Nachtlager aufgebaut. Bild: Michael Martin

Sie haben alle Trocken- und Eiswüsten der Welt besucht. Was reizt Sie so an dieser extremen Natur?

Mir gefällt die Reduktion in den Wüsten, die Abwesenheit von fast allem. Sie sind das perfekte Gegenstück zu unserer überladenen Konsumwelt, sie sind übersichtlich und klar, von großer Ästhetik. Hinzu kommt, dass sowohl in den Trockenwüsten wie auch im Eis die Geografie der Erde greifbar wird, man kann die Spuren der Erdgeschichte sehen.

Welche Ihrer vielen Touren sind Ihnen als die extremsten in Erinnerung?

Es waren die frühen Sahara-Touren in den 1980er Jahren, hunderte, manchmal tausend Kilometer ohne Versorgung, ohne GPS und Sat-Telefon. Aber anders als heute drohten keine Entführungen und Überfälle.

Sie wählen oft das Motorrad als Fortbewegungsmittel – selbst in Wüstengebieten, aber auch auf blanken Eisflächen. Neben Wasser- und Benzinvorräten und dem nötigen Outdoor-Equipment muss auch noch die komplette Fotoausrüstung auf der Maschine verstaut werden. Warum sind Sie bei Ihren Touren so gerne auf zwei Rädern unterwegs?

Natürlich gibt es viele rationale Argumente gegen das Motorrad, wie die geringe Reichweite und Nutzlast. Auf einem Motorrad ist man aber einfach näher dran an der Umgebung, spürt jeden Windstoß, jeden Temperaturwechsel, jeden Geruch. Auch der Kontakt zu Einheimischen ist leichter. Außerdem macht es schlichtweg Spaß.

Das Motorrad als rollendes Fotostudio in Namibia.
Das Motorrad als rollendes Fotostudio in Namibia. Bild: Joerg Reuther

Was gehört bei Ihnen zur Basisausrüstung?

Neben meiner Kamera das Zelt, die Isomatte und der Schlafsack, GPS, Medizin, Wasserflasche und ein voller Impfpass.

Gefährliche Situationen bleiben auf solchen Touren nicht aus. Welche Herausforderungen sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Als Motorradfahrer sind es Stürze und Unfälle, die in den Wüsten viel größere Folgen haben, da es keine Notfallversorgung gibt. Ansonsten sind es Gefahren aus der kriminellen sowie militärischen Ecke wie Entführungen, Überfälle und Minen. Ich versuche natürlich, entsprechende Gebiete zu meiden.

Und die größten Glücksmomente?

Das Heimkommen, aber auch das schöne Gefühl unter Sternen einzuschlafen oder in einen Sonnenaufgang zu blicken. Manchmal macht mich auch ein gelungenes Foto glücklich.

Sie möchten mit Ihren Bildern ein Bewusstsein für die Schönheiten unseres Planeten schaffen. Es geht Ihnen in Ihren Vorträgen und Büchern aber auch immer um Informationen und Inhalte. Hängt das damit zusammen, dass Sie Geografie studiert haben?

Neben der Fotografie waren mir Geografie und Politik immer wichtig. In der Schule fristet die Geografie eher ein Schattendasein, dabei ist sie die Grundlage für unser menschliches Leben auf der Erde. Um dies zu vermitteln, sind Vorträge und Bücher gut geeignet.

Welche Verbindung haben Sie zum Bodensee?

Meine Frau lebte schon viele Jahre in Markdorf, als ich sie in Überlingen kennenlernte. Ich war fünf Jahre daher viel am Bodensee, inzwischen leben wir beide in München. Und Achim Mende, mein erster Reisepartner, lebt heute am Bodensee.

Michael Martin in der Rub al Khali im Oman.
Michael Martin in der Rub al Khali im Oman. Bild: Joerg Reuther

Corona hat auch Sie und Ihre Reiseaktivitäten ausgebremst. Wie haben Sie die vergangenen eineinhalb Jahre verbracht?

Ich habe zwei Bücher geschrieben und neun Filme produziert, ich hatte gut zu tun. Außerdem habe ich mich viel um meine Familie gekümmert und war draußen in der heimischen Natur.

In Ihren Vorträgen zeigen Sie auch Umweltsünden auf. Ist Ihrer Meinung nach das Weltklima noch zu retten?

Es wäre zu retten, aber ich fürchte, die Menschheit kann sich nicht rechtzeitig auf entsprechende Maßnahmen einigen.

Sie werden mit drei Ihrer Multivisionsshows in ganz Deutschland auf Tour sein. In der Region sind Sie aber erst wieder im März 2023 in Oberuhldingen zu sehen. Ist das tatsächlich der einzige Vortrag im Bodenseekreis?

Nein, Terra wird im November 2022 auf dem Wunderwelten-Festival zu sehen sein, außerdem gehe ich sicher wieder nach Markdorf und Lindau.

Solche Vortragsreihen sind bestimmt eine große physische und mentale Herausforderung. Wie gehen Sie damit um?

Ich sehe es als sportliche Herausforderung und suche zwischendrin Ruhe in der Natur. Außerdem habe ich ein gutes Team.

Funktionieren Multivisionsshows auch beim jungen Publikum?

Sie funktionieren auch bei jungen Leuten, doch sie muss man erst einmal in den Saal bekommen.

Haben Sie Ziele, die Sie noch nicht bereist haben, und die nach wie vor auf Ihrer Wunschliste stehen?

Klar, aber um die kümmere ich mich ab 2023.