Odessa ist eine bekannte Kurstadt mit etwas mehr als einer Million Einwohner. Jeden Sommer bevölkern normalerweise Tausende Menschen aus der Ukraine und Touristen aus ganz Europa die Straßen und vor allem die Strände. Vor allem nach der Anexion der Krim durch Russland 2014 hat sich die ukrainische Hafenstadt zu einem wahren Tourismusmagneten entwickelt. Die Zahl der Besucher hat sich von bislang etwa einer Million Touristen im Jahr auf mehr als drei Millionen verdreifacht.

Odessa hat aber auch einiges getan, damit sich die Touristen, die zu etwa 60 Prozent aus dem eigenen Land kommen, wohlfühlen. Der berühmte Arkadija-Strand wurde beispielsweise in einen modernen Urlaubskomplex umgewandelt. Außerdem wurde an einem der größten Strände der Sowjetunion, an dem bereits einige Kinofilme gedreht wurden, die Infrastruktur deutlich modernisiert. Entstanden ist fast schon ein eigener Stadtteil mit zahlreichen Restaurants, Cafés, Hotels und Nachtclubs. Mit dem „Ibiza“ hat Odessa sogar auch einen der beliebtesten Nachtclubs Osteuropas.

So ging es bis zum vergangenen Sommer am bekannten Lanzheron Beach in Odessa zu, bevor der Krieg ausbrach. Heute sieht das ganz anders aus.
So ging es bis zum vergangenen Sommer am bekannten Lanzheron Beach in Odessa zu, bevor der Krieg ausbrach. Heute sieht das ganz anders aus. Bild: Nina Lyashonok

Durch die Lage direkt am Schwarzen Meer hat sich die drittgrößte Stadt der Ukraine zudem als bedeutendste Hafenstadt im Land entwickelt. Über die Häfen werden fast die Hälfte der Ex- und Importe der ganzen Ukraine abgewickelt. Um diese Zeit pulsiert in der Regel der Alltag. Sowohl in den Häfen als auch an den Stränden und in den Bars.

Tourismus gibt es nicht mehr

Diese Entwicklung ist allerdings durch den Krieg jäh gestoppt worden. Dieses Jahr ist alles ganz anders. In der Millionenstadt gibt es keine Touristen. An den Stränden, an denen man sonst aufgereiht die Badegäste sieht, stehen Warnschilder, die potenzielle Strandbesucher darauf hinweisen, dass das Gelände vermint sei und das Schwimmen verboten ist. Durch den Krieg ist alles anders. Aber es gibt immer mehr Ukrainer, die sich an die Situation gewöhnen. Manche Menschen haben sich bereits so an den Krieg und die Gefahr gewöhnt, dass sie sich nicht mehr darum zu kümmern scheinen.

Einwohner kommen trotzdem

Trotz des Anfang März in Kraft getretenen Verbots Strände zu besuchen, ignorieren die Einwohner von Odessa die Beschränkungen weiterhin. Die Polizei ist deshalb täglich am Strand unterwegs und fordert die Einwohner von Odessa auf, die Gefahrenzone zu verlassen. Strafverfolgungsbehörden erinnern immer wieder daran, dass die Küste von Odessa eine Verteidigungslinie ist. Deshalb sei sie auch vermint. Zudem sei es nicht unwahrscheinlich, dass auch feindliche Minen am Stand liegen, die durch die Strömung an die Küste gespült werden.

Immer wieder müssen die Polizisten die Menschen am Strand darüber aufklären, dass es wegen den Minen lebensgefährlich sein kann, sich dort aufzuhalten.
Immer wieder müssen die Polizisten die Menschen am Strand darüber aufklären, dass es wegen den Minen lebensgefährlich sein kann, sich dort aufzuhalten. Bild: Nina Lyashonok

Strandgäste nehmen weiter zu

Alla Marchenko ist die Sprecherin der Streifenpolizei in der Region Odessa. Sie berichtet davon, dass immer mehr Menschen die Strände besuchen, einige kommen sogar mit ihren Kindern. „Wir erinnern immer wieder alle daran, dass die Küste vermint ist“ erklärt sie. „Es besteht eine realistische Gefahr, aber die Menschen ignorieren sie schlichtweg“, so Alla Marchenko. „Es ist eben so, dass sie nicht nur sich selbst gefährden, wenn sie ans Meer kommen und sogar ihre Kinder mitbringen.“ Die Polizei führe mit den Strandbesuchern Aufklärungsgespräche und überrede sie regelrecht zum Gehen. Es gibt Sanktionen, wenn eine Person keine Dokumente hat, wenn sie gegen die öffentliche Ordnung verstößt“, sagt Alla Marchenko.

Einer, der trotz der aktuellen Lage es sich nicht nehmen lässt, an den Strand zu gehen, ist Viktor Bondarev. Er hält solche Einschränkungen für unangemessen. „Das ist einfach nicht gut“, sagt er. „Wenn sich Minen im Wasser befinden, sollten die Verantwortlichen eine Art Barriere für sie installieren, damit der Schwimmbereich eingezäunt ist.“ So könne man doch verhindern, dass diese Minen im Wasser bis an den Strandgespült werden.

Auch wenn er mit dieser Meinung nicht alleine ist, gibt es eine offizielle Regelung, die sogar von der Polizei kommt: Diese sagt, dass das Ausruhen am Meer offiziell nur auf Holzdecks am Strand von Lanzheron erlaubt ist. Das Fischen von den Piers, eine der beliebtesten Sommerunterhaltungen der Einwohner von Odessa, wurde zwar ebenfalls verboten, doch es sind trotzdem immer wieder Menschen mit ihren Angeln dort zu sehen.

Tödliche Zwischenfälle

Dass die Warnungen nicht ohne triftigen Grund ausgesprochen werden, haben die vergangenen Wochen bereits gezeigt. Zwei Menschen starben nämlich schon beim Schwimmen, nachdem sie dabei tatsächlich auf Seeminen gestoßen waren. Einem 53-jährigen Mann passierte das bereits am 11. Juni in Gribovka, etwa 40 Kilometer von Odessa entfernt, und erst an diesem Wochenende einer 22-jährigen Frau in Karolino-Bugaz, das etwa 45 Kilometer von Odessa entfernt liegt.

Das ist auch der Grund, warum immer wieder Streifenpolizisten am Strand der Hafenstadt unterwegs sind und kontrollieren. Wenn sie jemanden antreffen, der sich dort widerrechtlich aufhält, informieren sie, dass der Aufenthalt in der Küstenzone lebensbedrohlich sein kann.