Einmal im Leben unter der Fahne mit den fünf Ringen an den Start zu gehen. Viele Sportler träumen von einem Start bei den olympischen Spielen. Für Sarah Hundert ist dieser Traum am Wochenende in Erfüllung gegangen, denn die Liechtensteinerin startete in Peking bei den Paralympics im Riesenslalom und im Slalom. Immer mit dabei war auch Ralf Jegler aus Bermatingen-Ahausen. Der 57-Jährige ist Trainer der Monoskifahrerin und in seinem Fach sehr erfahren. Er trainierte bereits das Swiss Paralympic Skiteam und holte mit dessen Athleten sogar Goldmedaillen. Vor vier Jahren wechselte er dann nach Liechtenstein.

Sarah Hundert (rechts) freut sich hier mit der zweifachen Gold- und zweifachen Silbermedaillengewinnerin Anna-Lena Forster aus Radolfzell am Bodensee.
Sarah Hundert (rechts) freut sich hier mit der zweifachen Gold- und zweifachen Silbermedaillengewinnerin Anna-Lena Forster aus Radolfzell am Bodensee. Bild: privat

„Ralf ist für mich wie ein Sechser im Lotto“, sagt Sarah Hundert nach den beiden Rennen in Peking. „Er hatte viele Angebote und entschied sich für mich. Ich kann mir keinen besseren Trainer vorstellen.“ Aber nicht nur sportlich passe es perfekt. „Ich kann mit ihm tatsächlich über alles reden“, betont die Liechtensteinerin. „Die Chemie stimmt einfach.“ Das sei auch ganz wichtig, wenn man im Spitzensport unterwegs ist, denn man verbringe sehr viel Zeit zusammen – meistens beim Training in Malbun in Liechtenstein.

Vor etwa zwölf Jahren hatte Sarah Hundert einen Mountainbike-Unfall. Seit dem ist sie querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Aber entmutigen hat sie sich nicht lassen, denn nur kurze Zeit später begann sie mit dem Skifahren. Es dauerte aber noch einige Jahre, bis sie das unter Profibedingungen begann. Da lernte sie Ralf Jegler als Schweizer Trainer kennen. Und der bislang größte Erfolg ist, dass sich das Team für Peking qualifiziert hat – die Liechtensteinerin ist übrigens die erste Athletin überhaupt, die es für das Fürstentum bis zu paralymmpischen Spielen geschafft hat.

Das alpine Liechtenstein-Team (von links): Physiotherapeutin Milena Bauch, Sarah Hundert und Trainer Ralf Jegler aus Ahausen. Bilder: Privat
Das alpine Liechtenstein-Team (von links): Physiotherapeutin Milena Bauch, Sarah Hundert und Trainer Ralf Jegler aus Ahausen. Bilder: Privat Bild: privat

Die Eröffnungsfeier

Ein ganz großer Moment für Sarah Hundert, Ralf Jegler und Physiotherapeutin Milena Bauch war die Eröffnungsfeier. Die Monoskifahrerin war sogar Fahnenträgerin für Liechtenstein, weil sie die einzige Athletin aus ihrem Land war. Sie wird bei ihrer Premiere nie vergessen, wie sie gemeinsam mit ihrem Trainer und ihrer Physiotherapeutin ihr Land vertretend ins Olympiastadion eingezogen ist.

Erfahrung sammeln

Für uns ging es darum, Erfahrung zu sammeln“, resümiert Ralf Jegler. „Und da konnten wir sehr viel mitnehmen.“ Bis zum Ausfall im Slalom sei seine Athletin sehr gut unterwegs gewesen, lobte er Sarah Hundert. Seit Sommer 2018 haben sich die beiden auf die Paralympics vorbereitet. So eine Vorbereitung ist für den Ahausener nichts Neues. Was allerdings auch für ihn Premiere war, dass es nur eine Athletin aus dem Land gibt.

Sarah Hundert und Ralf Jegler bei einer Trainingsbesprechung im Zielraum der Strecke von Peking.
Sarah Hundert und Ralf Jegler bei einer Trainingsbesprechung im Zielraum der Strecke von Peking. Bild: privat

Die Vorbereitungen waren enorm. „Wir haben sehr viel selber organisiert, es lief aber alles reibungslos“, berichtet er. Trotz des Krieges in der Ukraine und dem Umstand, dass nicht über Russland geflogen werden durfte, war die Anreise von Zürich bis Peking kaum länger. „Die Trainingsbedingungen vor Ort waren wirklich gigantisch und die Pisten immer hervorragend präpariert“, berichtet der Trainer. „Die Infrastruktur und die Organisation waren perfekt und hätten besser kaum sein können.“

Auch seine Sportlerin zeigte sich beeindruckt: „Es wurde alles extrem behindertengerecht gebaut“, sagt sie. „Es führten drei Gondeln zu unserer Strecke und es hatte oben sogar warme Räume, in denen man die Monoskier sogar deponieren konnte.“ Mit dem Blick nach vorne merkt Sarah Hundert aber auch an: „Ich bin gespannt, wie das nach den Spielen genutzt werden wird. Die Gefahr ist sicherlich gegeben, dass das dann eher zu einer Geisterstadt werden wird.“

Die Temperaturen waren mit denen von den Olympischen Spielen von vor wenigen Wochen, als es tagsüber öfter minus 20 Grad hatte, nicht vergleichbar. „Die Sonne schien den ganzen Tag und es hatte sogar Plusgrade“, berichtet Ralf Jegler. Was allerdings alle überrascht hat, war die Beschaffenheit des Schnees. „Ich kann ihn gar nicht beschreiben“, sagt Sarah Hundert. „Solche Bedingungen kennen wir schlichtweg nicht, weil in Peking die Piste ausschließlich mit Kunstschnee präpariert wurde“, erklärt der Trainer. „Ich bin selbst noch nie auf so einem Schnee Ski gefahren.“

Sarah Hundert und Ralf Jegler bei einer Trainingsbesprechung bei den Paralympics in Peking.
Sarah Hundert und Ralf Jegler bei einer Trainingsbesprechung bei den Paralympics in Peking. Bild: privat

Der Alltag in Peking

Der Alltag während der Paralympics sah so aus, dass es drei Trainingseinheiten am Tag gab, für die man sich eintragen konnte. Das liechtensteinische Team war meistens vormittags auf der Piste und nachmittags standen Physiotherapie und Besprechungen an. „Eigentlich gingen die Tage wirklich schnell rum“, so Sarah Hundert. „Und im olympischen Dorf konnten wir uns nahezu frei bewegen. Es gab sogar einen tollen Spieleraum und ein großes Fitnessstudio.“ Die 30-Jährige genoss die Möglichkeit, sich mit den internationalen Athleten auszutauschen. Verlassen konnte man das Dorf allerdings nur zum Training und zu Wettkämpfen.

Zwei Mal ausgeschieden

Nun ist das Abenteuer Paralympics in Peking vorbei. Leider schied Sarah Hundert sowohl im Riesenslalom als auch im Slalom aus, aber allein die Qualifikation und die Teilnahme war für sie bereits ein großer Erfolg. Und sie hat große Ziele. Sie hat zwar erst vor viereinhalb Jahren begonnen, unter Profibedingungen zu trainieren. Doch in vier Jahren soll es wieder zu den paralympischen Spielen gehen, dann nach Turin. Und dann möchte Sarah Hundert um die Medaillen mitfahren. An ihrer Seite wird dann wieder Ralf Jegler aus Ahausen als Trainer sein.