Nic Dilger aus Tettnang ist der Hühner-Retter vom Bodensee. Der 18-Jährige hat es durch seinen Einsatz für das gefederte Vieh schon bis in die verschiedenen Fernseh-Kanäle und in die Bildzeitung geschafft. Jetzt beteiligt er sich an einer neuen, riesigen Hilfsaktion des Vereins „Rettet das Huhn“, bei der 4000 Hühner gerettet werden sollen – und es ist bereits fünf vor zwölf: Am 30. Oktober wird ein Großbetrieb in der Nähe von Stuttgart einen Stall leeren, in dem 4000 Legehennen leben. Allen Tieren droht der Tod.

Open-End-Rettung

Die Aktion heißt Open-End-Rettung, weil der Verein mit dem Besitzer ausgehandelt hat, dass sie so viele Tiere herausholen dürfen, wie sie vermittelt bekommen. Allerdings werden für die etwa 15 Monate alten Legehühner dringend noch Plätze gesucht. „Wir sind bereits seit einigen Wochen dabei, Plätze zu finden“, berichtet Nic Dilger. „Wir verteilen die Hennen in ganz Süddeutschland von Freiburg über Offenburg, Göppingen, Überlingen, Tettnang bis nach Ulm und Kempten.“ Es gibt insgesamt 17 Übergabeorte. Anfangs habe man sich das Ziel gesetzt, 1000 Hühner zu vermitteln. Bislang hat das Team von „Rettet das Huhn“ knapp 1200 Tiere untergebracht. Nach diesem Stand werden am 30. Oktober allerdings noch 2800 dieser Hühner nicht mehr zu retten sein.

Jedes Huhn zählt

„Wir sind sicher, dass wir nicht alle Tiere retten könne, was prinzipiell schon schlimm ist“, so der 18-Jährige, der momentan eine Ausbildung zum Landwirt macht. „Wir freuen uns aber über jedes weitere gerettete Huhn.“ Die Legehennen haben ein entbehrungsreiches Jahr hinter sich in einer quälenden Enge und nur darauf bedacht, Eier zu legen. „Sie haben noch nie in der Erde gescharrt, im Sand gebadet oder irgendetwas kennengelernt, was ein Huhn für ein erfülltes und wesensgerechtes Leben bräuchte“, beschreibt Nic Dilger. „Nach dieser Zeit der Ausbeutung haben sie es einfach verdient, noch ein klein wenig ein erfülltes Leben zu haben.“

Nic Dilger beginnt im Herbst eine Ausbildung zum Landwirt und möchte später auf dem Veterinäramt arbeiten. Sein Ziel ist, dass es den Nutztieren gut geht.
Nic Dilger beginnt im Herbst eine Ausbildung zum Landwirt und möchte später auf dem Veterinäramt arbeiten. Sein Ziel ist, dass es den Nutztieren gut geht. Bild: Claudia Wörner

Jedes Jahr droht etwa 45 Millionen Legehennen das gleiche Schicksal wie den 4000 aus diesem Großbetrieb. Dabei werden sie in der Regel alles andere als tiergerecht ausgestallt und zum Schlachthof transportiert, um sie dort zu töten. „Und um dies zu verhindern, brauchen wir auch die Hilfe der Seewoche-Leser“, so der Tettnanger. „Wir suchen Leute, die selbst nur zwei oder gerne mehr Hennen aufnehmen können, um ihnen ein behütetes Zuhause zu geben.“ Der Verein „Rettet das Huhn“ beschreibt den Aufruf noch bildhafter: „Wer kann den Hühnern zeigen, wie sich frische Luft und Sonne auf der Haut, Erde und Gras unter den Füßen, ein wohltuendes Sandbad im Gefieder, ein geschütztes eigenes Nest zum Rückzug und eine beruhigende Gemeinschaft in einer kleinen Hühnergruppe anfühlt?“

Voraussetzungen

Voraussetzung für die Übernahme von mindestens zwei Hennen ist eine artgerechte Haltung. „Es sollten pro Huhn etwa zehn Quadratmeter Auslauffläche und ein Stall mit einem Quadratmeter pro drei Hühner zur Verfügung stehen“, erklärt Nic Dilger. „Wer Hühner übernehmen kann, sollte uns ganz kurz ein Foto vom Platz und vom Stall zukommen lassen.“ (siehe Infokasten) Dieser könne im Garten, auf einem gepachteten Grundstück oder in einer Landwirtschaft sein. „Man sollte den Hühnern jeden Tag etwas zum Picken und etwas zum Trinken geben“, erklärt er weiter. In Überlingen werden am 30. Oktober bereits mindestens 70 Hühner an ihre neuen Besitzer übergeben werden. „Wir hoffen, dass da noch einige dazukommen werden“, so Nic Dilger. „Die Hühner sind recht pflegeleicht und danken es mit einem regelmäßigen Frühstücksei.“

Gefieder wächst schnell

Wenn die Tiere aus dem Großbetrieb kommen, haben sie häufig fehlendes Gefieder, vor allem am Hals und auf dem Rücken. Auf den ersten Blick sehen sie gerupft aus. „In der Regel erholen sie sich aber sehr schnell, wenn sie sich wohlfühlen“, berichtet der Hühner-Retter. „Es kommt nicht selten vor, dass sie sogar zutraulich werden und man sie bald streicheln kann.“ Und ganz nebenbei: Wer ein Tier retten möchte, muss noch nicht mal zahlen dafür. Der Verein übergibt die Hühner kostenlos gegen eine freiwillige Spende.

Die Hühner aus Großbetrieben sehen meistens sehr gerupft aus.
Die Hühner aus Großbetrieben sehen meistens sehr gerupft aus. Bild: Nic Dilger

„Die Aktion wurde jetzt so groß aufgezogen, weil es die wohl letzte in diesem Jahr im Süden sein wird“, erklärt Nic Dilger und fügt hinzu: „Wer also schon mal mit dem Gedanken gespielt hat, sich ein paar Hühner anzuschaffen, dann wäre jetzt der perfekte Zeitpunkt.“ Die zu Hochleistungstieren gezüchteten Hühner werden im Schnitt zweieinhalb Jahre alt. Die Tiere aus dem Legebetrieb haben also durchaus noch eine Lebenserwartung von mehr als einem Jahr. Für den Tettnanger ist es bereits die siebte größere Rettungsaktion gemeinsam mit dem Verein „Rettet das Huhn“. Insgesamt hat er sicher schon etwa 5000 Hühnern das Leben gerettet. Und dieses Mal wird es wohl wieder richtig aufregend werden.

So viele retten, wie möglich

„Wir müssen am 30. Oktober um 6 Uhr morgens am Stall stehen“, erklärt der 18-Jährige. „Dann startet die Rettungsaktion und wir holen so viele Tiere aus dem Stall, wie wir im Vorfeld vermitteln konnten.“ Die Vermittlungen sind noch bis in die Nacht auf den 30. Oktober möglich. „Wir versuchen so viele Hennen wie möglich rauszuholen“, betont er und ist zuversichtlich, dass vielleicht doch noch wenigstens die Hälfte der Tiere gerettet werden kann.