Auf die Plätze! Fertig! Los!“ In atemberaubender Geschwindigkeit durchquerten die jungen Rollstuhlrennfahrer die Realschulsporthalle in Blumberg, um als erster das Ziel am Ende der Halle zu erreichen. „Gar nicht so einfach“, wie Fabio aus der 4b feststellen muss, der normalerweise nicht im Rollstuhl sitzt und erstmalig probiert rückwärts damit einzuparken. Ebenso erleben es die 50 anderen Schüler der Klassen 4a und 4b der Blumberger Eichberg-Grundschule.

Die Aktion der Organisation „Behinderte helfen Nichtbehinderten“, mit den Rollstuhlfahrern Wolfgang Tischler aus Hüfingen und Jürgen Wäldele aus Bühl, war von den Klassenlehrerinnen Anna-Maria Vonnier und Michaela Moser-Wunsch initiiert worden. Die Rollstuhlfahrer wollen Hemmschwellen zwischen Behinderten und Nichtbehinderten abbauen – und die Schüler dafür sensibilisieren, wo Alltagshürden lauern.

Klasse 4a mit Klassenlehrerin Anna-Maria Vonnier und den beiden Rollstuhlexperten stellen sich dem Gruppenbild.
Klasse 4a mit Klassenlehrerin Anna-Maria Vonnier und den beiden Rollstuhlexperten stellen sich dem Gruppenbild. Bild: Von Michaela Moser-Wunsch

„Wie kommen Rollstuhlfahrer im Supermarkt an die oberen Regale?“ „Was machen Sie, wenn Sie in öffentliche Verkehrsmittel einsteigen wollen?“ „Können Sie auch ganz normal Duschen?“ Spontane Fragen, die die Schüler den beiden aufgeschlossenen und lebensbejahenden Sechzigern, die seit 45 Jahren unfallbedingt im Rollstuhl sitzen, stellen konnten.

„Natürlich war es ein Lernprozess sich damit abzufinden nicht wieder gehen zu können,“ berichtet Jürgen Wäldele, den ein Motorradunfall damals mit Querschnittlähmung in den Rollstuhl brachte. „Aber konkrete Zielsetzung und ständige Übung haben mir geholfen wieder hochzukommen. Ich wusste mit damals 19, dass ich arbeiten wollte und irgendwann Familie gründen. Es war ein steiniger Weg mit trainieren und lernen. Aber wie in der Schule: Für seine Ziele muss man etwas tun.“ Und auch Sport treiben wie Basketball, Handradfahren oder sogar Reiten ist drin, erläuterte Wäldele. Mit seinen Radfahrkollegen fährt er jedes Jahr die „Oder-Neiße Linie“ ab.

Wolfgang Tischler (rechts) zeigt den Schülern, wie sie im Rollstuhl wenden können.
Wolfgang Tischler (rechts) zeigt den Schülern, wie sie im Rollstuhl wenden können. Bild: Von Michaela Moser-Wunsch

Wolfgang Tischler sitzt seit einem Autounfall in jungen Jahren im Rollstuhl. Seinen Teamkollegen aus Bühl hat er damals im Krankenhaus kennengelernt. Zur Frage nach den Supermarktregalen erklärte er: „Man darf sich nicht scheuen nachzufragen und um Hilfe zu bitten.“

„Hindernisse sind für mich eine Herausforderung. Man wächst daran und durch Übung wird vieles im Laufe der Jahre leichter,“ ergänzte Wäldele, der mit seiner Firma viel um die Welt reist.

Schüler durften ausprobieren

Im Anschluss an die Fragerunde galt es für die interessierten Viertklässler selbst herauszufinden, welche technische Herausforderung so ein Gefährt im Alltag darstellt. Anhand mitgebrachter Rollstühle durften die Schüler in Gruppen ausprobieren wie es sich anfühlt, wenn man versucht rückwärts einzuparken oder Hindernisse wie Matten zu überwinden (vergleichbar mit Randsteinen oder Kopfsteinpflaster) und was es bedeutet im engen Slalom um Hütchen zu kurven. Ebenfalls galt es Engpässe zu durchqueren oder Ballsport im Sitzen auszuprobieren. „Das war echt cool“, so das Fazit von Julia aus der 4b. Mia fügte hinzu: „Am Anfang war es seltsam an den Rädern zu drehen und nicht in die richtige Richtung zu kommen. Aber wenn man sich dran gewöhnt hatte, machte es richtig Spaß.“

Elyan, Merlia, Maja und Ege bei ihrem Erstversuch die Matte zu erklimmen. So sollen die Schüler besser verstehen, wie es sich anfühlt, alltägliche Hindernisse, wie etwa Randsteine oder Kopfsteinpflaster, zu überwinden.
Elyan, Merlia, Maja und Ege bei ihrem Erstversuch die Matte zu erklimmen. So sollen die Schüler besser verstehen, wie es sich anfühlt, alltägliche Hindernisse, wie etwa Randsteine oder Kopfsteinpflaster, zu überwinden. Bild: Von Michaela Moser-Wunsch

Auch Schulleiter Felix Taubenmann konnte im Selbstversuch beim Hindernisse überwinden feststellen, dass Rollstuhlfahren selbst für Sportlehrer eine nicht zu unterschätzende Disziplin bedeutet. Die Schüler haben durch die gemeinsame Aktion Vorbehalte und Unsicherheiten gegenüber Behinderten abbauen können. Wer bereit ist in die Rolle des anderen zu schlüpfen, wird mehr Verständnis für die Alltagsprobleme von Rollstuhlfahrern haben.