Das im Eigenverlag publizierte Werk hat sich über eine halbe Million mal verkauft. Nun hat auch der Nachfolger „Machste dreckig – Machste sauber – Die Klimalösung“ die Spiegel-Bestseller-Liste erklommen. Wir haben mit den Beiden über technische Möglichkeiten und soziale Akzeptanz für Klimalösungen gesprochen.

Herr Nelles, Herr Serrer, in Ihrem ersten Buch ging es um Ursachen und Folgen des Klimawandels. Worum geht es beim Nachfolger?

Christian Serrer: Diesmal steht die Lösung des Klimaproblems im Mittelpunkt. Wir haben nach unserem ersten Buch viele öffentliche Vorträge gehalten, waren auch bei Unternehmen und Politik eingeladen. Zu unserem Erstaunen haben wir dabei gemerkt, dass die Motivation sehr groß ist, Klimaschutz in die Tat umzusetzen, aber es oft daran scheitert, dass die Menschen nicht wissen, was sie konkret unternehmen können. Diese Fragen wollen wir mit dem zweiten Buch beantworten.

Bild: Verlag

Spielt darauf auch der Titel „Machste dreckig – machste sauber“ an?

David Nelles: Ja. Jedes Kind lernt, wenn man etwas schmutzig gemacht hat, macht man hinterher sauber. Und so ist es beim Klima. Wir haben das Problem verstanden, wir kennen auch einen großen Teil der Lösungen. Jetzt geht es darum, sie abzuarbeiten. Wir beschreiben kurz und knackig Sektor für Sektor, was konkret passieren muss, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Wie sind Sie dieses Mal ans Schreiben herangegangen?

Christian Serrer: Wir sind wie beim letzten Mal auf sehr viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zugegangen, die unsere Textentwürfe gegengelesen und korrigiert haben. Letztendlich waren es über 250 Wissenschaftler. Zum Glück war es diesmal deutlich einfacher, wissenschaftliche Unterstützung zu bekommen. Viele hatten schon unser erstes Buch im Regal und wussten daher, dass wir uns streng an die Faktenlage halten. Wir wollen nicht nur eine Lösung propagieren, sondern zeigen, was die einzelnen Fachgebiete vorschlagen. Wie beim ersten Mal war es uns wichtig, dass das Buch leicht verständlich, wissenschaftlich fundiert und mit auflockernden Grafiken versehen ist – ein Bilderbuch für Erwachsene.

David Nelles: Es gab einen Berg an Lösungen, die wir erst strukturieren und dann Sektor für Sektor angehen mussten. Man hat zwar von Fotovoltaik, E-Autos, Windkraftanlagen etc. gehört, aber meist stehen diese Instrumente nebeneinander. Wir haben diese Bausteine zu einem großen Plan zusammengesetzt. Man muss das Buch nicht von vorne bis hinten lesen, sondern kann es auch einfach als Handbuch zu bestimmten Themen nutzen oder in das Gebiet einsteigen, das einen interessiert, zum Beispiel Landwirtschaft, Elektromobilität oder Energie.

Bild: Edmund Moehrle

Was sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Lösungsansätze?

Christian Serrer: Der größte Hebel ist und bleibt die Energiewende. Man kann es manchmal schon nicht mehr hören, aber über 70 % der weltweiten Treibhausgase entstehen durch die Nutzung fossiler Rohstoffe. Dagegen steht: 2020 wurden gerade Mal 10% der Menge an Windrädern gebaut, die wir langfristig brauchen, um unser Energiesystem zu speisen. Bei Fotovoltaik waren es knapp über die Hälfte. Wir brauchen mehr Geschwindigkeit beim Klimaschutz. Entscheidend ist auch, dass man sich traut, alle Bereiche anzugehen. Bei der Landwirtschaft wollten Politiker es sich lange nicht mit dem Bauernverband verscherzen. Dabei ist der Erfolgsschlüssel, alle Bereiche anzupacken, damit die Klimawende nicht schief geht. Wir hoffen, unser Buch kann ein Leitfaden sein, welche Themen es gibt.

David Nelles: Das Spannende bei der Recherche war zu sehen, wenn die Politik Bock auf Klimaschutz hat, geht es auch voran. In Norwegen hat man schon vor Jahren E-Autos gefördert und sie von der Steuer befreit. Heute sind im Vergleich zu Deutschland die Hälfte aller Autos dort elektrisch angetrieben. Die Schweden haben vor 30 Jahren die CO2-Steuer eingeführt, dadurch wurden Ölheizungen so teuer, dass seit 2012 keine neuen Ölheizungen zugebaut werden. Wir reden hier noch über das Verbot von Ölheizung, da lachen die Schweden drüber, bei denen ist das Thema seit zehn Jahren durch. Das zeigt, wenn man früh die Weichen stellt oder langfristig denkt, dann funktioniert Klimaschutz.

Technisch wäre also sehr viel möglich. Neben dem politischen Willen spielt aber auch die gesellschaftliche Akzeptanz eine Rolle. Wie kann die Bevölkerung mitziehen?

David Nelles: Die soziale Frage ist ganz zentral, wenn man die nicht beantwortet, kann Klimaschutz niemals funktionieren. Deswegen ist die Rückerstattung von Einnahmen aus der CO2-Bepreisung so wichtig. Menschen mit geringem Einkommen würden entlastet. Wenn man die Investition in eine eigene Fotovoltaikanlage tätigt, sind die steigenden Strompreise zum Beispiel nicht mehr so schlimm, da man unabhängiger wird. Es gibt viele kleine Hebel, die man auch als Einzelner bewegen kann.

Christian Serrer: Man muss auch die Akzeptanz für die Maßnahmen in unserer Gesellschaft hochhalten. Das sieht man jetzt bei Corona. Wenn die Akzeptanz nicht da ist, hat man ein ganz großes Problem. Das könnte in Zukunft auch beim Klima eine Rolle spielen. Ich komme aus dem Schwarzwald und da ist die Akzeptanz für neue Windräder nicht verbreitet. Die Politik ist jetzt gefordert, den Menschen zu sagen, dass so eine Windkraftanlage in die Landschaft eingreift und auch Tiere und Pflanzen geschädigt werden. Sie muss dann erklären, warum diese Maßnahme notwendig ist. Wenn wir die Windräder nicht bauen, haben wir weltweit ein viel größeres Tier- und Pflanzensterben als hier durch den Bau eines Windrads. Diese Gesamtstrategie zu kommunizieren, ist ungeheuer wichtig, die Maßnahmen, die auf uns alle zukommen, dürfen nicht beschönigt werden.

Der Klimawandel wird auch den Arbeitsmarkt stark verändern. Können wir Klimaschutz und die Umwälzung in der Wirtschaft parallel schaffen?

David Nelles: Technisch ist es möglich. Wenn man die sozialen Abfederungssysteme mit Umschulungen, Weiterbildungen ganz frühzeitig ansetzt, damit die Menschen parallel den Umstieg vom alten auf den neuen Beruf schaffen, gelingt dies auch sozioökonomisch. Was oft vergessen wird: Wenn die Industrie es nicht schafft, sich umzustellen, wandern die Arbeitsplätze in andere Länder ab. Wir brauchen diese neuen Technologien, und es wäre cool, wenn sie bei uns entwickelt werden. Wir müssen aufpassen, dass wir die zukünftigen Arbeitsplätze nicht immer gegen die heutigen ausspielen.

Woher nehmen Sie die Energie, weiter fürs Klima zu kämpfen?

Christian Serrer: Wir haben jeden Tag mit Politikern und Unternehmern zu tun und sehen, wie viele Menschen sich an vielen Stellschrauben Gedanken darüber machen. Selbst der schwäbische Schmierölhersteller hat mittlerweile verstanden, dass er klimafreundlicher produzieren muss. Wir haben also keinen Klimafrust. Jeder kann kleine Dinge bei sich verändern. Es geht gar nicht um Verzicht, sondern um eine coole Zukunft für uns alle.

David Nelles: Wenn man vegetarisch oder vegan isst, ernährt man sich gleichzeitig auch gesünder, genauso ist es gesünder, wenn man mehr zu Fuß geht und Fahrrad fährt. Wenn man nicht jedem neuen Trend hinterhershoppt, lebt es sich auch deutlich entspannter.

Die Fragen stellte Karin Stei