Der Ukraine-Krieg ist vor allem eines: eine menschliche Tragödie. Die Leidtragenden sind nicht die Entscheidungsträger, ob und wann eine Rakete abgefeuert wird, sondern die Menschen, die bei den Einschlägen ihr Hab und Gut verlieren, verletzt oder sogar getötet werden. Deshalb haben mehrere Millionen Menschen auf die Flucht begeben. Viele haben Zuflucht in Europa gesucht. Aber 30 Millionen Ukrainer sind in ihrem Land geblieben – auch wenn das Leben trotzdem nun ein ganz anderes ist.

So sah das Friedensbrot der Bäckerei Baader aus.
So sah das Friedensbrot der Bäckerei Baader aus. Bild: Landbäckerei Baader

Die Aktion Friedensbrot

Europa und die Welt stehen größtenteils hinter der Ukraine. Auch in unserer Region gab und gibt es zahlreiche private Aktionen, die versuchen mit Hilfsgütern und Geld zu helfen. Eine davon war das „Friedensbrot“, das von der Bäckerei Baader in Frickingen initiiert wurde. „Wir wollten einfach etwas tun und nicht nur zuschauen“, sagt Bäckermeister Josef Baader. „Die Aktion kam überall extrem gut an.“ Insgesamt wurden etwa 3000 Brote verkauft, von denen ein Großteil des Geldes gesammelt wurde. Dabei kamen alleine 8450 Euro zusammen.

Zudem legte Bernhard Strasser mit seinem Baugeschäft in Frickingen noch einmal 3000 Euro und Bruggner Gebäudeservice in Frickingen noch einmal 1000 Euro obendrauf. So brachte die Aktion „Friedensbrot“ insgesamt 12.450 Euro ein. „Wir sind unglaublich dankbar, dass so viele Menschen mitgemacht haben“, freut sich Josef Baader. Die Gelder wurden mittlerweile verteilt und über den Kontakt der Seewoche wurden auch zwei Familien in Odessa unterstützt.

Leonid A. lebt mit seiner Frau Alyona und seinem sechsjährigen Sohn Daniil, bei dem Autismus diagnostiziert wurde, in Odessa. Durch die finanzielle Unterstützung kann die Familie die teuren Medikamente für Daniil bezahlen.
Leonid A. lebt mit seiner Frau Alyona und seinem sechsjährigen Sohn Daniil, bei dem Autismus diagnostiziert wurde, in Odessa. Durch die finanzielle Unterstützung kann die Familie die teuren Medikamente für Daniil bezahlen. Bild: Sergey Panashchuk

Leonid A. und seine Familie

Eine davon ist die von Leonid A. Eigentlich hätte er am 28. Februar seine Arbeit in Alaska in einer Fischfa-brik beginnen sollen. Aber vier Tage zuvor griff Russland die Ukraine an. Die Folge: Es wurde das Kriegsrecht ausgerufen. Das bedeutet, dass Männer zwischen 18 und 60 Jahren das Land nicht verlassen durften. Damit möchte die Regierung sicherstellen, dass es genug Leute für die Territorialverteidigung gibt, falls der Krieg länger dauert.

Leonid A. und seine Familie traf der Krieg deshalb so hart, weil er das Land nicht verlassen durfte und damit auch kein Geld verdienen konnte. „Jetzt arbeite ich als Taxifahrer, um meine Familie zu ernähren“, sagt er. „Ich war am Tag, als der Krieg ausbrach, schon auf dem Weg zum Flughafen“, erzählt er. „Ich hatte keine Zeit, die Nachrichten zu lesen.“ Als er an einer Tankstelle ankam, fiel ihm die lange Autoschlange auf. „Ein Typ, der vor mir in der Schlange war, sagte mir, dass der Krieg ausgebrochen ist“, erinnert er sich. „Da wusste ich, dass sich mein Leben und das Leben meiner Familie über Nacht geändert hat.“

Leonid A. mit seinem Sohn Daniil.
Leonid A. mit seinem Sohn Daniil. Bild: Sergey Panashchuk

Die Schock-Diagnose

Leonid A. lebt mit seiner Frau Alyona und seinem sechsjährigen Sohn Daniil in Odessa. Sie haben in der ukrainischen Hafenstadt weder eine Immobilie noch Verwandte. Die Familie lebt in einer Mietwohnung. Und nun mietet der Familienvater ein Auto, um als Taxifahrer arbeiten zu können. Alyona A. ist Künstlerin und Make-up-Spezialistin, hat ihre Karriere aber nach der Geburt von Daniil aufgegeben. Zunächst plante sie weiterzuarbeiten, wenn ihr Sohn den Kindergarten besuchen kann, aber im Alter von 18 Monaten wurde bei Daniil Autismus diagnostiziert, was bedeutet, dass er eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigt.

Ich persönlich als Vater wollte zunächst nicht glauben, dass mit meinem Kind etwas nicht stimmt“, sagt Leonid A. „Ich dachte, dass er einfach introvertiert sei und sich das eines Tages schon legen würde.“ Nach dieser Diagnose und vielen Arztbesuchen im Alter von sechs Jahren wurde bei Daniil eine Sprachverzögerung diagnostiziert, außerdem versteht er nicht, was die Leute zu ihm sagen. Die Ärzte erklären es so, dass sein Gehirn nicht genug Blut bekommt, da der Blutfluss in der Halsregion blockiert ist. Warum das so ist, wissen die Ärzte nicht.

Info-Austausch gewünscht

Mittlerweile bekommt Daniil eine Therapie, er hat Unterricht bei einem Logopäden, geht im Pool schwimmen, das ändert aber kaum etwas an seinem Zustand. „Wir können und wollen nicht einfach aufgeben“, sagt Leonid A. und fügt äußerst dankbar hinzu: „Daniil bekommt jetzt teure Medizin, die wir uns nur leisten können, weil wir von der Aktion ‚Friedensbrot‘ unterstützt wurden.“ Aktuell sind die Familie und die Ärzte recht ratlos, wie sich der Zustand von Daniil verbessern könnte. Deshalb richtet sich Leonid A. auch direkt an die Seewoche-Leser: „Wenn jemand ein ähnliches Schicksal wie Daniil hat oder jemanden kennt, dem es ähnlich geht, kann uns gerne über die Seewoche kontaktieren.“

Die alleinerziehende Anna B. mit ihren drei Kindern und Hund danken jedem, der sich bei der Aktion „Friedensbrot“ beteiligt hat.
Die alleinerziehende Anna B. mit ihren drei Kindern und Hund danken jedem, der sich bei der Aktion „Friedensbrot“ beteiligt hat. Bild: Sergey Panashchuk

Anna B. und ihre Familie

Die zweite Familie, die von der Aktion „Friedensbrot“ unterstützt wurde, ist die von Anna B. Sie ist stolze alleinerziehende Mutter von drei Kindern, drei Katzen und einem Hund. Sie adoptierte alle ihre Katzen von der Straße und rettete den Hund, nachdem er von ihrem Vorbesitzer schwer geschlagen worden war. Anna B. arbeitet als Journalistin und betreut eine lokale Webseite. Als der Krieg begann, beschlossen ihre Arbeitgeber, ihre Bezahlung zu kürzen. Jetzt bekommt sie nur noch weniger als ein Drittel von dem, was sie vor dem Krieg bekommen hat.

Heimatverbunden

„Es geschah so plötzlich und ohne Vorankündigung“, erzählt die alleinerziehende Mutter. „Ich war schockiert und vor allem deprimiert.“ Sie sei es gewöhnt gewesen, sich lediglich auf sich selbst zu verlassen. Und plötzlich wurde das Geld so knapp, dass es eng wurde, ihre eigene Familie zu ernähren. „Ich fühlte mich lange Zeit als Versager, nachdem sie meine Bezahlung in solch schwierigen Zeiten dermaßen gekürzt hatten“, sagt sie. „Dabei bin ich hier in Odessa völlig auf mich alleine gestellt.“

Die Kinder von Anna B.
Die Kinder von Anna B. Bild: Sergey Panashchuk

Viele ihrer Freunde sind mittlerweile nach Deutschland geflohen. „Sie sind dort sicher und haben mich gebeten, auch zu kommen“, erzählt Anna B. „Aber ich möchte meine Heimat nicht verlassen. Das ist mein Land. Das ist meine Heimatstadt. Ich möchte, dass meine Kinder hier leben.“ Sie möchte unbedingt auf ihre Art und Weise helfen, das Land zu verteidigen. „Alles, was ich tun kann, ist, von hier aus zu berichten“, erklärt die alleinerziehende Mutter.

Anna B. mit einer ihrer Katzen.
Anna B. mit einer ihrer Katzen. Bild: Sergey Panashchuk

Da kam die finanzielle Unterstützung aus Frickingen gerade recht: „Ich bin allen, die bei der Aktion ‚Friedensbrot‘ mitgemacht und gespendet haben, sehr dankbar“, sagt sie. „Sie kam für mich völlig unerwartet, hat mir, meinen Kindern und Tieren aber extrem geholfen.“ Freundlichkeit sei ein Heilmittel für die Seele – gerade in so einer schweren Zeit. „Meine Kinder sind sehr dankbar“, betont Anna B. „Und meine Katzen und der Hund sind es auch.“