Stell dir das vor, es ist Sonntag. Du bist aufgewacht. Du möchtest einen Morgenkaffee trinken, aber dir ist die Milch oder der Zucker ausgegangen, oder Du möchtest ein Croissant haben, also gehst Du zum nächsten Supermarkt. Du kommst aber nicht mehr nach Hause, denn genau als Du dort bist, explodiert eine russische Bombe. Jede Hilfe kommt zu spät und der Weg zum Bäcker war dein letzter.

Tote nach Bombenangriff

Genau das ist am Sonntag vor einer Woche in der sonst friedlichen Stadt Mykolajiw im Südwesten der Ukraine passiert. Drei Zivilisten gingen zu einem Supermarkt, um Lebensmittel zu kaufen. Sie kamen nie zurück. Eine von der russischen Armee abgefeuerte Streubombe kostete sie das Leben. Am gleichen Tag verloren sechs weitere Zivilisten ihr Leben in der Nähe ihrer Wohngebäude, als sie mit ihren Hunden Gassi gingen oder joggten. Sie waren schlichtweg zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein paar hundert Meter vom Supermarkt entfernt, wo einige Zeit nach der Tragödie immer noch große Blutlachen zu erkennen waren, stehen Wohnhäuser. Auch an ihnen ging der Bombenangriff nicht spurlos vorbei, denn am gesamten Gebäude gibt es so gut wie kein ganzes Fenster mehr. Jedes einzelne ist unter dem Druck der Detonation zerborsten. Die Glasscherben sind auf einer riesigen Fläche verteilt.

Die Frage nach dem Warum

Mittlerweile ist es wieder ruhig. Menschen mit großen Augen diskutieren, was mit ihren Wohnungen passiert ist und warum. Eine Antwort darauf zu finden ist schwierig. Und immer wieder eine Frage: Warum? Ein paar Dutzend Meter von den Gebäuden entfernt befindet sich ein großer Krater, in dessen Nähe liegt ein Stück Metall. Es sind die Überreste einer russischen Granate, die von Leuten geschickt wurde, die die Ukraine einst als Brudernation bezeichneten und nun in das Land einmarschieren, um es zu befreien. Nach Angaben des Bürgermeisters von Mykolajiw, Aleksandr Senkevich, wurden am Sonntag vor einer Woche mehr als 15 Wohngebäude durch den Beschuss beschädigt. Neun Menschen sind tot und 13 verletzt. Drei Tage zuvor brachte es der Bürgermeister von Odessa, Gennadiy Trukhanov, auf den Punkt, in dem er sein Wort während einer Pressekonferenz an die sogenannten „Befreier“ richtete und fragte: „Sagen Sie es mir bitte: Von wem werden Sie uns befreien?“

Odessa hat es bisher nicht so schlimm wie Mykolajiw erwischt. Das lokale Luftverteidigungssystem schafft es, den größten Teil der Stadt sicher zu halten, trotz vieler Versuche eines Marineschiffs der russischen Flotte, das nur 40 Meilen von Odessa entfernt kreuzt und von Zeit zu Zeit Raketen auf die Stadt abfeuert.

Odessa ist bereit für die Verteidigung gegen die russischen Soldaten. Die Stadtzentren sind blockiert, in der Innenstadt gibt es viele militärische Verteidigungsanlagen. Es gibt viele Sandsäcke, Soldaten, Polizisten und Mitglieder des nationalen Widerstands. Einige Einwohner von Odessa arbeiten jeden Tag daran, selbstgebaute Panzersperren aus Stahl zusammenzuschweißen.

Der Abgeordnete des Stadtrats von Odessa von der Partei Eurosolidarität und Gründer des Nationalen Widerstandsbataillons „Born in fights“, Andriy Vagapov, gibt sich kämpferisch und hat für den russischen Präsident Wladimir Putin eine unmissverständliche Botschaft: „Ja, wir warten auf sie. Aber nicht so, wie sie es sich vorgestellt haben. Aus jeder Ecke, aus jedem Fenster werden wir, die Leute von Odessa, ihre Soldaten, Panzer und was auch immer sie hierherschicken wollen, verbrennen. Molotow-Cocktails werden überall fliegen. Wir wollen keine russischen Soldaten bei uns, verlassen sie unser Land, solange sie noch können.“ (Stand bei Redaktionsschluss am 16.03.).